Es ist 2:45 Uhr morgens, Mittwoch
24.Juli 2002. Brütende feuchte Hitze lastet im Hotelzimmer. Endlich ist Ruhe,
denn dem Dieselgenerator ist der Sprit ausgegangen, hier, mitten auf dem
brodelnden Vulkan Afrikas: Lagos, das ist Unruhe, Dunkelheit, Endzeit .
Dieser
Dampfkessel Lagos in Nigeria ist eine Metropole mit etwa 12 Millionen
Einwohner, einem riesigen Hafen, einem Heer an christlichen Kirchen aller
Farben, und einem Klima das für viele Europäer schon zur tödlichen Falle
geworden ist. Lagos ist Afrika nahe des Äquators, irrational und schwarz, aber
auch angelsächsisch und begierig nach High Tech, gierig nach Westkonsum, fast
süchtig und berauscht von Sony-Equipment und Mercedes Benz, so stehen die
Reichen neben den Armen.
Lagos ist aber auch gefährlich
und düster, dort, wo sich bewaffnete Banden und Mafia breit machen und gegen
eine korrupte Polizei übermächtig wirken. Wo Unsicherheit in allen Lebenslagen
ein dominierendes Prinzip ist, wo die schlangenhafte Anpassung viele Menschen
verzehrt, wo kein Boden mehr ist, der nicht schwammig ist und von Fäulnis
aufgesogen, hier wirkt Lagos wie eine ungeheure Bestie, die ihren Tribut
einfordert, wie einst die Sphinx, unnachgiebig jeden verzehrend, der das Rätsel
"Mensch" nicht lösen kann.
Lagos kann in seiner
schrecklichsten Form und Darstellung zutiefst faszinieren, und zwar dann, wenn
das alte Europa nichts mehr zu bieten hat, als die momentan stattfindende
statische Langeweile, Stillstand und Ignoranz. Ein Dampfkessel der vor der
Explosion zu stehen scheint, gegen ein Europa gesetzt, welches in technischer
Gefühlskälte erstarrt, das sei ein Bild, welches die letzten Abenteurer
mitnehmen, wenn sie nach Lagos gehen, und an dem Feuertanz der schwarz
maskierten Göttern teilnehmen, bis zum frühen Morgen, wenn ein schwerer Rauch
die Täler füllt und sich mischt mit Regen und aufkommender, versengender Hitze.
Der Dieselgenerator ist
Bestandteil des Lebens in Lagos. Strom wird zu einem erheblichen Teil über
solche Generatoren erzeugt, da die staatliche Stromversorungs-Gesellschaft NAPA
riesige Probleme damit hat, eine halbwegs angemessene Stromversorgung zu
gewährleisten. NAPA kommt und geht, so der Volksmund mehrmals am Tag, aber hier
in unserem Hotel ist NAPA seit 7 Tagen nicht mehr gewesen. Da der Generator
direkt unter meinem Fenster sitzt, bin ich so einem unerträglichem Lärm
ausgeliefert. Hinzu kommen die Blasgeräusche der Klimaanlagen, das Bellen aus
der gegenüberliegenden Hundezucht und das Dauergehupe eines Straßenverkehrs der
endzeitmäßige Formen angenommen hat.
Beim simplen Frühstück im Heim
unseres Freundes D. haben wir wieder das NAPA-Problem. Vor Aufkochen des Kaffees
und dem Einstecken der Toasts muß ein gigantisches grünes Ungeheuer angeworfen
werden, das direkt neben dem Frühstückstisch einen Ratterlärm von sich gibt, der
einem fast die gute Laune vertackert. Aber nur so wird Strom erzeugt und nur so
ist europäisches Frühstück möglich. Bei mehreren Meetings oder abendlichen
Unterhaltungen bei Familien und Freunden macht sich immer wieder NAPA bemerkbar,
der Strom verschwindet einfach, und der Hausherr hat das Gespräch zu
unterbrechen, muß zum Dieselgenerator, wirft ihn an, zehn Minuten später geht es
weiter mit der Unterhaltung, vielleicht an anderer Stelle. Ganze Straßenzüge
schrecken plötzlich auf mit Knattergeräuschen der angeworfenen Diesel. Die
letzte Nacht im Hotel werden wir mit Kerzen an der Reception empfangen.
„NAPA has left,
and they are working on the Diesel“.
Nun stand weder das eine noch das andere als Stromquelle zur
Verfügung.
Das Hotelzimmer lag mit all meinen Sachen in tiefstem Dunkel, die
ganze Nacht ohne Klimagerät, kein Geräusch, dafür aber eine drückende, feuchte
Hitze, welches Ungeheuer im Traum gebären sollte. Ja, mein Handy wollte ich noch
laden und die Akkus für die Digitalkamera, aber alles dies war nun restlos
gleichgültig.
Die letzte Dusche in dunklem
Badezimmer, ein Wasserfluß der mehr an den Tränenfluß eines alten Dämonen
erinnerte, der über die technischen Zustände weinte, der Boiler völlig
ausgerostet. Aber warmes Wasser nach solch einer Nacht und ohne NAPA und Diesel
wäre ja ohnehin unvorstellbar.
Die Benzinpreise sind himmlische
20 Cent pro Liter, und dennoch sieht man ab und zu einen 5000l Tank vor einem
Haus mit der Aufschrift „By your Kerosine here“. Immer wieder auch kleinere
private Anbieter mit Kanistern aus Kunststoff und Blech, die Benzin verkaufen.
Doch die Hölle selbst, das ist der Straßenverkehr in Lagos, hier hat sich der
Teufel persönlich ein Denkmal gesetzt. Man stelle sich nur eine 12millionen
Stadt vor mit einem Straßennetz, das keinerlei Verkehrszeichen und
Verkehrsampeln kennt. Polizisten nimmt man nur wahr, an den großen Brücken,
welche die Islands mit dem Festland verbinden, indem sie abends in alle Wagen
hineinleuchten, und dabei mit den Taschenlampen seltsame Zuckbewegungen machen,
die manche Fahrer richtig, manche falsch interpretieren. Im letzten Fall kann es
schon mal zu Schiessereien kommen, wie wir in den Tageszeitungen nachlesen
konnten.
Der größte Teil der Verkehrs wird
von gelben zerdepperten VW-Bussen bestritten, die als Mehrpersonentaxis dienen
und von gelben Cabs, die in keinem europäischen Land mehr zugelassen werden
würden. Stelle dir vor, Deutschland wird Weltmeister, und du befindest dich zehn
Minuten nach Abpfiff des Spiels in der Kölner Innenstadt. Jeder wird hier ein
Gehupe und Geschrei auf den Straßen imaginieren, und genau dies hat er in Lagos,
Tag und Nacht, ohne Unterbrechung.
Wir sind in ein Taxi eingestiegen, in dem uns
der Atem vor Benzigeruch stehen blieb, und ich meinen kettenrauchenden Kollegen
sofort anheischte, ja keine Zigarette anzuzünden. Es glotzen uns 3 schwarze
Löcher an, in denen zu besseren Zeiten die Armaturen angebracht waren, jetzt
waren nur noch einige schwarze Kabel und Schäuche zu sehen. Die Rücklichter
waren, wie mit einem Hammer weggeschlagen, ein hinterer Kotflügel hing noch
gerade so am Fahrzeuggehäuse.
Während der Fahrt dröhnten die Schmerzen des
Getriebes und der Stoßdämpfer derartig, dass ich glaubte jeden Moment fliegt das
komplette Fahrzeug auseinander, als mir unser Begleiter beruhigend erläuterte,
dass fast jedes Taxis so oder so ähnlich aussehe. Mit diesem Taxi fuhren wir
problemlos in dunkler Nacht durch drei Polizeikontrollen, es war alles im
grünen Bereich. Ganz klar, dass Taxis nur gegen Stundengebühren fahren, 600 Naira per hour, das sind so 6,5 Euro. Denn es kann schon mal vorkommen, dass
zwei, drei Kilometer zwei, drei Stunden Zeit verbrauchen.
Neben diesen Cabs und Bussen gibt
es ein weitreichendes System mit Zweirädern, die Personen transportieren. Jeder
wendige Zweiradfahrer hat seinen Lenker seitlich abgeschnitten, um so besser
zwischen den PKW’s durchfahren zu können. Ich nehme an, dass die vielen Jungen,
an Beinen behinderte Bettler, die ich gesehen habe, in diesem Verkehr ihre
tragische Schicksale erlitten haben. Der Verkehr in Lagos, die Straßen, die
Menschen und die Verkehrsmittel sind etwas so total Absurdes und Wahnsinniges,
was man bestimmt nirgendwo auf dieser Welt in einer ähnlichen Form wiederfindet.
Ein Reverend erzählte uns, nachdem wir 2 Stunden zu spät zum Meeting kamen, er
hätte gestern bei seinem normalen Weg, der etwa 30 Minuten Fahrzeit bedeutete,
über 5 Stunden gebraucht.
Es ist Regenzeit. Die riesigen
Schlaglöcher der Straßen füllen sich und werden zu gefährlichen Seen, die selbst
erfahrene Streckenkenner nicht mehr durchschauen. Üblicherweise liegen alle 300
m Fahrzeuge am Straßenrand, nun sind es viele Fahrzeuge, und die liegen mitten
auf der Straße. Wir stehen in einem Stau auf einer der Highways und brauchen für
eine simple Strecke von wenigen Kilometern 3 Stunden.
Am Rande oder inmitten der
Straßen spielt sich das ganze Kaufleben der Einwohner ab. Es werden
Fleischstücke mit Packpapier auf den Boden gelegt, junge Burschen verkaufen von
Nüssen über Hüte und Telefonkarten zwischen die verstauten Autos laufend alles
was man sich denken kann. Überall sind selbsternannte Vulkanisierwerkstätten an
Straßenrändern, die Reifen herrichten. Eisschränke, Eisblöcke, Früchte,
Autoersatzteile, Gemüse, Brot in Körben auf den Frauenköpfen herumgetragen, der
Marktplatz ist immer der Rand der Straße oder unter dem Highway. Die wenigen
Supermärkte können sich nur die Reichen leisten.
Die Kirchen sind nach
angelsächsischem Strickmuster in sehr großer Zahl vorhanden. Baptist Churches,
Methodist Churches und vergleichbare Sekten haben teilweise schöne und gepflegte
Kirchen in Lagos, die fast durchweg mit Orgeln der Engländer bestückt sind.
Allerdings hat man diese Instrumente so gut wie überhaupt nicht gepflegt, so
dass mir nicht eine einzige Orgel gezeigt wurde, die spielbar in unserem Sinne
ist. Doch werden diese unspielbaren, völlig verstimmten und grauenhaft klingende
Monster zur Chorbegleitung während des Gottesdienstes eingesetzt. Teilweise sind
die Orgeln auch so intoniert, dass der Straßenlärm während des Gottesdienstes,
das größte Übel des Orgelklanges einfach wegdrückt. Hinzu kommen Geräusche der
großen Ventilatoren.
Der Gesang der Gemeinde ist bewegt und rhythmisch, sehr
ansprechend, die halbtoten Orgeln dagegen mit ihren asthmatischen Gefauche
klingen krank und keinesfalls tragen sie mehr dazu bei, den Gesang zu stützen.
Hier wäre vielleicht eine andere Entwicklung günstiger gewesen, nämlich wenn man
sich in diesen Ländern anstatt auf das angelsäschische Orgelideal mehr auf die
süddeutsche Barockorgel oder auf den Orgeltyp des Andreas Silbermann gestützt
hätte.
Nun aber ist diese Entwicklung nicht mehr rückgängig zu machen und in
diesem Nigeria sind eben mal diese Orgeln mit vielen abgeschwächten Achtfüssern,
mit pitman’s und pallet-magnets, was bei einem derartig brutalen Klima einfach
das falsche Mittel ist. Während der Regenzeit hat es hier eine Luftfeuchte von
rund 95% und Temperaturen um 28 bis 35 Grand Celsius, im Frühjahr und Herbst
kann es bis 45 Grand Celsius steigen.
Mörderisch kommt dann im Winter der „Harmartan“
daher, mit einer Trockenheit von 10 bis 20 % rel. Feuchte und Temperaturen um 18
bis 20 Grand Celius. Der „Harmatan“ ist ein Wüstenbote und bringt dazu noch Sand
aus der Sahara daher. Das kurze Öffnen des Fensters belegt das Zimmer mit einer
Schicht aus Sand und Staub. Das Leder der pneumatischen Orgelteile reißt, Papier
rollt sich auf wie eine Käsescheibe in der Sonne, Holz verzieht sich sehr stark,
ganze Windanlagen werden zerrissen, manchen Menschen wird die Haut
aufgeschlitzt. Heuler und Totalausfall von Orgeln sind in dieser Zeit, die sich
von November bis Februar abspielt an der Tagesordnung. Die Strapazen dieser
beiden völlig unterschiedlichen Klimaeinflüsse, welche die Orgeln erleiden
müssen, kann sich jeder der mit Orgeln zu tun hat weiter ausmalen. Weitere
Leiden haben die Orgeln dadurch zu überstehen, dass sie überhaupt nicht oder
völlig falsch gewartet werden. Die abenteuerlichsten Flickversuche an Pfeifen
und Windladen oder Bälgen belegen, dass kaum einer der „servicemen“ eine
Ausbildung besitzt. Dazu fehlt es an Material und sachgerechtem Werkzeug. Die
Instrumente sind die längste Zeit jenseits einer orientierbaren Stimmung.
Dennoch wird musiziert, als gäbe es kein Problem. „Die Orgel ist vielleicht
etwas leiser, als vor zwanzig Jahren“ so ein Kommentar, aber ansonsten bemerkt
man das Hinübergleiten der Pfeifenorgel ins Nirwana nur, wenn ein Totalausfall
stattfindet, oder wenn ein Organist aus einer anderen Gegend auf Unstimmigkeiten
hinweist.
Am Freitag den 26.Juli um 23
Uhr 30 fliege ich zurück nach Deutschland, das Gepäck voll mit Plänen und
Ausarbeitungen für 3 Orgelneubauten und 6 Renovierungen und mit drei schwarzen
Ebenholzmasken. Beim Einstieg in den Flieger wird mir noch mein Taschenmesser
abgenommen, vielleicht ein Symbol. Nun lass uns sehen, wie uns dieser
fitzgeraldinische Tanz auf einer Feuerlichtung im Regenwald bekommen wird. Und
wenn der Regen aufhört, dann lass uns hören Reubkes "94. Psalm : Ich hatte viel
Bekümmernisse in meinem Herzen, aber Deine Tröstungen ergötzen meine Seele"...
(c) gwm
2002