(c) gwm 11.12.06
   

 

 

 

 

 

the blue hall organ

 

 

 
 

Die Orgel der "Blauen Halle" zu Stockholm wurde am 10.Juni 1925 vollendet. Oscar Walcker hat in seinen "Erinnerungen" davon einen aufschlussreichen Bericht gegeben, den wir nachfolgend ungekürzt wiedergeben.

 

Die Orgel wurde leider in den 70erJahren zum erheblichen Teil auf Schleifladen umgestellt. Der wunderschöne Spieltisch verschwand 1969. Die komplette Windversorgung wurde 1972 geändert. Originale Taschenladen sind aber wahrscheinlich in den Pedalladen und im Fernwerk erhalten. Außer dem Singend Kornett und Singend Regal scheinen alle Pfeifen von Walcker erhalten geblieben zu sein. Das Instrument wird im nächsten Jahr von Harrison&Harrison renoviert.

 

Wir werden gelegentlich die Mensuren dieser Orgel bearbeiten und hier veröffentlichen, damit man sehen kann, wie solche "Giganten", das betrifft auch die Walcker-Orgel in Barcelona, von Oscar Walcker mensuriert wurden.

 

Was für die Österreicher der Opernball,  das ist für den Deutschen der Fußball oder das Oktoberfest?!, und für die Schweden ist es die Nobelpreisverleihung. Jeden 10. Dezember ist es so weit, da versammeln sich die Preisträger und ihre Begleitungen im Konzerthaus von Stockholm und nehmen aus der Hand von König Carl Gustaf XVI. ihren Preis entgegen. Zuvor gibt es noch eine Generalprobe, damit auch nichts schief geht. Sind die begehrten Preise für Medizin, Chemie, Physik, Wirtschaft und Literatur verliehen, geht es in den Blauen Saal des Rathauses zum Gala-Diner. Frackzwang! Fanfaren erklingen, eine Orgel erschallt, Champagner wird eingeschenkt, ein Toast auf den König ausgebracht, ihre Majestät selbst toastet auf den Stifter der Preise, den Erfinder des Dynamits Alfred Nobel, und dann wird die von Anders Kling, dem Küchenchef des Rathauskellers, konzipierte Speisenfolge aufgetragen............Moment, Moment, Moment – eine Orgel erschallt ?! -  ja welche denn, doch nicht etwa die Oscar Walcker-Orgel aus 1925 ??! – Opus 2073, Bj 1924-25, 115/IV, - doch doch, genau die. Und wir nehmen dieses Nobelfest zum Anlass das größte Orgel-Instrument der Schweden genauer vorzustellen, und zwar vom Erbauer selbst. Denn Oscar Walcker hat in einem selbst aquarellierten Heft die Orgel mit Dispo, Spieltisch und weiteren intimen Details vorgestellt, das hier per PDF-File Insidern zu Verfügung gestellt wird.Schön, der Umstand, dass seit 1925 fast alle Nobelpreisträger die wunderschönen Klänge einer Walcker-Orgel im festlichsten Moment ihres Lebens hören durften. (gwm)

Dispo 1 Dispo 2 Spieltisch

 

siehe auch PDF 2073a und

2073b und eine Liste der größten Walcker-Orgeln bis 1933

 

 

Stockholm, Stadthaus, 1924

Oscar Walcker

Zwei Städte im hohen Norden, deren Namen in meinen Erinnerungen einen guten Klang haben, bergen in ihren Mauern Orgelwerke, die zu den größten und bedeutendsten zählen, die die Werkstätten der Firma E. F. Walcker & Cie. verlassen haben.

Zum erstenmal sah ich Stockholm im Jahre 1905. Uberwältigend ist der Eindruck, den diese Stadt auf den Fremden macht. Die rauschenden Wasser des sich bis zum Meere hinziehenden Mälarsees bestimmen das Gesicht der Stadt. Wie eine Trutzburg auf Granitfelsen erbaut, erhebt sich das Königliche Schloß über dem See; hier stürzen die Wogen in Kaskaden in die Tiefe. Museen und Ministerien spiegeln sich im kristall­klaren Wasser. Granit ist der Werkstein, der den Bauten der Stadt ihren Charakter verleiht. Und dann diese wundervollen Kirchen! Hier ist der lutherische Protestantismus zu Hause. Keine puritanische Einfachheit; die Architektur zeugt von dem Geist nordischer Renaissance und des Barocks. Grabmale von großer Schönheit zieren die Wände, zerschlissene Fahnen aus den russischen Kriegen hängen verstaubt an den Wänden. Man spürt, daß die Kultur dieses Landes nie von vernichtenden Kriegen zerstört wurde. Geschlechter gingen, Geschlechter kamen; eins aber ist geblieben: der Geist nordischer Menschen, die Traditionen ehren und lernen, sie zum Rüstzeug des Tages umzuwerten. Schwerblütig, aber von innerer Geschlossenheit sind die Schweden die Bedürfnisse der Zeit wohl erkennend, formen sie diese aber nach eigenen Gesetzen.

Im Sommer 1912 kam eines Tages der Organist der Petrikirche in Malmö Axel Boberg, nach Ludwigsburg, um die Verhandlungen wegen des Baues einer großen Orgel mit vier Manualen und 74 Stimmen für die Kirche St. Petri in Malmö einzuleiten. Boberg war einer der bedeutendsten Or­ganisten Schwedens und besaß das volle Vertrauen seines Kirchenrats. Er war einer von denen, die sich auf dem Gebiet des Orgelbaues aus- kannten. Der Abschluß des Liefervertrags kam ohne Schwierigkeiten und ohne Konkurrenz zustande. In angenehmster Erinnerung sind mir heute noch die mannigfachen Besprechungen, die ich in dieser Angelegenheit mit den Herren des Kirchenvorstandes von St. Petri und mit Boberg in Malmö hatte.. Als gern gesehener Gast in dessen Hause lernte ich das schwedische Familienleben kennen und schätzen.

 

Bilder von Anders Johnsson

Bärpfeife

Bombarde

Fernwerk

Cor anglais 8' FW

Trompete FW

Kontrabaß 32

 

 

II.Man

Rankett II

 

III.Man

French Horn

 

Trompete I

 

 

Nach Vollendung der Petriorgel wurde mir der Bau einer fünfzig­registrigen Orgel in der Karolikirche in Malmö übertragen. Dieser folgte eine Orgel für die Siriuskirche und eine solche für die Realschule in dieser Stadt. Die Bekanntschaft mit Boberg sollte mir bald zu weiterem Vorteil gereichen.

In Stockholm ging das neuerbaute Stadthaus seiner Vollendung entgegen. Im Mittelpunkt dieses Bauwerks liegt die Blaue Halle, der Repräsentationsraum der Stadt Stockholm, ja ganz Schwedens. Ragnar Oestberg war der Erbauer dieses gewaltigen Gebäudes, das in seinen Formen an altschwedische Architektur erinnert, aber durchaus modernen Geistes ist. Alle Mittel, die Oestberg anforderte, wurden gewährt; nirgends gabs Hemmungen, ganz aus dem Vollen konnte der Architekt planen und bauen, nur das Beste an Material und Arbeit, das die Welt bot, wurde verwendet. Das Stadthaus zu Stockholm sollte der sichtbare Ausdruck des Bürgerstolzes der Bewohner der schwedischen Hauptstadt, sollte Wahrzeichen der Baukunst Schwedens auch für fernere Generationen werden.

 

Diese Absicht wurde auch völlig erreicht. In der ganzen Archi­tektenwelt gilt dieses Haus als eines der hervorragendsten Bauwerke unserer Zeit. Immer wieder wird es in seinem künstlerischen Wert neben den Dogenpalast von Venedig gestellt und mit diesem verglichen. Am Ufer des Mälarsees erhebt sich dieser monumentale Bau mit seinen Innenhöfen, seinen Gartenanlagen und Arkaden. Stolz reckt sich der Turm mit seinem vergoldeten schlanken Aufsatz in den Himmel. Ein herrliches Glockenspiel läßt seine Klänge über die Stadt und die Wasser hinaus erklingen. Draußen ziehen die Schiffe und Segler in langsamer Fahrt ihre Bahn. Schroffe Granitfelsen säumen die Ufer. Ein Bild von großartiger Schönheit! Oestbergs Stadthaus ist ein lebendiger Zeuge der Gesinnung seiner Entstehungszeit, es erfüllt uns mit jener tiefen Scheu und Freude zugleich, die ein großes Kunstwerk zu allen Zeiten weckt. Es spricht deutlich aus, was bildende Kunst im höchsten Sinne und als, voll erkannter Lebenswert dem Menschen sein kann.

In der Blauen Halle mit ihren riesigen Ausmaßen sollte hoch oben auf der zweiten Empore, in neunzehn Metern Höhe beginnend, eine große Orgel mit über hundert Registern aufgebaut, ausgestattet mit den neue­sten Errungenschaften der Orgelbaukunst und Technik, würdig dem ganzen Baugedanken eingefügt werden. Boberg erhielt am 14. Mai 1918 von Professor Oestberg den Auftrag, Pläne für den Aufbau eines solchen Orgelwerkes zu entwerfen. Das Werk sollte 114 Register erhalten; nur bestes Material durfte zu diesem Bau verwendet werden. Sofort nach Bekanntwerden dieser Pläne setzte eine leidenschaftliche Agitation der Stockholmer Organisten ein. Nur eine schwedische und insbesondere die Stockholmer Firma Akerman & Lund AG. durfte den Auftrag erhalten. Es schien zunächst aussichtslos, eine ausländische Firma überhaupt in die Konkurrenz hineinzubringen. Die Verhandlungen zogen sich lange hin. Der Orgelbau in der Blauen Halle war eine Angelegenheit der ganzen Öffentlichkeit Stockholms, ja Schwedens geworden. Es tauchte der Vorschlag einer Zusammenarbeit zwischen den Firmen Akerman Lund und E. F. Walcker & Cie. auf, worüber lebhaft diskutiert wurde. Am 20. April 1920 fanden die ersten Verhandlungen zwischen dem Erbauer des Stadthauses, Ragnar Oestberg, und mir statt. Verhandlungen mit dem städtischen Bauausschuß, dessen Vorsitzender der Minister Knut Wallenberg war, folgten. Ich erhielt den Auftrag, einen genauen Kosten­anschlag für die von Boberg aufgestellte Disposition auszuarbeiten. Nun wurde von Oestberg auch die Deutsche Gesandtschaft eingeschaltet, die sich lebhaft für uns einsetzte. Es folgten mehrere Unterredungen mit dem deutschen Gesandten in Stockholm. Folgender Vorschlag wurde nach erneuten Konferenzen Bobergs mit den maßgebenden Herren der Stadtverwaltung zur Diskussion gestellt:

 
 

1.      Die Orgel soll nach den Plänen der Firma E. F. Walcker & Cie. gebaut werden.

2.      Die Oberleitung für sämtliche Arbeiten übernimmt E. F. Walcker & Cie., fertigt Spieltisch und wichtige Orgelteile an.

3.      Akerman & Lund bauen die Pfeifen, Windladen, Blasbälge usw.

4.      Intonation und Stimmen ist Sache von E. F. Walcker & Cie.

Eingehende Verhandlungen zwischen mir, Akerman & Lund und Boberg folgen, verlaufen aber schließlich ergebnislos im Sand. Die Polemik in der Presse wird immer heftiger, es fehlt nicht an Verdächtigungen per­sönlicher Art. Der allmächtige Oestberg blieb aber fest und ließ sich durch den Zeitungsstreit nicht beeinflussen. Er setzte eine dreiköpfige Kommission ein mit Boberg an der Spitze, die den Auftrag erhielt, eine Studienreise nach Amerika, England, Frankreich, Holland und Deutsch­land zu machen, um den ausländischen Orgelbau zu studieren und die hervorragendsten Orgelwerke zu besichtigen und zu prüfen. Dieser Kommission gehörte kein Stockholmer Organist an. Man denke sich die Wut dieser Herren. Ich hatte das Vergnügen, obengenannte Kommission auch in Ludwigsburg begrüßen zu dürfen, und benutzte diese Gelegen­heit, den Herren unsere bedeutendsten Orgeln in Deutschland zu zeigen. Zu Dutzenden häuften sich die Kostenanschläge und Dispositionen von Orgelbaufirmen aller Länder bei dem bauleitenden Architekten. Der Kampf um den Auftrag sollte aber schließlich allein zwischen Walcker und Akerman & Lund ausgetragen werden. Entweder siegte Bobergs Kommission oder die Herren der Akademie der Künste in Stockholm. Nach Rückkehr in die Heimat arbeiteten die Herren der Kommission Ich war im Kampfe der Sieger geblieben. Aber auch Boberg hatte über seine Widersacher gesiegt.

Die Orgel war in der Blauen Halle zur Ubergabe bereit. Sämtliche Sachverständige, die bisher mitgewirkt hatten, wurden ausgeschaltet. Eine neue Kommission mit neuen Männern wurde ernannt, ein Stock­holmer war wieder nicht dabei. Diese sollten das Instrument aufs ge­naueste prüfen und ihr Urteil abgeben. Nachstehend ein Auszug aus dem Gutachten der Kommission:

„Die Kontraktbestimmungen wurden genau durchgegangen und als vollständig erfüllt befunden. Die Intonation ist durchweg mit großem Kunstverständnis ausgeführt. Die Ansprache ist sehr präzis und vollständig, frei von störenden Nebengeräuschen. Alles Material ist von vor­züglicher Qualität. Der Spieltisch der Orgel ist mit meisterhafter Kunst ausgeführt. Eine durchweg vorzügliche und erstklassige Arbeit hat die Firma auf das Pfeifenwerk verwandt. Die dynamischen Wirkungen der Jalousieschweller sind äußerst imponierend. Ganz besonderes Lob ge­bührt der Firma, daß es ihr gelang, in dem verfügbaren, äußerst knappen und begrenzten Raum geschickt ein Orgelwerk von so großen Ausmaßen wie dieses aufzustellen. Es muß gesagt werden, daß das akustische Problem, das hier vorlag, auf eine Art glänzend gelöst wurde, wie die langgeübte Erfahrung und Geschicklichkeit der Firma beweist. An der Orgel in der Blauen Halle fällt besonders die imposante Wirkung der Klangmassen auf. Die künstlerische Wirkung der Orgel ist außerordent­lich groß. Die Orgel ermöglicht durch ihre Fülle von Stimmen, Ton-schänheit und sinnreiche Spielhilfen eine künstlerische Ausführung von Orgelprogrammen mit Kompositionen aller Schulen und Stilrichtungen, moderner wie auch älterer. Die historischen Stimmen geben außerdem die Möglichkeit einer stilechten Wiedergabe der alten Orgelliteratur.

Nachdem wir somit unseren Auftrag, die Orgel nach technischen und künstlerischen Gesichtspunkten zu prüfen, ausgeführt haben, ist es uns eine Freude, feststellen zu können, daß sie die höchsten Ansprüche, die man an sie stellen kann, erfüllt. Wir können daher die Orgel mit höch­stem Lob für genügend erklären und der Stadtgemeinde Stockholm g g empfehlen, dieselbe zu übernehmen.

Göteborg, den 10. Juni 1925.

Gez.: Birger, Anrep-Nordin, Eskil Lundén.

 

Der ersten öffentlichen Vorführung dieser Orgel sah man in Stockholm mit begreiflicher Anteilnahme entgegen. Boberg gab das erste Konzert, zu dem sich die Vertreter der Stadt und des Staates sowie eine ansehn­liche Zuhörerschaft eingefunden hatten. Das Spiel Bobergs fand großen Beifall. Die Halle war ohne jede Bestuhlung geblieben, langsam promenierten die Zuhörer, standen in kleinen Gruppen beisammen. Als die ersten Akkorde erklangen, blieb alles stehen und lauschte der Musik.

 Wieviel angenehmer ist es, auf diese Art ein Konzert zu genießen, als die sonstige Gepflogenheit, in engen Stuhlreihen wie die Heringe zu­sammengepreßt zu sitzen und zu schwitzen! Anderntags hatte die Stadt einen kleinen Kreis Gäste zum Gabelfrühstück geladen. Ein Motorboot brachte die Gesellschaft hinaus zu einem Restaurant auf eine Insel im Mälarsee. Frohgemut ließ man sich an den nach schwedischer Sitte reich-gedeckten Tischen zum Mahle nieder. Professor Oestberg, der mit seiner Gattin erschienen war, ergriff zuerst das Wort, um seine Anerkennung und seinen Dank zum Ausdruck zu bringen. Seine Ausführungen über die Baugeschichte des Hauses waren hochinteressant. Alles sei einmalig und bis zum Geringsten besonders gefertigt worden. Alle Modelle und Formen seien, so sagte er, vor seinen Augen zerschlagen worden. Das Beste war für diesen Bau gerade gut genug. Die seidenen Gobelins kamen von Italien, das Glockenspiel von Holland, die wundervollen Mosaikarbeiten aus Deutschland, Majoliken und Porzellane aus Frank­reich usw. Man wirds mir nicht verübeln, wenn ich sage, daß ich einen gewissen Stolz empfand, daß auch die Orgel als deutsche Wertarbeit diesen einzigartigen Bau zieren durfte.

 

Ein Vertreter der Stadt überreichte mir ein Prachtwerk mit Beschreibung des ganzen Stadthauses und einer Widmung des Oberbürgermeisters. Die Stadtverwaltung hatte aus diesem Anlaß eine Medaille prägen lassen, und zwar nur eine goldene für den Erbauer des Stadthauses und zweihundert silberne. Ich war sehr erfeut, als auch mir eine dieser silbernen Medaillen mit einem ehrenden Schreiben des Stadtvorstandes übersandt wurde.

 Oscar Walcker

 

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