Die ausgebeinte Orgel des
Gelsenkircher Hans-Sachs Hauses
liegt auf der Schlachtbank : ohne Ausschreibungsverfahren und ohne
Sachverständige wird ein historisches wertvolles Werk aus dem Hause
Walcker der Verhunzung preisgeben. [gwm
15.12.01]
Entgegen jeder Vernunft und
Klarsicht wurde der Auftrag zum Ausbau und der Wiederaufstellung der
Orgel, ohne Ausschreibungsverfahren an eine Firma vergeben, die keinerlei
Erfahrung auf dem Gebiet der Restaurierung von Konzertsaalorgeln besitzt.
Diese Firma wurde erst wenige Wochen vor Auftragsvergabe ins
Handelsregister eingetragen. Die Gesellschafter und Geschäftsführer
besitzen weder Meisterbrief noch sonstige qualitative Ausbildung, um ein
solches historisch wertvolles Werk herzurichten. Wie geht man hier in
Gelsenkirchen mit öffentlichen Geldern um, so frage ich mich, mit Geldern
die auch aus Zuschüssen von Land und Staat bestehen.
Meine Eingabe beim Oberbürgermeister Wittke der Stadt
Gelsenkirchen wurde mit einem harmlosen Beschlichtungsschreiben
beantwortet. So wurden Fragen erläutert, die gar nicht gestellt wurden,
während der Oberbürgermeister mein Begehren, nämlich unverzüglich
Sachverständige von Orgelbau und Denkmalamt einzuschalten völlig
ignorierte.
Damit steht die letzte große Orgel von Oscar Walcker
vor der Verstümmelung und Hinrichtung.
Der Altmeister des spätromantischen Deutschen Orgelbaus
hatte kein Glück mit seinen wegweisenden Orgeln in Deutschland. Alle
seine großen Werke landeten in Deutschland auf den Scheiterhaufen des
Modernismus und der Ignoranz. Gott sei Dank gibt es da die Holländer, die
solch großartige Orgeln wie die Walcker-Orgel von Doesburg erhalten
können, während sich bei uns eben blutleere Technokraten an diesen
Kulturbauten in dreister Weise vergehen und diese vernichten.
Wie ist es nur möglich, dass man heutzutage nach den
umfangreichen Erkenntnissen der vergangenen 50 Jahre sich derartig brutal
an diesem Orgeldenkmal vergreift? Wie ist es nur möglich, so frage ich
eindringlich weiter, dass nach Hinweisen auf fehlende Sachverständige und
nach Fragen zur Klangdokumentation, die natürlich nicht durchgeführt
wurde, ein Blah Blah an Antworten erfolgt, als sei man auf einer
Wahlveranstaltung, wo es nur auf die Form und überhaupt nicht mehr auf
den Inhalt ankommt, anstatt, dass man endlich die Initiative zur
gewissenhaften Arbeit ergreift.
Die Antwort ist Herr Karl Heinz Obernier, Musikdirektor
in Gelsenkirchen, der sich als Organisator der Internationalen Orgelwettbewerbe
einen Namen gemacht hat, und der sich gerne von der lokalen Presse als
"Retter" der Hans-Sachs Haus Orgel feiern lässt, denn Herr
Obernier möchte sich hier kurz vor seiner Pensionierung noch einmal gern
ein kleines Denkmal errichten. Wie in jeder Schachpartie, bei der man am
Schluss fehlgreift und damit die großartigste Leistung der kompletten
Partie mit einem Zug zerstört ist, vernichtet Obernier hier ein Teil
seines Lebens. Herr Obernier ist kein Orgelsachverständiger und er
besitzt kein technisches Verständnis, geschweige denn, dass er den
gesamten technischen und klanglichen Aspekt des vollständigen Orgelwerks
im Hans Sachs-Haus überblicken würde. Aber dies ist halt typisch für
die Eitelkeiten von höheren Beamten, dass sie sich ihre begrenzte
Kompetenz nicht eingestehen und dann eben weiter gehen, als dies ihren
Qualifikationen entspricht.
Ein grandioser Fehler war bereits die Umstellung dieser
Orgel von Taschenladen auf Schleifladen seit dem Jahr 1982 durch die Firma
Walcker. Und hier kann niemand von mir erwarten, ich solle die Fehler und
Ungenauigkeiten der Firma Walcker unter der Federführung meines Vater
glatt bügeln. Sondern es muss deutlich und klar gesagt werden, dass das
Instrument seine klanglich höchste Entfaltung nur unter Registerkanzellen
realisieren kann. Ein Aufblühen des gesamten Klanges und der vielen
charakteristischen Einzelstimmen ist unter Schleifladen und den beengten
Windverhältnissen unmöglich. Eine andere Sicht der Dinge ergäbe sich,
wenn man wie Aristide Cavaille - Coll mit unterschiedlichen Winddrücken-
und verteilungen an die Schleiflade herangegangen wäre, wie dies heute
bei vielen Firmen gehandhabt wird.
Wir in Deutschland kennen das System der
Registerkanzelle mit seinen großen Magazinbälgen als Antwort auf
Windprobleme. Eindeutig hat hier die Kegellade ihre mechanischen Vorteile
gegenüber allen anderen Systemen. Es soll aber deutlich festgestellt
werden, dass die Taschenlade als Ausstromsystem prägnanter anspricht und
für Saalorgeln ist dies elementar : das System besitzt ein
geräuschloseres Arbeiten ihrer pneumatischen Teile innerhalb der
Tontraktur.
All diese Gesichtspunkte waren für die Erbauer in
damaliger Zeit evident und selbstverständlich. Die Reparatur der
Taschenladen, das Auswechseln der anfälligen Lederteile hätte bei einer
Saalorgel wie es in Hans-Sachs Haus der Fall ist, nur einen erträglichen
Wartungsaufwand angenommen. Es ist natürlich einleuchtend, dass der
Neubau der Windladen wirtschaftlich lukrativer war, dies dürfte aber der
einzige positive Aspekt bei der Betrachtung des ersten
Umstellungsversuches sein.
Ich halte also fest, dass der Umbau der Hans-Sachs Orgel
bereits der erste kapitale Fehler in der Geschichte des Instrumentes
darstellt. Die Klangsubstanz kann sich unter einer solcherlei erwürgten
Windqualität nicht voll entfalten. Das von Prof. Dr. Reuter erstellte
Gutachten über den Klang dieser Orgel sollte natürlich bezwecken, dass
das Pfeifenwerk mit ihrer vorgegebenen Disposition nicht verändert werden
darf. Vielleicht spielt hier auch der Gedanke eine Rolle, dass ja ein
solches "ideales" Registerkanzellensystem nachgebaut werden
könnte. Zumindest wäre diese Idee einer Annäherung ans Oscar
Walckersche Instrument angebrachter, als kitschiger Zuckerguss in Form von
nachgebauten Fernwerken und Industriespieltischen mit Milliarden an
Kombinationsmöglichkeiten. Hier haben dann diejenigen wieder Oberwasser,
welche etwas fabrizieren wollen, zum Anfassen fürs "Volk"
anstatt eine tiefgründige saubere Arbeit, die mit Geist an die Wurzeln
dieses Instrumentes geht, eben dort arbeiten, wo es Mühe kostet und wo
man an Berührungspunkten an der Seele der Orgel ansetzt, wo man den Klang
formen könnte, wie es der Meister sich vorstellte.
Eine solche Vorgabe, sprich ein Instrument mit einer so
deutlichen ästhetischen Substanz, wie es Reuter analysierte wird nun in
einem Verfahren, ohne jede Ausschreibung und Auseinandersetzung mit
Sachkompetenz von Orgelsachverständigen und Denkmalsamt abgehandelt, als
würde es hier um das Anstreichen einer Wand handeln.
Man stelle sich doch nur einmal bildlich vor, die
Verantwortlichen geben den Auftrag zur Restaurierung der Orgel in
Weingarten einer Firma, die gerade eben ihre Gründungsmodalitäten hinter
sich gebracht hat, und man schließt jede Beteiligung von
Sachverständigen und Denkmalamt bei diesen
"Restaurierungsarbeiten" kategorisch aus, weil der Schulte
meint, es reiche aus, dass diese Funktion der Dorflehrer ausfüllen kann. Würde das etwa keine
Protestschreie aus Presse und Bevölkerung hervorbringen ?
Man kann mir vorwerfen, dass ich meine Ressentiments
gegen diese Nachfolgefirma hege, dies gebe ich auch gerne zu, aber an dem
objektiven Tatbestand, dass hier kein Wettbewerb stattfand, wird man sich
nicht vorbeimogeln können. Das Hinzuziehen von autorisierten
Sachverständigen ist das Mindeste, was ich in dieser Sache erwarte.
Bei jeder Arbeit an öffentlichen Gebäuden, so wurde
ich belehrt, würde ein ordentliches Ausschreibungsverfahren stattfinden.
Jeder Pfarrer in der Provinz hat ab einem Betrag über 10.000 Deutsche
Mark seine vorgesetzte Behörde um Freigabe zu ersuchen. In Deutschland
gibt es viele und gute Orgelfirmen, die ausreichende Erfahrungen im
Restaurieren solcher Instrumente haben, es gibt ebenfalls in
Nordrhein-Westfalen Orgelsachverständige, welche einen umfangreichen
Erfahrungsschatz haben. Aber bei dieser Orgel wird auf ein Niveau
heruntergefahren, als gelte es zu beweisen, dass auch Blinde hervorragende
Maler sind.
Aus den genannten Gründen habe ich mich entschlossen
eine Eingabe beim Ministerpräsidenten von Nordrhein Westfalen zu machen.
Außerdem stelle ich beim Bundesrechnungshof Antrag auf Untersuchung der
Auftragsvergabe von dem öffentlichen Auftrag der Orgelarbeiten im
Hans-Sachs Haus zu Gelsenkirchen.
Ich werde in dieser Sache nicht ruhen bevor hier nicht
eine glasklare Entscheidung von allen Verantwortlichen getroffen wurde.
Nachzutragen wäre noch, dass die Orgel im
Hans-Sachs-Haus auf zwei CDs die auf diesen Internetseiten vorgestellt
werden klanglich repräsentiert wird. Es handelt sich um die Lauxsche
CD-Einspielung der Orgelwerke Liszt's und der Einspielung von I.
Peyrot der Klavierwerke J.S.Bachs, die Max Reger für Orgel bearbeitet
hat.
gwm
Brief von gwm an den OB der Stadt Gelsenkirchen