Gedanken an Albert Schweitzer
..von der Orgel zum Humanismus
oder
wo sind die Helden heute ?
(gedenken
wir Albert Schweitzer zu seinem Todestag am 4.September 1965 in Lambaréné)
verfasst
von Gerhard Walcker-Mayer am 1.September 2002
Als
Albert Schweitzer 1956 während einer Europareise auch in Ludwigsburg Halt
machte, um mit meinem Vater über Orgelfragen zu diskutieren, war sein Ruf schon
legendär.
Der
Riese Albert Schweitzer, der 1952 den Friedensnobelpreis verliehen bekam und
über dessen Tätigkeiten in Lambaréné schon zu dieser Zeit abenteuerliche
Fernsehfilme liefen, hinterließ auf mich einen unheimlich starken Eindruck.
Besonders seine humanistische und tolerante Einstellung zum Leben und
Lebenlassen, gepaart mit dieser eindeutigen und kompromisslosen Bereitschaft,
alles dafür zu geben, damit andere Menschen ein erträgliches Maß an Existenz
erhalten, dies hat uns als junge Menschen zutiefst fasziniert.
Immer
wieder kam so Albert Schweitzer in mein Bewusstsein, 1961 als Albert Schweitzer
einen Brief an meinen Vater schrieb, die Orgelromantik betreffend, bei seinem
Tod am 4. September 1965 in Lambaréné, die wenigen Diskussionen in der
Merzschule in Stuttgart über Humanismus waren ohne an Schweitzer anzuknüpfen
undenkbar. Mein Eintritt in die Erich Fromm-Gesellschaft, die sich dem
Humanismus verschrieben hat und die mit dem aktiven Humanisten Schweitzer
gewissermaßen einen Gefährten zu Erich Fromm gefunden hat, haben alte
Gedankenverbindungen wieder aufgefrischt. Aber als Orgelmusiker und Kämpfer für
ein Orgelideal ist mir Schweitzer kaum ins Bewusstsein getreten. Wir waren so
fest eingebunden in eine Orgelbewegung, die nichts mehr bewegen sollte, dass
von Gedanken an die Gründer und Quellen, außer von ein paar liebenswürdigen
Supper- Worten im Ars Organi kaum mehr die Rede war.
Die
Revolution war zu Ende, das Ziel war längst erreicht - wir bauen heute in den 60erJahren die besten
Orgeln aller Zeiten - dies war ein
Bewusstsein, wie es ziemlich genau in den Jahren 1905 mit anderen Vorzeichen
ebenso vorkam, zu einer Zeit also in denen Albert Schweitzer seine erste
Kampfschrift „Deutsche und französische Orgelbaukunst und Orgelkunst“ schrieb.
1927 erfolgte die Ergänzung zu dieser Schrift mit selben Titel.
Im
Laufe der folgenden Jahrzehnte (1950-2000) wurde nun allgemein ein erweitertes
Bewusstsein entwickelt das vielleicht damit zusammenhängt, dass es in Europa
noch nie eine Periode gegeben hat, wo 50 Jahre am Stück Friede geherrscht hat.
Die erste Periode der Bewusstseinsschaffung war zweifellos der Erste Weltkrieg,
indem die verschlafenen Bauern aller Nationen aus ihren Kuhställen geschleppt
wurden und mit modernsten Geräten und Kommunikationen konfrontiert werden
sollten. Beide Bewusstseinsepochen aber haben im Marschgepäck, dass die solchermaßen
aufgeklärten Massen den nächsten Schritt der Kulturaneignung nicht mehr
mitmachen (konnten?) und zum Entsetzen der weisen Führer auf halben Wege stehen
blieben. Man betrachte sich nur die heutige, völlig verblödete
Fernsehgesellschaft (die aber, und hier kommen unsere an der Materie so
interessierte Wissenschaften völlig ins Schleudern, ein über alle Zeiten
herausragendes faktisches Wissen besitzt).
Nun
diese zwei Jahrzehnte Bewusstseinserweiterung (1970 bis 1990) oder (1980-2000)
(jeder soll sich seine individuelle Periode dazu eintragen wie er will) haben dazu geführt dass alte Bewertungen
neue Impulse erfuhren. „Die Moderne ist zu Ende“ will sagen, es gibt keine
Metageschichten mehr, es gibt keine Story mehr, wo man jemanden erzählen kann,
dass es eine lineare Entwicklung gibt, von einem schlechten zu einem idealen
Zustand. Alles will gereizt werden. Lust, Freude, Leidertragenkönnen,
Leidenschaften kehren zurück an den Tisch des Postmodernlers, der schnell in
Beliebigkeiten ersaufen kann. Denn wenn alles erlaubt ist, dann ist nichts
mehr. Besinnung auf Tiefe und Antike und auf einen fremden Gott, der bei
manchen auch der kommende Gott heißt oder der bei Pärt schon wieder eine
klassische Dimension angenommen hat, wo allerdings in seiner Entrückung und Askese
auf das Instrument verzichtet werden kann, die Erde kaum noch gespürt wird.
Vergeistigung ja, rufen wir aus, aber die Erde verlassen ? wollen wir das ?
Wir
denken zurück an die Großen der Geschichte, wir Orgelbauer und Orgelspieler,
wir landen immer irgendwo bei Bach und dann kommen wir über Mendelssohn zu
Messiaen oder sonstwohin und so ist es vielleicht heute im Zeitalter des
Wassermanns, das als Jahrtausend des Gefühls, des Feminismus, der
Irrationalität, der Großen Mutter nicht verwunderlich, dass wir mit der nicht
überwundenen Romantik des 19 Jahrhunderts beginnen und die Rollläden schließen
zu Schumannscher Klaviermusik, später dann legen wir Impromptus von Schubert auf und beweinen unsere Einsamkeit.
Und
hier in diesem Bewusstseinszustande (vielleicht ist es Periode 3) finde
ich Albert Schweitzer als Kämpfer für ein Orgelideal, das wir in unseren
jüngeren Tagen so gar nie gekannt haben. Die Perspektive ist klar eine andere,
wir heutigen sehen den Riesen Schweitzer, wie er als Feuerkämpfer 1905 eine
Schrift verfasst hat, als die Industrialisierung in Deutschland und England
wohl ihrem ersten Höhepunkte entgegenwankte. Die Damaligen konnten nicht
wissen, was da für ein willenstarker Mensch dahinter steckte, der später alles
über Bord warf und jegliche Annehmlichkeit verwarf, der seine wunderbare Zukunftsaussicht in Frankreich oder
Deutschland auf dem Altar des Humanismus und der Menschliebe opferte, der
Menschen zu einer Zeit unter die Arme griff, als in Europa der Teufel
höchstpersönlich jede Form der Menschlichkeit verhöhnte.
Und
so haben wir heute eine seltsame, weil einseitig auf diese ungeheuere
menschliche Leistung verzerrte Perspektive zu dem Riesen Schweitzer.
Dennoch
können wir klar und eindeutig Schweitzers Bedeutung für Elsässische Orgelreform
und die daraus resultierende Orgelbewegung herausstreichen. Die Schrift
„Deutsche und Französische Orgelbaukunst und Orgelkunst“ hat zwar einen
eigenartigen Titel, denn es wird fast ausschließlich die Französische
Orgelkunst beschrieben, aber die Schrift ist von dem nach Wahrheit dürstenden
und leidenschaftlichen Jünger Bachscher Orgelmusik beseelt und sie entbehrt von
kleineren Missgriffen abgesehen nicht der Fachkenntnis, sondern man ist eher
erstaunt, wie gut informiert Schweitzer in viele Dinge eingeweiht war.
Angetrieben,
von dem Umstand, dass Regersche Orgelmusik weder in St. Sulpice, Paris noch
Widorsche Symphonien in Deutschen Kathedralen spielbar sind beginnt sich der
Elsässer Albert Schweitzer berufen zu fühlen diesen Umstand zu ändern. Ein wesentliches
Element dieses Antriebs war aber auch der Umstand, dass viele gute und alte
Orgeln in Deutschland dahingemordet wurden (wir kennen es ). Dem technische
Wahnsinn, der sich in deutschen Orgeln breit machte mit Spielhilfen und
Drückern und Tasten (wir kennen es) setzt Schweitzer das überlegte System der
französischen Orgel entgegen, mit dem An- und Abkoppeln der Klaviere und die
„Appels“ der Zungen und Mixturen sowie die dynamische Steigerung des franz.
Schwellwerks. Widor nun, der ein heftiger Gegner der Drucktaster unter dem
I.Manual war, beflügelte Albert Schweitzer zu der These, dass Fußtritte beim
Bachschen Präludium die einzige Möglichkeit der Registrierung bieten.
Wo
nun Albert Schweitzer vollkommen irre geht, dies ist unsere heutige Auffassung
von historischer Entwicklung, er behauptet nämlich :“Es kann nur e i n e n wirklich vollendeten Orgeltypus geben“. Hier
spricht der große weise Mann eine platonische Wahrheit aus, die nach dem Ende
der Moderne keine Gültigkeit mehr hat. Als postmoderne Zeitgenossen wissen wir,
dass alle Bewegung nicht teleologisch auf ein Endziel ausgerichtet ist, aber
auf Zwischenziele. Oder anders ausgedrückt, es gibt viele Wahrheiten zu
unterschiedlichen Zeiten zu dem selben Gedankenkomplex, oder, es gibt viele unterschiedliche
Perspektiven auch, aber auch das wiederum ist nicht die Wahrheit, und alles ist
miteinander verschachtelt – kein Mensch weiß was, am Ende landen wir wieder bei
Sokrates, wo der Wert die Tugend darstellt.
Zwei
Orgelsystem, wie die Kegellade und die Schleiflade haben ihre Berechtigung,
ebenso zwei unterschiedliche Disponierweisen, wie z.B. die angelsächsische
verglichen mit der unsrigen. Zu einem Orgelvortrag über eine Bachfuge zu sagen
„wenn dies der ewige Kantor hören würde, er würde sich im Grabe umdrehen“ ist
bereits der Beginn eines riesigen Irrtums. Stellt nämlich der Komponist sein
Werk zur Verfügung, so ist es im göttlichen Flusse, und er hat keine Macht mehr
darüber. Nach dem II.Weltkrieg wurde eine neue Quellenbewertung der Bachschen Orgelwerke
vorgenommen, nachdem Straube seine „romantische“ Edition revidierte. Diese
Vorstellung der „originalen“ und „authentischen“ Wiedergabe, die sich strikter
Quellentreue und wissenschaftlich abgesicherter Simulation der historischen
Bedingungen verschrieb, kann heute nur als moderne ästhetische Utopie
bezeichnet werden, also historische Fiktion, mit einem anderen Wort
„musikwissenschaftlicher Wahnsinn“.
Diesen
Wahnsinn unterstelle ich natürlich nicht Schweitzer, da er ja seine Schrift
1905 verfasste und mit Sicherheit auch nicht in eine solche „Blutleerheit“
hineingetappt wäre, aber ich unterstelle ihm einer Perspektive zu unterliegen
und die Wandelbarkeit nicht erkannt zu haben.
Oscar
Walcker verteidigt in seinen „Erinnerungen einer Orgelbauers“ den Vorwurf
Albert Schweitzers, dass das „Organola“ gar der Sündenfall unseres Modernen
Orgelbaus darstellt mit den Worten, dass die Freien Kirchen keine Organisten
hatten und er diese Idee der New Yorker Casson- Companie für solche Zwecke
übernahm. Natürlich standen bei Walcker Geschäftsentwicklung und viele andere
Interessen dahinter, aber auffällig ist, dass Oscar Walcker die berechtigte
Frage Albert Schweitzer überhaupt nicht verstand. „Welche Geschmacksverirrung
liegt aber schon darin, dass unser Orgelbau uns solche nichtssagende Dinge wie
Echowerke und Organola zu offerieren wagt !“ entgegnet Oscar Walcker mit der
Beschreibung einer „Wunderwelt an Technik“ und dass solche Rollen von Straube,
Max Reger, Alfred Sittard, Günter Ramin u.v.m. bespielt wurden, anstatt einer
musikalischen Begründung Platz zu machen.
Albert
Schweitzer als Musiker von Fleisch und Blut wettert gegen die Pneumatik (im
Gegensatz zu Rupp) und erkennt völlig richtig, dass es auf solcherlei Orgel
viel, viel schwerer ist, gut zu spielen – er kann aber auch bestätigen, dass es
geht. „Es gehört ein Künstler dazu, um auf einer guten Pneumatik gut zu
spielen. Und die pneumatischen Systeme unserer Walcker und Sauer, um nur zwei
der hervorragendsten zu nennen, sind wahre Meisterwerke“ stimmen wieder
versöhnlicher, aber das protzige Herausstellen der Barkermaschinen der
französischen Orgel gegenüber der pneumatischen Steuerung der deutschen Orgel
leuchtet nicht ein, es sei denn, man stellt uns eine gute Barkerorgel gegen
eine schlechte Pneumatik mit viel zu langen Bleirohren und ohne Zwischenrelais
als Vergleich vor Augen und Ohren.
Zu
der klanglichen Entwicklung in Deutschland bis hin zu den Hochdruckstimmen
bemerkt Schweitzer bissig „Eine fette Person ist weder schön noch stark.
Künstlersich schön und stark ist nur die Form mit dem vollkommenen Spiel der
Muskeln“ und mit einem abschließenden Satz „Lüge besteht nicht in der Kunst,
denn Kunst ist Wahrheit“ . Die grenzelose Erzeugung von „elektrischem
Windmassen“ und den „Wegfall der künstlerischen“ Grenzen, erkennt Schweitzer
vollkommen rein und klar die Dominanz technischer Spielereien vor der
künstlerischen Askese. Man könnte es auch neu formulieren „mit dem Wegfall des
Maßes“, was uns die Renaissance mit ihrer Verehrung des antiken Geistes geschenkt
hat, mit Einbruch der Industrialisierung wird unsere deutsche Orgel brutal und
technisch. Ganz exakt der Zustand den wir heute durchleiden, ohne dass es die
meisten überhaupt realisieren.
Der
Feuerkämpfer Albert Schweitzer wird mir mit den nachfolgenden Sätzen mehr und
mehr orgel-sympathisch, auch wenn er diese mit Sicherheit in späteren Jahren
wieder revidiert haben würde :“Kampf des Kaufmännischen mit dem Künstlerischen.
Sieg des Kaufmännischen über das Künstlerische. Ein Haus, das das Künstlerische
über das Kaufmännische stellte, war von vorneherein verloren“. Und er bemerkt,
dass die geniale deutsche Erfindungsgabe der letzten zehn Jahre fast nur auf
Verbilligung ausging und ausgehen musste. Dabei erinnere ich mich wieder an
Oscar Walcker, der 1923 nach dem Bekanntwerden mit Hans Henny Jahnn und dessen
Zahlensymbolik von Kepler bis Pythagoras entgegnete : „meine heiligen Zahlen
sind die der Betriebswirtschaft“.
Beschwörend
beschreibt Albert Schweitzer das ausgeglichene harmonische Ganze der
Cavailleschen Klaviere „Die Grundstimmen des Hauptwerks im ersten Manual geben
die Grundierung ab, mit weichem und
vollendet gesundem Ton; die des II.Klavieres bringen gewissermaßen die
Helligkeit hinein; die des III liefern die Intensität. Es ist beim Hinzuziehen
des III.Manuals, als ob mit jenem Augenblicke Licht, weißleuchtendes Licht, in
die Grundstimmenmasse hereinflutete“. Aber er bemerkt auch, dass bei ACC vielleicht die Mannigfaltigkeit, die
einzelne deutsche Orgelbauer in der Flötenfamilie erreicht haben, fehlt. Bei
den Zungen stellt Schweitzer fest, so befriedigen weder die deutschen noch die
französischen, da beide zu stark dominieren. „ Als ich Widor gelegentlich
sagte, dass ich die niederschmetternde Wucht der sonst so prächtig gearbeiteten
französischen Zungen für einen künstlerischen Nachteil hielte, gestand er mir,
dass er dieselben Überlegungen schon seit Jahren mit sich herumtrage.“
Der
Logik Albert Schweitzers, dass ohne die vollendete Orgelbaukunst seiner Zeit
Bachsche Orgelkunst nie entstanden wäre, kann man durchaus folgen, um sofort
nachzufassen, welche Orgelkompositionen heute nicht geschrieben werden unter
welcher Orgelbaukunst. Wir haben uns nämlich angewöhnt zu glauben, dass in
heutiger Zeit künstlerische Orgeln gebaut werden, was ich heftigst bestreite.
Wir bauen heute ausschließlich technisch orientierte Orgeln ohne künstlerische
Elemente und wir verraten jeden Ansatz von Kunstschaffen indem wir es technisch
absaufen lassen. Wie würde sich Albert Schweitzer wohl mit einer klonierten
Silbermannorgel befasst haben, einem Monster das zwischen Kunststoff-Phallus
und Thomas Gottschalk als Prediger bei der Samstagabendmesse rangiert,
womöglich noch unter Göteborgscher Regie, wo die Weisheit in Listen gefasst und
die Klugheit aller Philosophen gepaart auf zwanzig CDs ein Credo verkünden „ es
gibt nichts mehr“. Und diese neurotischen Plastikaffen, die dann nur noch
zwischen allerschärfsten Reizen reagieren, wie „H“ totale Glotze 24 Stunden am
Tag (MTV oder VIVA) werden in unserer „Telekratie“ (was ist denn Demokratie?)
inszeniert, sie brauchen keine Inszenierung mehr und damit auch keinen
musikalischen Vortrag.
Ich
bin mit Albert Schweitzer der Auffassung, wir haben ein unbedingtes Zurück
notwendig– zurück zur Orgel des 18. und 19. Jahrhunderts, ein zurück zur
Romantik des 19 Jahrhunderts und zu der Ausgangstellung vor den zwei
Weltkriegen, die uns den heutigen Nihilismus serviert haben, ein zurück zur
Antike und hier zu seinen hohen ethischen Ansprüchen. Erst hier, bei Plato’s
Dialogen mit Sokrates erfahren wir, dass es außer der Tugend nichts zu erstreben gibt. In einem solch ethischen
Raum würden derartig perverse Ideen von Klonierungen wie sie eigentlich nur
halbblöden Wissenschaftlern in den Sinn kommen, niemals heranreifen.
Der
deutsche und der französische Genius sind in der Kunst aufeinander angewiesen,
sagt Albert Schweitzer und in seinem Nachwort von 1927 bemerkt er „Dass ich
selber mich von der Fabrikorgel nicht betören ließ, verdanke ich dem Umstande,
dass ich unter lauter tonschönen Orgeln aufgewachsen bin. Als Knabe spielte ich
auf Walckerschen Orgeln, die in der besten Zeit dieses Hauses, in den sechziger
und siebziger Jahren des 19.Jahrhunderts, gebaut worden waren. Die eine,
zweiundsechzig Stimmen zählend, stand in der evangelischen Stephanskirche zu
Mühlhausen im Elsaß. Gegen Ende des Jahrhunderts wurde sie dann von dem Hause,
das sie erbaut hatte, so renoviert und modernisiert, dass vom alten schönen
Klang nichts mehr übrig blieb. Die andere, an die vierzig Stimmen stark, in der
evangelischen Kirche zu Münster im Elsaß, vermochte ich vor gleichem Schicksal
zu bewahren. Aber sie fiel dann dem Kriege zum Opfer.
Schweitzers
Begeisterung über die Cavaillsche Schleiflade mit differenziertem Winddruck
ließ rasch nach und dies zeichnet ihn wiederum aus, er gibt im Nachwort offen
zu, dass er sich geirrt hatte : „die damit ausgestatteten Orgeln haben einen
weniger vollen und runden Ton als die alten Orgeln Cavaille-Colls mit den
einfachen Schleifladen.
Schweitzer
propagiert die vollständige Orgel mit ihren drei Klangindividualitäten :
Rückpositiv, Hauptwerk und Schwellwerk. Weil Cavaille-Coll der fünfklavierigen
Orgel zu St. Sulpice ihr Rückpositiv genommen hat, spielt Widor, wie er ihm
vorzuhalten pflegte, auf einer zweiklavierigen Orgel mit fünf Klaviaturen.
Die
herausragende Parole Albert Schweitzers könnte auch heute keinen Deut anders
heißen als :“Zurück zur Orgel, als der Orgelbaumeister noch als Künstler
arbeiten konnte“ nach Albert Schweitzer war dies das 18.Jahrhundert und das
19.Jahrhundert von 1800 bis 1870, also die Schaffenszeit Eberhard Friedrich
Walckers. Es ist uns allen klar, dass sowohl in Frankreich wie in der
Auftragsklientel Eberhard Friedrich Walckers genügen Geld in den Kassen waren
und daher künstlerische Arbeit ermöglicht wurde. Wo ist das Geld heute, so
könnte man fragen, aber auch hier würde ich abwiegeln und sagen, selbst dort wo
die Bereitschaft stände ausreichende Summen für kunstschöne Orgeln zu
spendieren, würde a) der Orgelbauer nicht von heute auf morgen zum Künstler
mutieren und b) noch weniger der Sachverständige.
Die
Begeisterung die ich aus den Schriften Albert Schweitzers und Emile Rupp
erfahren durfte, hat mich immer wieder veranlasst nachzufragen, warum in der
heutigen Orgelwelt, weder in Frankreich noch in Deutschland Personen sind, die
uns mahnen, die durch das Prisma der Vergangenheit so klar vergrößerten
elementaren Fehlentwicklungen nicht zu wiederholen. Wir haben scheinbar so
dünkt mich, eine Stufe des Gleichmuts
erfahren, wo keine nennenswerte Hinterfragung mehr stattfinden – oder , dies
wäre ein äußerst beängstigendes Bild, keinerlei Mut mehr auf Entwicklungen zu reagieren oder Entwicklungen einleiten zu wollen. Wo sind die Helden
heute ?
1927
schreibt Albert Schweitzer „Wer bringt uns die schönen alten Orgeln wieder, die
wir in unserer Verblendung vernichtetet?“
- wenige Jahre vor der totalen Vernichtung durch Nazis, Krieg und
Nachkriegsvernichter.
Und
ich denke, dass uns eine noch viel dramatischere Vernichtung bevorsteht, wenn
nicht unbedingt an der Materie selbst, so doch im Inneren, hier lassen wir
Federn, Tag für Tag, lassen uns manipulieren, wir lassen es zu, seelisch
abzustumpfen und unkünstlerisch zu werden, weil es so bequemer ist, wir lassen
es zu ,dass mit Kitsch und Oberfläche
unsere feinsten Strukturen zerstört werden, unsere Echtheit in amerikanische
Halbheit heruntergedrückt wird.
Seien
wir Helden wenigstens darin, uns nicht missbrauchen zu lassen und unsere
Individualität zu wahren, und seien wir Helden in unserem Anspruch an Tugend.
Lassen
wir Albert Schweitzer als Mahner für Humanismus und Ethik und für einen
Orgelbau der Wahrheit im Geiste weiterleuchten.
©
gwm 2002-09-01