VIDEO Steinmeyer-Orgel Hamburg Michaelis

VIDEO Marcussen-Orgel Hamburg Michaelis

VIDEO "nowhereman an der Drehorgel im HBF Hamburg"

 

 
Der Michel brennt

Das Hamburger Seemanns-Symbol in Flammen am 3.Juli 1906, als man in Ludwigsburg den 112. Geburtstag von Eberhard Friedrich Walcker feierte - inmitten eines goldenen Orgelbooms, wie ihn Walcker niemals zuvor und kaum mehr danach erlebte.

Wie ein düsteres Vorzeichen, ein dunkles Symbol des kommenden Weltbrandes rauchte der Big Ben der Hansestadt. Die Große Michaeliskirche mit ihrem 132 m hohen Turm fällt vollständig den Flammen zum Opfer. Hamburg trauert.

Hamburg baut die Kirche wieder auf, mit der größten Orgel der Welt, und mit der teuersten Orgel der Welt, wie sie nie wieder in dieser Form spendiert wurde.

100.000 Goldmark kostet das Werk am Ende - gespart wurde an nichts.

 

 

Was ist übrig von dieser Geschichte nach 100 Jahren, in einer Zeit, wo romantische Orgelklänge wiedererwachen, und wo mich fast wöchentlich Nachfragen zur Walckerorgel der Hamburger Michaeliskirche erreichen, das soll hier etwas untersucht werden.

In dem Buch "Der Michel brennt" ist so gut wie nichts von dieser Orgel mehr da. Sie wird zwar erwähnt, aber nicht mehr abgebildet, und auch nicht mehr musikalisch oder von ihrer Gestalt her erläutert.

Wenn man nun, wie ich, vierzehn Tage einen Steinwurf entfernt vom Michel, im Seemansheim wohnt; viertelstündlich seinen Glockenschlag hört, bei jedem Gang auf die Straße vom größten Ziffernblatt aller europäischen Kirchturmuhren, mit einem Durchmesser von 5m, über die Zeit aufgeklärt wird, vom 120 kg schweren Zeiger der Uhr, dann wird man wieder direkt auf Vergangenheit aufmerksam. Zeit wird da materialisiert.

Man stellt sich auf die Stufen, wo Kaiser Wilhelm II zur Einweihung der Orgel kam, wo alle Honoratioren eintraten. Wo saß wohl Max Reger und neben ihm Oscar Walcker, wohl in der ersten Reihe? Wo Alfred Sittart saß, das ist klar, an der gigantischen, wilhelminischen Tabulatura, die samt Orgel von der Familie Dr. W. Godeffroy gestiftet wurden - und diese Stiftungstafel ist noch an selber Stelle in der Brüstung der Orgel. Alles andere, von vereinzelten Gehäuseteilen abgesehen, wurde der Vernichtung preisgegeben.

Die Walckerorgel, die vor der Bombardierung eingelagert wurde, dann wahrscheinlich nur halbherzig nach dem Krieg wieder aufgestellt wurde, ist ab 1959-1960 praktisch ohne Kriegsschäden und ohne Substanzverlust von dem Kirchenmusiker Bihn verschrottet worden.

An diesem Beispiel kann man sehr gut ermessen, was passieren kann, wenn Verantwortung an die falschen Leute delegiert wird, und wenn nicht mehr die notwendige Bewusstheit für Kulturwerte aus vergangenen Zeiten gewahrt wird. Denn dieses Instrument wäre heute ein Wallfahrtsort für alle Anhänger der romantischen Orgelmusik, das sich anders als die pneumatische Berlin Domorgel, um Fragen der Repetition nicht zu kümmern bräuchte.Die Verschrottung dieser Orgel hat mit KMD Bihn einen negativen Namen bekommen, aber gerecht wird man der Sache erst, wenn man feststellen muss, dass alle Verantwortlichen der damaligen Zeit und das Verfügenkönnen über reichhaltige Geldmittel die Hauptgründe waren, dass eine vergangene Kulturentwicklung und eines ihrer größten Symbole nicht mehr bewahrt werden konnte. (walckerorgel opus 1700 Hamburg Michaeliskirche)

Am 1.Oktober 1912 wurde die neue Walckerorgel in Hamburg geweiht, 6 Jahre nach dem Brand. Sie muss, so der heutige Organist der Michaelisorgeln KMD Manuel Gera, "Klangkraft gehabt haben, die man bis zum Hafen gehört hat". 68 Register der Hildebrandorgel konnte Oscar Walcker übernehmen. Mit dem Fernwerk, das einen 40 m langen Schallkanal bis zur ovalen Schallöffnung mitten in der Kirchendecke hatte, war die Orgel auf 66qm untergebracht, hatte eine Höhe von 17,6m und eine Tiefe von über 7 m. Mit 163 Register und 12.173 Pfeifen auf 25 Ausgleichsbälgen, die zwischen 90 und 190mm WS Druck brachten, war es das größte Werk, das Walcker je baute, und bis zur Parteitagsorgel der Nazis, sollte es so bleiben.

Oscar Walcker hat hier erstmals neue Mensurierung eingebracht, die besonders Variablität bei den Streichern und weitere Mensuren bei Flöten und Gedackten entwickelte. Das Maximum an Durchmesser erhielten hier die Prinzipale, und hier ist erwähnenswert, dass das C des 32' rund 550mm Ø erhielt, in reinem Zinn. Aber wie Oscar Walcker in seinen Erinnerungen über Hamburg schreibt, waren einzelne Stimmen schon zu weit bemessen, mussten korrigiert werden.

VIDEO Manuel Gera an der Steinmeyer-Orgel Hamburg Michaelis

VIDEO Manuel Gera an der Marcussen-Orgel Hamburg Michaelis

Dass die Orgel eine sehr große Resonanz nicht nur bei vielen Hamburgern hatte, sondern auch draußen im Reich, beweisen die vielen Schelllackplatten, die sich langsam den Weg ins digitale MP3-Geschehen machen. Viele jüdische Nachfahren, deren Eltern aus Deutschland vor den braunen Horden geflüchtet sind haben sich etwas "Kultur" in Form von Schelllack mit nach Amerika genommen, was heute wieder seinen Weg zurück ins Reich zu nehmen scheint. Wir werden davon sicher bald einige Vorstellungen geben können, ob von Sittart oder Straube bespielt wird sich zeigen. Sicher ist, dass es einige sehr interessante Aufnahmen gibt, die uns das Klangbild dieser mythischen Orgel etwas näher bringen kann.

In Vergangenheit eintauchen ist eine Sache, eine andere ist es, bei der Gegenwart wiederauftauchen, und ganz besonders, an der Gegenwart zu arbeiten: das Vergangene als Wert erkannt, in die Gegenwart einbringen.

Das restaurative Denken, bedeutet grundlegend die Erkenntnis, dass das Frühere besser war, als das Gegenwärtige. Hier aber ist zu fragen: für wen und für welche Zeit? Wiederbelebung alter Lebensformen muss gesehen werden in seinen historischen Proportionen. Nimmt man davon einfach Abbilder anstatt Beziehungen herüber, kann es sein, dass man Missverhältnisse statt Proportion in neuer Zeit schafft. Das Alte kann dann zum Dämon werden oder schlichtweg zum Kitsch mutieren, wie bei Villingen und Schwenningen. Tradition wahren heißt immer, kritisch mit überkommenen Werten arbeiten und die Distanz sehen, mit der wir vor dem "Koloss der alten Welt" stehen, hören und sehen. Einweihungsschrift von Sittard Walckerorgel Opus1700   und Marcussen Orgel

 

Bei unserer Arbeit an der Mauracherorgel im Kleinen Michel munkelte man, dass der Spieltisch der großen Walckerorgel im Michel noch erhalten sei, und dass er entweder in der Krypta präsentiert würde, wo weitere Gegenstände aus der Kirche ausgestellt seien. Dann hört man, dass der Spieltisch in einer Kneipe aufgebahrt sei. Wir wollen es genau wissen und erkundigen uns bei allen Leuten. Manuel Gera, Kirchenmusikdirektor und zuständiger Kirchenmusiker im Michel erläutert, dass dieser Spieltisch, gäbe es ihn noch, längst zum Hauptspieltisch avanciert sei. Gleichzeitig läd er uns zu seiner Orgelvorführung ein die täglich um 12 Uhr im Michel stattfindet. Tatsächlich sind dort jeden Tag von 100 bis 300 Zuschauer keine Seltenheit.

Zuerst spielt Gera auf der kleinen Grollmann-Orgel unten im Chor, etwas Predigt, dann kommt die "Hilfsorgel"dran,  welche Marcussen 1909 mit 40 Registern gebaut hat (Walcker hat das Instrument 1951 überholt und mit neuem elektr. Spieltisch versehen, und dieser Spieltisch sollte in irgendeiner Kneipe seine Show haben), danach wird die Steinmeyer von 1960/62 mit 85 Registern gespielt. Diese Orgel hat einen braven Klang, fast schöne, unaufdringliche Mixturen, und im Tutti fehlt ihr eigentlich alles was man von diesem Prospekt erwartet. Dennoch ist die Orgel und ihr Aufbau, den wir komplett durchstudieren dürfen, ihren 85 Register angemessen. Es ist reichhaltig Platz im Orgelzimmer, wo vorher eine  dopplet so große Walcker stand. Was völlig fehlt ist der gurgelnde Grundton von satten Bässen aus Untersatz, Kontrabaß, Posaunen und in der Mittellage ist es etwas zu dünn. Die ätherischen Streicher, welche von der Kirchendecke herunterrieseln sollten, vom zartesten Aeolshauch bis zum kraftvollen Gambenstrich, dies vermissen wir nicht, wir haben es nie erwartet.

Die Orgel ist mechanisch, mit Seilzugtraktur, die ihre bekannten Tücken hat, und wohl in absehbarerer Zukunft durch Holzabstrakten ersetzt werden wird. Im Innern findet sich ein riesiger Eisenschmidt-Setzer mit 5 oder 6 Kombinationen und es findet sich ein aufgeräumtes Inneres, das pflegeleichte Wartung verspricht.

Nicht so bei der Marcussen-Orgel, die wohl in dern 70 Jahren midifziert und cavallisiert wurde, mit hässlichen Pappkisten, wobei die stark gekröpfte "harmonique" uns zerberusgleich anbellte. Die Orgel wurde bereits 1909 schon recht kräftig intoniert, wie das Einweihungsheft vermerkt, mit 108mmWS, um den großen Chor- und Orchestermassen standzuhalten. Ob Walcker da noch in 1951 noch weiter aufgedreht hat, oder nur beibehielt, müsste sorgsam überprüft werden. Weil man vorhat diese Orgel wieder auf den originalen Zustand (pneumatisch) zurückzuführen und gegebenenfalls beide Orgeln über einen Zentralspieltisch zu steuern (also wieder e-pneumatisch).

Die Orgelwelt im Michel scheint also wieder ein wenig in Bewegung zu kommen, ein zurück auf 1912 wird es nicht mehr geben. Vielleicht wären die Kirchenmusiker dort dazu bereit, aber wie stände es mit der Bevölkerung?

Wir fahren mit dem doppelgedeckten Touribus durch die Hamburger Innenstadt und sind am Ende erstaunt nur eine einzige Kirche erwähnt haben zu bekommen, es war der Michel. Kein Wort hörten wir von der St. Jakobikirche (Ahrendorgel, die oft auch als Schnitgerorgel tituliert wird), St. Petri (von Beckerath-Orgel mit Register aus alter Walcker-Orgel, die kürzlich von Schuke restauriert wurde) St. Katharinenkirche (die momentan noch eine Kemperorgel auf der Westempore hat, unten steht eine Kleuker, die noch benutzt wird - in Planung ist eine Flentrop-Orgel, was man nirgendwo lesen kann und was in Hamburg scheinbar niemand weiß, es steht ausschließlich Bach-Orgel im Raum, welche hauptsächlich von Zeit-stiftung, Spiegel und weiteren Stiftern bezahlt werden soll, geplant ist der Einbau in 2010) St. Nikolai - hier ist nur noch die gotische Ruine vom II.WK übrig gelassen worden (aber auch hier soll eine der bis dato größten Orgel Europas von Schnitger eingebaut worden sein, die 1842 verbrannte). Damit haben wir die fünf Hauptkirchen der Hansastadt Hamburg kurz mit ihren Orgeln vorgestellt - eben unter dem Hinweis gestellt, dass es sich um  ein sehr statisches Bild  der Stadt handelt.Und wir haben der Touribus-Tante mitgeteilt, dass sie in Zukunft etwas über diese Kirchen sagen soll, ob was hilft weiß man nicht.

Keinesfalls können wir uns mit der Auffassung einiger Hanseaten vertraut machen, dass Hamburg die Welthauptstadt der Kirchenmusik sei, weil hier schon im 17.JH ein Wallfahrtsort für Organisten Geltung besessen habe. Man erinnert immer gerne an den Bittsteller JSB - aber meine Damen und Herren, das ist rund 300 Jahre her.

Und ist genau die Form von Geschichte, auf der man sich gerne ausruhen mag, aber die keinerlei Dynamik und Bewegung verspricht. Eine Kopierorgel in diesem Sinne zu bauen in St. Katharinen, mit einer sicher gewährten Bachorgel, das ist ein Hintersinnen das völlig schief liegt. Mag sein, dass man ein paar Touristen mit Bachorgel gezielter einlullt, so wie man im Süden mit Silbermann-und Regerorgeln die Dummen in ihren Schlaf singt.

Langfristig wird man dem Orgelbau dadurch nur Schaden zufügen, weil irgendwann auch der größte Tropf den Etikettenschwindel bemerkt und hämisch auf jenen Beschiss dieser durchdachten "Kulturarbeit" verweisen kann.

Das "Echte" oder "Wahre" fängt bei einer gründlichen und klaren Benennung an, und hört bei einer soliden Arbeit auf. Wer bescheißen will, der sollte auf den Jahrmarkt gehen und nicht in die Kirche. Oft hat man den Eindruck aber, als sollte die Kirche zum Jahrmarkt werden. Manche Predigten klingen schon sehr verdächtig nach Bütt und Pappmaché. Und da ist es mir immer noch lieber, man hört den tiefen und brausenden Puls von der Westempore - den interpretierbaren Orgelton, der deswegen unsere ganze Begeisterung erfahren darf, weil er nicht in Begriffen lügen kann - eben, weil er unschuldig ist.

An einer Stadt wie Hamburg kann man noch weitere Erscheinungen unserer Zivilisation prismatisch deutlich und glasklar erkennen, wie wir das in anderen Landesteilen und kaum auf dem Lande sehen dürften: es ist der Moloch der seine Kinder frisst.

So haben wir in unserer Kirche Ein-Euro-Jobber, Hartzler, darunter einen Architekten, der von England, Vietnam, Japan, Korea, Afrika und weiß der Teufel überall tätig war, Projektleiter war, und nun als Kirchenwache seinen Dienst versieht. Zwei Tage nach unserer Ankunft meldete sich eine weitere Person zum Ein-Euro-Job, ein ehemaliger Filialleiter der Deutschen Bank. Der Tagesarbeit in der Bank nicht mehr gewachsen landet er auf unterster Stufe.

Marktwirtschaft kennt keine Gnade nicht.

Kein Zufall, dass ich gerade "Tadeusz Borowski -Bei uns in Auschwitz" lese. Hoffnung, gibt es da nicht mehr in den biederen Formen, wie sich Würschtle den Würschtleshimmel vorstellt.

Man darf nicht verzweifeln, aber auch nicht fliehen.

Michel unverbrannt

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im Michel: am reduzierten

Spieltisch.

Der Riese stand zwei Meter

vor dieser Stelle

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Katharinenkirche

...

Plan neue Orgel

der Katharinenkirche

...

 

Jakobikirche

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Orgel Jakobikirche

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Nikolaikirche

Fragment

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Alsterhaus

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Michel - Steinmeyer

32'Pfeifen-Aufhängung

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Petrikirche

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KMD Manuel Gera am Spieltisch der Steinmeyer-Orgel im Michel

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und weiterer Organist

am HBF Hamburg

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inside der Marcussen Orgel

im Hamburger Michel

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  Gerhard Walcker-Mayer  21.Jan.2007

 

 

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Das Hauptorgelwerk der Hamburger Michaeliskirche Op.1700, Bj 1912, V/163, dürfte wohl das größte und schönste Orgelwerk der Spätromantik in Deutschland gewesen sein. Durch Ignoranz und Verblendung wurde das Werk nach dem Krieg von orgelbewegten Idioten zerstört. Übrig geblieben sind ein paar seltene Fotos vom Inneren der Orgel und ein schönes, lehrreiches Heft von Alfred Sittard. Wir haben sowohl Heft wie Bilder auf Grund vieler Anfragen aus USA und Deutschland neu aufgelegt und versenden es auch als CD zu 10 Euro incl. Versand. Es sind alle Seiten und Fotos mit mind. 300 dpi gespeichert sind. Hier ein paar Beispiele in minderer Auflösung.Detail04 Detail05 Detail06 Spieltischdetail.
  Die Orgeln in Hamburg
von Günter Seggermann, Verlag: Christians, 232 Seiten, Preis 19,- Euro
Eine reich bebilderte Dokumentation, in der Fachleute und Laien alles Wissenswerte zur Geschichte und Bauweise Hamburger Orgeln finden.

Impressum : 

Besitzer : Orgelbau Gerhard Walcker-Mayer

G. Walcker-Mayer (gwm) gewalcker@t-online.de

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