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Wien   

eingefügt 28.05.2005

 

 

IBERION

ein

sterbender Riese

tanzt seinen letzten Tanz

 

  Die Walcker-Orgel Opus 2222 

 im Palacio National, Barcelona

  Baujahr 1929 - 5 Man/154 Reg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer in eine spanische Kathedrale tritt, und nach einigen Schritten auf den Altar zu, sich dreht, wie es nun einmal der Orgelbauer oder der Organist tut, wenn er aus Deutschland kommt; der nimmt in der Regel ein schönes, oft zwei- dreihundert Jahre altes Orgelwerk auf der Westempore wahr, das ihn zutiefst entzückt. Aber spätestens dann, wenn er den Pfarrer nach der Orgel befragt hat, und er die spanische Antwort erhalten hat : »seit hundert Jahren unspielbar«, weiß er, in Spanien ist alles anders, hier gibt es keine Orgelspieler, und daher gibt es hier auch keine nennenswerten spielbaren Orgeln. Als wir in Guadalupe, in der Extremadura, den Abschluss eines drei Jahre langen  Orgelprojektes entgegensahen und ein amerikanisches Organistenteam zufällig dort vorbeikam, hörten wir den Ausspruch eines der Organisten: »thats the first organ in Spain we met, which is complete playable«.

Natürlich ist diese kurze Darstellung des spanischen Orgellebens sehr überzogen gezeichnet, aber sie trifft im Kern zu. Es ist ein Zustand, den wir in Italien und auch in Frankreich antreffen können, und den wir bald auch in Deutschland vorfinden werden, wenn wir nicht lernen aus den Fehlern unserer europäischen Nachbarn in Sachen "Kulturverwahrung" und Verantwortung gegenüber unseren Alten.

Ein markantes Beispiel ist unser "Riese Iberion", der symbolisch für die Orgelkultur in Spanien stehen könnte. Der Name wurde kurzerhand von mir erfunden, möge diese Internetseite dafür dienen, dass in Richtung Wiederherstellung dieser größten "erhaltenen" Walcker-Orgel endlich ein paar Schritte gemacht werden. Oscar Walcker schreibt in seinen Erinnerungen »Barcelona, Weltausstellung 1929 mit glühender Begeisterung von Volk und Land, was wir mit nur geringfügig gekürzter Fassung weiter unten wiedergeben. In Barcelona gründete er  das Unternehmen "Grandes Órganos Walcker" , dass allerdings nach dem II. WK keinen Bestand mehr hatte.

Als Pierre Baron mir die Bilder des momentanen Zustandes der Orgel schickte war ich so entsetzt, dass in mir sofort der Gedanke auftauchte, einen kurzen Artikel über dieses Instrument zu machen. Das Ergebnis sehen Sie hier.

Hier die ursprüngliche Dispo der Orgel mit 154 Registern. Leider wurde sie von OESA, einem unglücklich agierendem spanischem Unternehmen auf 6 Manuale erweitert und umgebaut, was ihr wahrscheinlich den Rest gegeben hat. Hoffen wir, dass diese Orgel wieder aufgebaut wird, und hoffen wir, dass sie nicht in die Hände von "Maschinensaal-Intonateuren" kommt, wie fast alle deutschen Denkmalorgeln. Denn damit hätte man wieder einmal eine große "Brüll-und Schreiorgel" mehr, aber eben genau diese feine Intonation der Spätromantik, die wir gar nicht mehr kennen, wäre endgültig verdorben.  (gwm)

 

Barcelona, Weltausstellung 1929       von Oscar Walcker

Herrlich die Fahrt nach Barcelona! Über Straßburg, Belfort, durch die Burgundische Pforte erreicht man das Rhonetal. Links steigt mächtiges Gebirge an, bis zu den Alpen hinüberreichend, rechts zeigen sich fruchtbare Felder und gut gepflegte Weingärten. Lyon, Nimes und Tarascon werden passiert, die Südküste Frankreichs wird erreicht. Dann und wann leuchtet das blaue Meer im Sonnenschein auf. Ein Felsriegel trennt die französische Grenzstation Cerbère von dem spanischen Portbou. Drüben am Ende des Tunnels weht spanische Luft. Die Fahrt nach Barcelona ist besonders genußreich. Vorbei an malerischen Dörfern und Städten, türmen sich rechts die gewaltigen und grotesken Berge der Pyrenäen; links prallen die Wogen der See an zackige Felsen oder verlaufen sich auf dem leuchtenden, zum Bade einladenden Strand. Die Küste Spaniens ist von einzigartiger Pracht, glühend in farbiger Schönheit. Spanien ist ein waldarmes Land. Die Hänge der Berge sind kahl, baumlos die weiten Flächen der Hochebene von Kastilien. Auf der Fahrt durch die Täler Kataloniens sieht man die Aufforstungsarbeiten der Regierung, die mit allen Mitteln versucht, das längst Versäumte nachzuholen. Die Bäume, in bestimmten Abständen gepflanzt, wachsen zu Wäldern heran. Für jeden gepflanzten Baum zahlt die Behörde eine Prämie von einem Peseten.

Man fragt sich immer wieder: Warum fahren die deutschen Menschen nur nach Italien, warum nicht im Frühjahr nach dem Süden Spaniens? Die Spanier sind immer ein unruhiges Volk gewesen, entweder streiken im Norden die Basken oder revoltieren im Süden die Katalanen. Als ich im Jahre 1906 zum ersten Male nach Barcelona kam und mein Freund Agustin Guarro mich an der Bahn in Empfang nahm, erhielt ich gleich die nötigen Anweisungen und Ratschläge. Unruhen waren ausgebrochen, starke Militärpatrouillen durchzogen die Straßen. Nach fünf Uhr abends durfte man die Wege nur mit einem Erlaubnisschein passieren. Die Rambla, die Prachtstraße der Stadt, war besonders stark bewacht. Auf beiden Seiten bildeten in Abständen von zwanzig Metern die Carabineros, schwer bewaffnet, Spalier. Es herrschte eine nicht gerade behagliche Stimmung. Als wir nach einigen Tagen nach Sabadell, einer großen Fabrikstadt in der Nähe Barcelonas, fuhren, zeugten zahlreiche Kugeleinschläge in den Mauern und zerbrochene Fenster von den Kämpfen, die hier stattgefunden hatten. Aber wie nach dem Sturm die Sonne durch die Wolken bricht, so fließt auch das Leben in Spanien bald wieder ruhig dahin, jeder geht seiner Arbeit nach oder noch mehr seinem Vergnügen, je nach Bedarf und Stimmung.

Im Festsaal des neugebauten Orfeo Catala hatten wir eine große viermanualige Konzertorgel stehen. Die namhaftesten Organisten Europas wurden berufen, um Orgelkonzerte zu geben oder bei großen Oratorien mitzuwirken. Es schien, als ob durch dieses Werk eine Welle des Verständnisses für Orgel und Orgelmusik nach Katalonien getragen würde. Wir hofften auf einen sich steigernden Absatz unserer Instrumente nach der iberischen Halbinsel. Die Zölle für Musikinstrumente und Orgeln wurden aber dauernd erhöht, so daß eine Einfuhr fast unmöglich wurde. Heute wird ein Gewichtszoll von beinahe 1.— RM pro Kilo erhoben, der ungefähr einem Wertzoll von 100 Prozent entspricht, ein Zollsatz, der die Ausfuhr nahezu ausschließt. Trotzdem konnten wir im Laufe der Jahre sechsundzwanzig neue Orgeln nach Spanien bauen. Eines Tages erhielt ich nun von Guarro die telegrafische Aufforderung, eine Orgeldisposition von 150 Registern auszuarbeiten, einen Kostenanschlag aufzustellen und beides auf dem schnellsten Wege nach Barcelona zu senden. Ich konnte mir nicht denken, wo in aller Welt ein so großes Werk, das über 10 000 Orgelpfeifen umfaßte, aufgestellt werden und wozu diese Eile dienen sollte.

Der Entwurf ging schließlich ab, und ich wartete, allerdings recht skeptisch, auf die weitere Entwicklung der Dinge. Ein paar Tage später traf ein Telegramm ein mit der Aufforderung, sofort zu wichtigen Verhandlungen nach Barcelona zu kommen. Noch immer wußte ich nicht, um was es sich handelte. Fünfunddreißig Bahnstunden hin und ebensoviel zurück! Ich antwortete: „Komme, wenn Erfolg in Aussicht". Ein zweites Telegramm Guarros verlangte wieder dringend mein Kommen. Ich fuhr also nach Barcelona. Guarro erwartete mich am Bahnsteig, informierte mich rasch, daß im nächsten Jahr in Barcelona eine Weltausstellung stattfinde. Ein Riesenpalast, der „Palacio Nacionale" mit einem Saal, der 20 000 Menschen fasse, werde gebaut. Für diesen Saal sei eine Orgel mit 150 Registern erwünscht. Dieses Werk sollte ein spanischer Orgelbauer bauen, die Verhandlungen seien so weit gediehen, daß die Verträge in den nächsten Tagen zum Abschluß mit dem Orgelbauer Dourté, Bilbao, reif seien. Als er, Guarro, dies erfahren habe, sei von ihm sofort eine große Aktion bei den zuständigen Behörden eingeleitet worden, um uns in die Konkurrenz einzuschieben. Eine große Schwierigkeit tauchte auf. Die spanische Regierung hatte sich verpflichtet zum Bau des Palacio Nacionale einige Millionen Peseten beizusteuern, aber nur unter der Bedingung, daß zu dessen Bau und Einrichtungen nur spanisches Material und spanische Arbeit verwendet werden dürften. Die Besuche und Verhandlungen begannen. Guarro schien überall Freunde zu haben. Während oft Dutzende von Menschen warteten, wurde er durch eine Nebentür eingelassen, um außer der Reihe gehört zu werden. Da der Palacio nach dem Ende der Ausstellung in den Besitz der Stadt übergehen sollte, hatte diese auch größtes Interesse an der ganzen Orgelfrage. Der Vertrag mußte letzten Endes mit der Stadtverwaltung abgeschlossen werden. Die Verhandlungen auf dem Rathaus in Barcelona waren besonders schwierig und zeitraubend. Wie konnten die Vorbehalte des Staates umgangen werden? Das war die große Frage. Vor elf Uhr war der Finanzgewaltige der Stadt nicht zu sprechen, um zwei Uhr war sein Büro geschlossen, er saß im Schatten eines Kaffees, um seinen Mokka zu trinken. Verhandlungen mit den Architekten wegen der Raum- und Gehäusefragen lagen dazwischen. Drei Wochen vergingen, bis endlich der Vertragsentwurf festlag. Die Besprechungen waren für mich schwierig, keiner der Herren war der deutschen Sprache mächtig. Zudem sprechen die Spanier mit einem fremdartigen Akzent französisch, so mußte ich denn verdammt aufpassen, umso mehr, als es sich bei diesem Vertrag um äußerst wichtige und weittragende Dinge handelte. Mit folgenden Bedingungen versuchte man die Klausel der Regierung zu umgehen:

1. Walcker stellt eine Orgel mit 150 Stimmen im Palacio Nacionale als Ausstellungsobjekt aus. 2. Walcker erhält von der Ausstellungsleitung für Benützung des Instruments während der Dauer der Ausstellung eine Miete von 60 000 Goldmark. 3. Walcker fertigt um den festen Preis von 45 000 Goldmark ein Orgelgehäuse mit Prospektpfeifen und reichen Schnitzereien. 4. Die Stadt Barcelona behält sich vor, nach Schluß der Ausstellung die Orgel käuflich zum Preise von 185314 Goldmark zu übernehmen. Die Miete ist in den Kaufpreis einzurechnen. Die Stadt trägt im Falle des Kaufes die Kosten für Zoll und Zollspesen. 5. Verzichtet die Stadt auf den Kauf, ist die Orgel abzubrechen und nach Deutschland zurückzunehmen. 6. Für den Kaufpreis ist die Valuta eines gewissen Stichtages maßgebend. Die Gesamtkosten der Orgel einschließlich Gehäuse betrugen also 230 314 Goldmark. Man kann sich denken, wie groß das Risiko bei der in Frage stehenden Summe für mich war. Entweder — oder, war die gebieterische Frage. Ich wagte den Sprung ins Ungewisse. Wenn nun das Gehäuse fest bestellt werde und die Miete mit dem Gehäusepreis nahezu die Hälfte der Orgelkosten betrage, so argumentierten die Beamten von Stadt und Ausstellung, sei, wenn auch die vertragschließen­den Personen wechseln sollten, nicht anzunehmen, daß man das leere Orgelgehäuse stehen und sich die Orgel entgehen lasse. Die Unterzeichnung des Vertrags sollte in feierlicher Sitzung stattfinden. Zur bestimmten Zeit fanden sich alle Beteiligten im Zimmer des Bürgermeisters der Millionenstadt ein. Die Wände des großen Raumes waren mit scharlachroter Seide behangen. Prachtvoll vergoldete Möbel zierten das herrliche repräsentative Büro' des Oberhauptes der Stadt Barcelona. Der Bürgermeister tritt ein, alles erhebt sich; würdevoll schreitet er zu dem Schreibtisch. Er begrüßt mich in einer kurzen Rede, greift zur Feder und unterzeichnet das Dokument, das alsdann auch meine Unter­schrift erhält. Nun gings nach Hause zum Planen und zum Bauen. Im Palacio Nacionale sollte ein Orgelwerk erstehen, würdig den deutschen Namen in friedlichem Wettkampf der Völker auf der internationalen Ausstellung in Barcelona zu vertreten.

Das Jahr 1929 rückte heran; der Termin der Eröffnung der Ausstellung war festgelegt. Beim Eröffnungsakt sollte der Klang der Orgel die Riesenhalle des Palacio zum erstenmal erfüllen. Auf meinen Vorschlag hin wurde Alfred Sittard, der Organist von St. Michaelis in Hamburg, von der Ausstellungsleitung berufen, das erste Konzert zu geben und damit die Orgel zu weihen. Meisterhaft ließ Sittard die Pfeifen erklingen. Ein Präludium von Joh. Seb. Bach brauste durch den Saal, den Tausende von Menschen füllten. Diese erste Vorführung brachte einen vollen Erfolg. In echt spanischer Begeisterung huldigte die Menge dem Spieler, der acht Tage später noch zu einem zweiten Konzert verpflichtet wurde.

Bei dem Entschluß, in Barcelona eine Weltausstellung zu veranstalten, war die spanische Regierung von dem Gedanken geleitet, die spanisch sprechenden Völker Südamerikas wirtschaftlich und politisch wieder enger an das Mutterland heranzuführen. Eine starke Werbung für den Besuch der Ausstellung setzte in diesen Ländern ein, man erhoffte guten Besuch und organisierte billige Reisen über das Atlantische Meer. Auf kulturellem Gebiet wollte das Mutterland zeigen, welche Schätze im Laufe vieler Jahrhunderte gesammelt wurden und was dieses Volk alles geleistet hat. Die internationale Seite diente mehr dazu, das Interesse der Besucher zu steigern und auf dem Gebiet der Industrie und Technik all das zu zeigen, was geeignet war, die etwas zurückgebliebene Industrie Spaniens anzuregen und vorwärts zu bringen.

Die Ausstellungspläne, die Bauten und Anlagen waren großzügig und planvoll dem Gelände angepaßt. Mächtige Bauten und Ausstellungs­hallen entstanden am Fuße eines Hügels, dessen dem Meere zugewandte Seite die Festung Montjuich trägt, die den Hafeneingang von Barcelona beherrscht. Von einem großen freien Platz aus betrat man die Ausstellung. Eine mächtige breitgelagerte Treppe führte in nahezu hundert Stufen den Hügel hinan. Wasserfälle stürzten herab, zahlreiche Springbrunnen sandten ihre Strahlen gen Himmel. Die AEG. Berlin hatte die Beleuchtung dieser Wasserkünste übernommen; es war ein feenhafter Anblick, wenn bei sternklarer Nacht diese Wasser in allen Farben erglühen. Wie flüssiges Gold leuchtete es auf, in allen Farben des Spektrums glitzerten die Wellen, und nebenher schoben sich die Men­schenmassen langsam die Stufen hinauf zum Palacio Nacionale, der die Höhe krönte: ein Riesengebäude, in spanischer Renaissance erbaut, der Stolz der Stadt Barcelona. Rings um den Festsaal, in dem die Orgel stand, zogen sich reich ausgestattete Räume, in denen alte und neue spanische Kunst gezeigt wurde. Gemälde spanischer Meister zierten die Wände, leuchtend in ihrer Farbenpracht; Goldschmiedearbeiten in rei­cher Fülle von hoher Schönheit waren in den Vitrinen zu sehen. In Katalonien kreuzten sich ehemalige maurische, byzantinische, römische und griechische Kulturen.

Mit Stolz konnte der deutsche Besucher feststellen, daß die deutsche Industrie und das deutsche Gewerbe auf der Ausstellung glänzend vertreten waren. Ob es sich um Maschinen, um Autos, um Erzeugnisse der chemischen Industrie oder um Feinmechanik handelte, überall war bei glänzender Aufmachung beste Qualitätsarbeit zu sehen. Eines der bedeu­tendsten Ausstellungsstücke der deutschen Abteilung war die Monumentalorgel der Firma E. F. Walcker & Cie.

Auf dieser Orgel wurden Woche um Woche gut besuchte Orgelkonzerte bedeutender Künstler geboten. Die Textilindustrie hatte es besonders verstanden, wirkungsvoll zu werben. In langen Fahnen hingen die Tuche von der Decke herab, ein berauschendes Farbenspiel erfüllte den weiten Raum. Alle Völker waren vertreten, die Franzosen stellten ihre Erzeugnisse in eigenem Gebäude aus. Die Mode beherrschte den Raum. Die Maschinen der Engländer erregten allgemeine Bewunderung. Die Schweden waren mit" ihren Sportgeräten gekommen, während die Italiener duftige Gewebe und kostbare Gobelins zeigten. Dies alles konnte man staunend bewundern, nachdem durch eine imposante Feier im Festsaal des Palacio die Ausstellung in Gegenwart des spanischen Königspaares eröffnet worden war. Da das erste Orgelkonzert zehn Tage nach der Eröffnung der Ausstellung stattfinden sollte, hatten wir Gelegenheit, uns die schöne Stadt und ihre Umgebung anzusehen und viel des Interessanten kennen zu lernen.

Wer in Spanien war, muß auch von einem Stierkampf zu erzählen wissen. Heiß brennt die Sonne vom Himmel. Unter den 30 000 Menschen, die die Arena in dichten Reihen füllen, sitzen eines Tages auch der Organist und der Orgelbauer aus Deutschland, um das aufregende Schauspiel zu erleben. Ein Fiebern geht durch die Menge, ein Rauschen von Menschen-Stimmen erfüllt die Luft. Die Tore öffnen sich, in schillernden Uniformen marschiert die Musikbanda in die Arena, ihr folgend die Toreros in ihren farbenreichen Kostümen. Die Kampfpferde traben mit hängenden Köpfen hinterher, ihre Picadors (Lanzenreiter) nur unwillig tragend. Rings um die Arena marschiert der Zug, umtost von dem Jubel und Geschrei der Menschenmenge. Die Toreros und Picadors verschwin­den wieder durch das Tor, während sich die Banda auf den Estrado begibt. Das Rauschen der Menschenstimmen verklingt, alles ist gespannt auf den nun kommenden Kampf. Eine Türe in der Umzäunung öffnet sich. Ein. pechschwarzer Stier stürzt herein, bleibt stehen, scharrt mit den Füßen im losen Sand, daß die Wolken fliegen. In diesem Augen­blick betreten die Toreros die Arena. Einer, mit einem roten Tuch in dsr Hand, geht auf den Stier los. Dieser sieht den Feind, sieht das rote Tuch, brüllt auf und rast, den Kopf zur Erde gesenkt, dem Kühnen entgegen, gewillt, ihn auf die Hörner zu spießen. Mit einer eleganten Drehung tritt der Mann zur Seite, der Stier trifft nur das rote Tuch. Das Spiel beginnt von neuem. Die Lage des Kampfes wird kritisch, Kameraden springen hinzu und lenken das rasende Tier ab. Dieser Kampf zwischen der Gewandtheit des Menschen und der Urkraft des Tieres ist aufregend und spannend. Die Banderilleros treten auf und beginnen dem Stier die Banderillas (das sind mit Widerhaken versehene Wurfpfeile, an denen Fähnchen flattern) in den Nacken zu stoßen. Bis zu einem Dutzend dieser Pfeile stecken im Rücken des Tieres, Blut rieselt an den Flanken herunter. Capeadors unterstützen die ändern, indem sie durch geschicktes Schwingen roter Mäntel die Aufmerksamkeit des Stieres ablenken. Das Tor öffnet sich, und herein reitet der Picador mit der langen Lanze, um das Tier durch Stiche in die Flanken noch mehr zu reizen. Das Pferd sehen und darauf losstürzen, ist die Tat eines Augen­blicks. Der Reiter sucht mit der Lanze abzuwehren, aber schon hat der Stier das Pferd mitsamt dem Reiter auf den Hörnern und wirft beide in die Luft. Die Toreros lenken das wütende Tier mit dem Tuch ab, das Pferd kommt wieder auf die Beine, der Reiter in den Sattel, und der Kampf geht von neuem los. Der Bauch des Tieres ist aufgeschlitzt, die Eingeweide hängen bis zum Boden herunter. Die Zuschauer befinden sich in einem Zustand höchster Erregung, alles verfolgt gespannt das blutige Spiel. Macht der Torero einen Fehler, so wird das mit Gebrüll quittiert. Trillerpfeifen und andere Instrumente machen einen Höllen­lärm. Nun erscheint der Espada mit einem schlanken Degen bewaffnet, er hat das Tier durch einen Stich in den Nacken zur Strecke zu bringen. Mit einer Gewandtheit ohnegleichen sucht er immer wieder sein Ziel zu erreichen, schließlich gelingt es; der Degen durchbohrt den Hals so, daß die Spitze am Bauch wieder herausdringt. Wie vom Blitz getroffen, sinkt der Bulle zusammen. Das Publikum ist außer Rand und Band geraten. Strohhüte der Männer, Handtaschen der Damen, alle möglichen Utensilien fliegen zu Ehren des Matadors in hohem Bogen in die Arena. Im Triumph wird das tote Tier von einem Pferd über die blutbesudelte Arena geschleift.Sechsmal wiederholt sich das grausige Spiel. Sechs Stiere und sechs Pferde sind das Opfer der Leidenschaft des spanischen Volkes geworden. Ich hatte auch Agustin Guarro aufgefordert mitzugehen. Er lehnte aber energisch ab und sagte, ein Katalane halte es unter seiner Würde, einem solchen Spiel beizuwohnen, nur die Spanier hätten daran ihre Freude.

Die Rambla, die Haupt- und Prachtstraße der Stadt, in der sich um und nach Mitternacht die Menschen drängen, führt zum Hafen von Barcelona. Rege pulsiert hier das Leben, Schiffe kommen und gehen, Kranen knarren, und Warenballen wandern von Bord zu Land und von Land an Bord. Ein paar Schritte weiter drängen sich die engen, winkligen Straßen und Gäßchen. Hier ist spanisches Volkstum in Reinkultur zu erleben. In einer dieser Gassen liegt eine kleine Kneipe, die ich dann und wann besuchte. Eine rundliche Katalanin mit pechschwarzem Haar führt hier das Zepter. An ein paar wackligen Tischen sitzen die Stammgäste und gießen sich mit großer Geschicklichkeit aus einer Glasflasche den Wein- n den offenen Mund. Gläser sind Luxus. Wenn ein Fremder in landesüblicher Art den Wein in den Mund gießt und die Mundöffnung verfehlt, zieht ein Schmunzeln über die Gesichter der Treffsicheren. In der sauber gehaltenen Küche krabbelten riesige Langusten über den Boden, Krebse ohne Scheren, aber mit zwölf langen Füßen ausgestattet. Man suchte sich eines dieser Tiere heraus, und bald rötete sich dessen Schale über dem offenen Holzkohlenfeuer. Eine Fischsuppe eröffnete das Mahl, schlüpfrige Tintenfische mischen sich, unter die Muscheln und Krabben. Fettaugen schwimmen auf der Brühe. Die Langusten schmecken ausgezeichnet. Eine Flasche spanischen Sekts würzt die Speisen. Alles ist unglaublich billig, die Zeche kostete nur ein paar Peseten.

Den ganzen Sommer über war der Besuch der Ausstellung befriedigend, doch schien der erwartete große Strom der Südamerikaner ausgeblieben zu sein. Mein technischer Vertreter, Jüan Braun, der das Orgelwerk im Palacio betreute, berichtete von dem starken Interesse, das man der großen Orgel entgegenbrachte. Tägliches Orgelspiel und wöchentliche Orgelkonzerte gaben Gelegenheit, das Instrument einer zahlreichen Zu­hörerschaft vorzuführen. Bei allen festlichen Gelegenheiten war der Organist berufen, an erster Stelle mitzuwirken. Die Ausstellung ging im Spätherbst ihrem Ende entgegen. Ein Stein fiel mir vom Herzen, als ich hörte, daß die Stadtverwaltung Barcelona den Entschluß gefaßt hatte, auf Grund des Vertrages die Orgel endgiltig zu übernehmen. Da die Orgel auch als Ausstellungsstück angemeldet war, erschienen eines Tages die Preisrichter, um ihr Urteil abzugeben. Mit dem Resultat konnte ich zufrieden sein. Die Firma E. F. Walcker & Cie. erhielt von der Jury „den großen Preis für hervorragende Leistungen" und „die goldene Medaille" zuerkannt.

Nun aber war die Frage, wie sollte der sichtbare Erfolg, den uns dieses Orgelwerk gebracht hatte, in Zukunft ausgewertet werden? Der hohe Zoll erschwerte die Einfuhr außerordentlich; deshalb lag der Gedanke nahe, die schweren Holzkonstruktionen in Spanien zu fertigen und nur die komplizierten Orgelteile dorthin zu schicken. Ich gründete mit Guarro die Firma: „Grandes Organos Walcker". Braun wurde tech­nischer Leiter in Barcelona. Guarro übernahm die kaufmännische Leitung, während in Ludwigsburg die Bücher geführt und die Pläne bearbeitet wurden. Ein etwas komplizierter Geschäftsgang, der aber gut funktioniert hat. Spieltische, kleinere Pfeifen, Trakturteile, ebenso das einem niederen Zollsatz unterliegende zugeschnittene und roh bearbeitete Holz für Pfeifen, Blasbälge, Windladen usw. kommen von Ludwigsburg, während in der Klavierfabrik von Guarro die einzelnen Teile zusammengefügt werden. Verschiedene Werke konnten wir so in Barcelona bauen. Eine große Orgel mit drei Manualen, 45 Registern, für die Kirche Oriol bestimmt, wurde noch 1935 geliefert. Die politische Lage und die unaufhörlichen Unruhen im Lande geben allerdings Anlaß zu Sorgen. Aber bei alldem heißt es auch in diesem Fall: nichts wagt, gewinnt auch nichts l" 

OW"Erinnerungen"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

this is the end...

my friend...

the end..?

 

Impressum : 

Besitzer : Orgelbau Gerhard Walcker-Mayer

G. Walcker-Mayer (gwm) gewalcker@t-online.de

Telefon 0049 6805 - 2974 oder 0049 170 9340 126

Telefax 0049 6805 91 3974    

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