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Umfangreiche Instandsetzung der alten Merscher Orgel von Guy Ehmann Vernachlässigung des Instruments Interview mit OBM Gerhard Walcker
Die
erste Merscher Orgel stammte aus dem Franziskanerkloster von Diekirch. Sie war
bereits in der alten Pfarrkirche montiert, von welcher noch der Turm auf dem
Michelsplatz erhalten ist. 1850/52
wurde die heutige Kirche in den Dienst genommen und somit die Orgel dorthin
transferiert. Es handelte sich um eine einmanualige Barockorgel von 16 Registern und Pedal. Ob diese nach einer größeren Restaurierung von 1897 durch die Gebrüder Müller aus Reifferscheid noch original erhalten war, weiß heute niemand mehr zu sagen. Disposition laut dem Orgelinventar von D. Schmit aus dem Jahr 1934:
Octavkoppel, Pedalkoppel, Pneumatische Traktur, Schleifladen, elektr. Motor, Stellung der Orgel: Mitte der Empore, Spieltisch eingebaut Heute
wäre dieses Instrument bereits denkmalschutzwürdig. Nach Kriegsende
wünschte sich die Merscher Kirchengemeinde eine größere Orgel und die
Verantwortlichen nahmen Kontakt auf mit dem Lintgener Orgelbauer Georg Haupt. Dieser
stets idealistisch gesinnte Orgelbauer verstarb leider schon 1952. Danach
wurde der Betrieb von seiner Witwe unter Mitarbeit von G. Haupt’s Neffen
Hermann Haupt, dann 1956 in einer neugegründeten Gesellschaft unter Charles
Haupt weitergeführt. Am 8. Juli 1956 wurde die neue Orgel durch Bischof-Koadjutor Leo Lommel, Dechant Dr. Paul Kayser eingeweiht und vom Kathedralorganist Maître Albert Leblanc eingespielt. Die neue, dreimanualige Orgel im damals modernen Freipfeifenlook mit dem klassischen Aufbau von Hauptwerk, Schwellwerk, Rückpositiv und Pedal bot den Organisten eine weitreichende Palette an klanglichen und spielerischen Möglichkeiten, die weit über die Bedürfnisse zur Begleitung der Liturgie hinausgingen. Technisch
gesehen handelte es sich um eine elektro-pneumatische
Tellerventil-Orgel, bei welcher mittels Elektrizität der Kontakt
zwischen den Tasten und den Pfeifenventilen geschlossen wird.
Die
also 1956 erbaute Orgel entsprach dem Zeitgeist der damals zu Ende gegangenen
Epoche der Spätromantik. Diese
Orgeln hatten alle ein grundtöniges Fundament, mäßig brillante Klangkronen
(Mixturen), relativ weich intonierte Prinzipale und mehrere Streicherstimmen,
um eine Angleichung an das Orchester zu erreichen. .....
Vernachlässigung des Instruments Nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden von Dechant Aloyse Lies kam es 1974 Mersch zu einer gewissen Vernachlässigung der Orgel. Aber auch die Richtlinien des II. vatikanischen Konzils, sowie neue Ideen unter dem Impuls von Dechant René Fisch sorgten für Veränderungen. Aus diesem Blickwinkel heraus saß nun der Organist räumlich zu weit von der Kirchengemeinde entfernt, um im Hinblick auf das gemeinschaftlichen Singen eine aktivere Rolle zu übernehmen. Auch war die steile Treppe hinauf zur Empore mitunter für die älteren Sänger recht beschwerlich. Somit musste später für Mersch eine zweckmäßigere Lösung gefunden werden. Ein daraufhin in Auftrag gegebenes und 1981 von Orgelbauer Georges Westenfelder konstruiertes Orgelpositiv wurde nun im Chor aufgestellt und konnte diese Aufgabe besser übernehmen. Zu
dem Zeitpunkt geriet die alte Orgel auf der Empore wohl oder übel ins
Hintertreffen, weil sie einerseits nicht mehr benötigt wurde, aber leider
auch weil bis etwa 1990 mehrere international anerkannte Fachleute der
Auffassung waren, nur ein Zurück zur mechanischen Barockorgel von Johann
Sebastian Bach sei das einzig Wahre. Diese
ziemlich radikale Ansicht brachte damals viele Nachkriegsorgeln in
Bedrängnis, deren Weiterbestand nun aufeinmal in Frage gestellt wurde. So
schrieb damals Kaplan und Orgelspieler Jos. Sauber im Faltblatt vom Dez. 1981
zur Einweihung der neuen Chororgel: „...
Auch die Emporenorgel bedurfte einer eingehenden Untersuchung. Dazu wurde
Professor Hubert Schoonbroodt (+5.2.1992, Anm. des Verf.) aus Lüttich,
international anerkannter Orgelfachmann und verantwortlicher Berater bei
Restaurierungen von wertvollen historischen Orgeln, beauftragt. In
seinem schriftlichen Bericht wies er darauf hin, dass sowohl vom
Pfeifenmaterial (meistens Zink) her, wie auch vom Aufbau der Orgel
(elektro-pneumatische Kegelladen) her, eine kostspielige Umänderung
unverantwortbar wäre, da der eigentliche Charakter des Instrumentes (grob,
musikalisch reizlos) unverändert bliebe. Die einzig vernünftige Lösungt
sei, die Emporenorgel so zu belassen ohne größere Ausgaben darauf zu
verwenden. Dieser fachliche Rat wurde insofern befolgt, dass die Emporenorgel nach dem Krippenbrand wieder spielbar gemacht wurde ohne größere Summen Geldes darin zu investieren. Auf Wunsch des Architekten und der Kirchenbaukommission wurde einzig das Rückpositiv von der Emporenbrüstung auf den Emporenboden zurückverlegt...“ Die
Merscher Orgel von 1956, also ein nachträgliches Opfer der sogenannten
Orgelreformer der 30er Jahre? Um das zu verstehen braucht man etwas Kenntnis
in der internationalen Orgelhistorie des 20. Jahrhunderts. Eigentlich sollte ca. 1980 das ganze Instrument verschrottet werden, doch nur die relativ komplizierte Abtransport der schweren Bauteile konnte dies verhindern. Die Geringschätzung hätte nicht größer sein können. Wohl
nicht ganz umsonst hat der französische Orgelprofi Jean Guillou in einem
seiner Bücher:“... die Jahre zwischen 1930 und 1970 haben unter den Orgeln
ein größeres Massaker angerichtet, als dies die französische Revolution und
alle Kriege zusammen getan haben.“ Mit der also erhaltenen alten Orgel verfügen wir heute Gott sei Dank über ein interessantes Instrument, welches in sich ein Unikat darstellt, da es für seinen angestammten Platz gebaut wurde und solche Emporen als klanggünstige Halbkuppeln ebenso selten zu finden sind. Korrektur
- Revalorisierung 1996 Unter
den eben Gesichtspunkten wurde Mitte 1996 über eine Reaktivierung und
fachliche Instandsetzung beraten. Die
1980 getätigte Umänderung war ein ästhetischer und technischer Stilbruch in
der Konzeption der alten Orgel (Verletzung
des Werkprinzips von Hauptwerk, Schwellwerk und Rückpositiv als homogene
Einheit) und wurde 2001 im Zuge der Auffrischung des Instrumentes nun
definitiv rückgängig gemacht.
Die
Orgel nach der provisorischen Korrektur von 1996 Die
moralische Unterstützung älterer Merscher Kirchgänger war vorhanden, die
sowieso nie verstanden hatten, warum dieses große Instrument von heute auf
morgen einfach so wertlos geworden sein sollte... Auch wurde als Endziel angeregt, regelmäßig Konzerte auf beiden Orgeln zu veranstalten. Erstaunlicherweise
präsentierte sich die Orgel Mitte 1996, nachdem sie 15 Jahre lang nicht mehr
eingeschaltet worden war, in einem ermutigenden Zustand. Dass diese arg
verstaubt war, wunderte niemanden, da Orgelbaumeister Herbert Schmidt in den
Jahren 1969-1980 die Orgel nur mit minimalen Mitteln pflegen konnte. Aber
immerhin sorgte die stets konstante Raumtemperatur von 16 bis 23 Grad Celsius
für eine gute Konservierung des Instruments. Da
1996 seitens der Pfarrgemeinde die Finanzierung des neuen Vereinshauses noch
nicht ganz abgewickelt war, konnte die fällige Generalrevision nur
ansatzweise beginnen. In
Absprache mit Orgelbaumeister Georges Westenfelder aus Lintgen wurden die
gröbsten Mängel am Instrument beseitigt, die Windkanäle abgedichtet und die
weitere Spielbarkeit wieder hergestellt. Unter gleichzeitiger Mitwirkung von Orgelbaumeister Thomas Erz aus Wasserliesch konnten gewisse Verbesserungen am Klangbild der Orgel (z.B. Verstärkung der Mixtur im Hauptwerk) erreicht werden. Das
1980 versetzte Positiv wurde mit provisorischen Mitteln wieder an die
ursprüngliche Stelle zurückgeführt. Insofern wurden im Herbst 1996 ca.
560.000,-LUF investiert, wovon 245.000,- aus Spenden beim Ableben von Herrn
Norbert Ehmann aus Mersch (+29.10.1996) gesammelt werden konnten und so den
eigentlichen Arbeitsbeginn ermöglichten. Am
22. März 1997 wurde die teilinstandgesetzte Orgel den Verantwortlichen
vorgeführt, doch es sollte durch widrige Umstände noch bis Anfang 2001
dauern, bis die definitive Instandsetzung ins Auge gefasst werden konnte. Dank
der Bereitstellung eines Subsides von einer Mio. LUF für Mitte 2001 durch den
Merscher Gemeinderat konnte das Projekt nun ganz fertiggestellt werden. Als
Projektinitiator richte ich meinen besonderen Dank an Bürgermeister Marcel
Erpelding, der mit seinem persönlichen Einsatz für die geistlichen und
kulturellen Obliegenheiten Merschs zum Gelingen der Renovierung des
Instruments beitrug, aber auch an Schöffe Cl. Adam, der auf die Wichtigkeit
der alten Merscher Orgel als „patrimoine culturel“ hinwies. Nachdem
der Zuschuss der Gemeinde garantiert war, und die Verantwortlichen das
Orgelprojekt unbedingt vor Weihnachten durchbringen wollten, versuchte man,
einen geeigneten Orgelbauer zu finden. Zu
dem Zeitpunkt lag bereits ein vage formulierter Kostenanschlag vor. Im Vorfeld
war jedoch gewusst, dass mehrere bekannte Orgelbauer wegen
Arbeitsüberlastung die kurzfristige Ausführung dieses Projekt nicht
garantieren konnten. Eine
Durchstöberung der Orgelseiten im Internet führte zu einer Kontaktaufnahme
mit Orgelbaumeister Gerhard Walcker aus Bliesransbach bei Saarbrücken. Er
garantierte das gesteckte Zeitlimit und legte gleichzeitig ein sehr
kostengünstige Angebot vor. Dadurch
konnte konnte dem Wunsch von Organist Luss Steffen entsprochen und die Orgel
um zwei klangschöne Register erweitert werden. Am
Rande bemerkt: Dieses Jahr feiert Organist Lucien Steffen 20 Jahre rastlose
Organistentätigkeit in Mersch. Diese
Register eignen sich vorzüglich als symbolische und dauerhafte Anerkennung
für sein kreatives und geistliches Schaffen in der Pfarrgemeinde Mersch. Leider
wurden die Arbeiten am 12. Mai durch einen Brand auf der Empore getrübt und
das ausgebrannte Loch in der Brüstung sah aus wie eine Friedenstaube. Die
Wege des Herrn sind schlicht unergründlich. Doch konnte auch hier mit den flexibel reagierenden Gemeindeautoritäten und technischen Mitarbeitern der Schaden und Zeitausfall minimisiert werden.
Die
getätigten Arbeiten zielten alle auf den Erhalt der vorliegenden
teilhistorischen Substanz ab bei gleichzeitig größtmöglicher technischer
Funktionalität und bestem Klangeindruck. Die
ganze Orgel wurde in ihre Einzelteile zerlegt, gereinigt und kontrolliert. Die
Elektrik des Spieltischs wurde überprüft und um die zusätzlichen Schalter
erweitert. Ein neuer Gleichrichter entspricht nun den elektrtischen
Sicherheitsnormen. Alle
Pfeifen wurden einzeln gereinigt. Bei den Prospektpfeifen aus Zink
(Orgelfassade) wurde erstmals in Luxemburg ein neues Verfahren angewandt Statt
diese mit Silberbronze anzustreichen, wurden sie mit Chromspray besprüht.
Vorher mussten diese Pfeifen abgebeizt, gebürstet und entfettet werden. Nun
sehen sie echten Zinn/Blei Pfeifen täuschend ähnlich. Alle
1700 pneumatischen Membranen unter den Pfeifen wurden durch neue
Lederbälgchen ausgetauscht. Diese etwa 2x6cm kleinen Windtaschen werden durch Tastendruck in Sekundenbruchteilen aufgeblasen und heben die benötigten Ventile, damit die gewünschten Pfeifen ertönen.
Die
ganze Windanlage wurde nachgesehen und die Winddruckregulatoren im Hauptwerk
mit Schutzdeckeln versehen. Der Winddruck beträgt 82 - 95 mmWS Die
Orgelbank wurde durch eine neue, verstellbare ausgetauscht, sehr wichtig z.B.
für Gastorganisten. Gleichzeitig wurde die Beleuchtung des Spieltischs
angepasst. Um
das aufmontierte Rückpositiv wurde ein dreiseitig geschlossenes Gehäuse
gebaut, damit die Schallabstrahlung nach vorne zentriert wird. Nun
entspricht dieses Teilwerk der Orgel genau den baulichen Erfordernissen und
steht wieder in der originalen Abstrahlhöhe. Alle
anrosteten Schrauben wurden durch chromierte gleichen Typs ersetzt und von der
Firma Thiefels besorgt. Die Nägel, in welchen die Prospektpfeifen hängen,
wurden mit Plastikfolie überzogen, um die Vibrationen der Eigenresonanz
abzuschwächen. Die
majestätischen Fanfaren (Trompete, Posaune, Clairon, aber auch Oboe und
Krummhorn) wurden einzeln geprüft und die schwingenden Messingzungen mit
feinem Glaspapier nachgearbeitet.
Die
Orgel wurde um 2 neue Register erweitert. In
das Hauptwerk, das relativ grundtönig ist, kam eine "flûte harmonique".
Diese in der zweiten und dritten Oktave überblasende Flöte wurde in Polen
aus Kiefernholz angefertigt und ermöglicht solistische Effekte. Die
Flöte wurde in 68 Pfeifen angefertigt und kann sowohl in der 8' als auch in
der 4' Lage gespielt und sogar ins Pedal transmittiert werden! Elektrische
Steuerungen lassen solche Lösungen problemlos zu. In
das Schwellwerk kam eine 2-3fach repetierende Oktavzimbel, um dem Plenumklang
die silberne Klangspitze zu geben; nicht schreiend, aber diskret hörbar. Im
dreimanualigen Spieltisch (der
übrigens von dem Merscher Bürger Leo Blasen zusammengebaut wurde)
sind alle Kontakte nachgesehen worden. Der
Einbau einer Midi-Steuerung ist für später vorgesehen. Diese Technik erlaubt
dem Organisten, sein Spiel abzuspeichern und es unten in der Kirche, wo der
Klangeindruck ganz anders ist, sich selbst anzuhören. Die
beim Brandschaden arg beschädigten Prospektpfeifen des Rückpositivs sowie
die Oktavzimbel wurden bei einem Orgelbauer vom Bodensee bestellt. Das
Schwellwerk wurde komplett überarbeitet, damit es klanglich besser abstrahlen
kann. Dazu wurde der Teil der tiefen Pfeifen einen Meter angehoben und die
Rückwände durch glatte Holzplatten ausstaffiert sowie alle Unebenheiten
abgedichtet. Mehrere
Konstruktionsmängel von 1956 konnten kostengünstig bereinigt werden (falsche
Anordnung bestimmter Pfeifenreihen). Zusätzlich
kamen Öffnungen in das Gehäuse des Haupt- und Pedalwerks, damit der Klang an
der richtigen Stelle unbehindert ausströmen kann. Alle
Pfeifen wurden nachintoniert, soweit es nötig war, aber man war bestrebt, das
originale Klangbild zu erhalten. Durch die Einzelreinigung aller Pfeifen
klingt die Orgel nun frischer und lebendiger. Die
Schreinerarbeiten wurden durch Schreinermeister Georges Wagner aus Mersch
ausgeführt, der neue Gleichrichter durch den Elektrobetrieb Schaal aus Mersch
montiert, die Anstricharbeiten wurden von der Firma Bauer aus Mersch erledigt. Das
wichtigste der Orgel ist die Intonation der Pfeifen, d.h. die Feinabstimmung,
damit ein Maximum an gutem Orgelklang erzielt wird. Die Akustik in der ganz
aus Stein erbauten Dekanatskirche (ca. 5 Sekunden Nachhall) ist beachtlich und
besorgt ein plastisches Klangbild. Der
ursprüngliche Kostenpunkt belief sich auf 1.824.140,- LUF, TVA inbegriffen
und beinhaltete noch die Nachstimmung vor Weihnachten 2001, Hauptwartung 2002
nach Ostern und Teilwartung 2003. Hinzu
kommen noch die nicht im Voraus genau schätzbaren Kosten der
Rückpositiv-Ummantelung, der Wandverkleidung und Abdichtung des
Schwellwerks sowie der Midi Steuerung. Das
Einweihungskonzert ist für den 2. Adventsonntag, dem 9. Dezember 2001
vorgesehen. Die
drei Organisten Lucien Steffen aus Mersch, Joël Santer aus Moesdorf und
Jean-Marie Bock aus Bissen werden das Konzert gestalten. Danach werden
Führungen an der Orgel organisiert.
Interview mit Herrn Orgelbaumeister Gerhard Walcker
In
den nachfolgenden Zeilen gibt der Orgelbauer selbst Auskunft über die alte
Orgel von Mersch. 1)
Herr Walcker, geben Sie uns kurz Ihre "Orgeldaten". Ich
bin 51 Jahre alt, 25 Jahre verheiratet und habe 2 Söhne. Seit 1967 bin ich im
Orgelbau tätig. Meine Lehre habe ich im hauseigenen Betrieb der alten Firma
Walcker, damals noch in Ludwigsburg abgeschlossen. 2)
Können Sie den Typus der alten Orgel von Mersch hier kurz beschreiben? Johann
Sebastian Bach hat durch sein kompositorisches Werk die Orgel zu einem
vorläufigen Höhepunkt geführt. Mit seinem Tod im Jahre 1750 kann man
ungefähr den Zeitpunkt der im Zenit stehenden, technisch und klanglich
abgeschlossenen Barockorgel klassifizieren. Mit
den romantischen Komponisten im 19.Jahrhundert wird die Orgel neu belebt,
feine Schattierungen und Nuancen, wie sie die Barockorgeln nicht kannte werden
nun gewünscht. Farben, Hell und Dunkel, zarte Stimmen
und schließlich die Nachahmung des romantischen Orchesters werden nun
von der Orgel verlangt. Dieser
romantischen Orgeltypus verbunden mit wieder aufgelebten Barockorgelideal ist
ein Kompromiss zwischen beiden Orgeltypen, und diesen Orgeltyp treffen wir
hier in Mersch ungefähr an. In Deutschland war zu der Nachkriegszeit die
romantische Orgel verpönt, und insofern ist diese Orgel etwas Neues und
Interessantes und in jedem Fall ein Instrument wie man es heute in Deutschland
wieder bauen würde. 3)
Sind noch alte Pfeifen der vorherigen Orgel in dem Instrument vorhanden? Es
sind Holzpfeifen die sehr wahrscheinlich aus der alten Orgel stammen. Die
meisten Pfeifen jedoch wurden bei einem deutschen oder niederländischen
Hersteller bezogen. 4)
Wie beurteilen Sie die technische Konstruktion dieser Orgel? Diese
Orgel ist wie viele Orgeln der Nachkriegszeit unter relativ schwierigen
Bedingungen der Beschaffung des notwendigen Materials gebaut worden. Auch
der begrenzte Maschinenpark des Herstellers, sowie einfache, fast plumpe
Konstruktionen verblüffen manchmal. Insgesamt gesehen jedoch ist diese Orgel
ein geschlossenes, zusammenhängendes Instrument, das für mich sehr viele
klangliche Reize aufweist. Man könnte vereinfacht sagen, das Instrument ist
geschaffen und geprägt in einer kargen Zeit, aber es ist in sich schlüssig
und tatsächlich ein komplexes Denkmal seiner Zeit und Landschaft. 5)
In diesem Artikel habe ich auf Seite 2 auf die Geringschätzung des
Instruments Anfang der 80er Jahre hingewiesen. Wie sehen Sie das? Gab es
ähnliche Tendenzen in Deutschland? Wir
haben im Orgelbau eine Lebendigkeit, die es z.B. im Klavierbau oder im
Violinenbau nicht gibt. Bei
uns herrschen Moden und Tendenzen und andere Zeiteinflüsse. Die Geschmäcker,
wie man Orgeln bauen und umbauen oder restaurieren soll, ändern sich laufend. Tatsächlich
hält diese Bewegung den Orgelbaubetrieb und den Orgelmusikbetrieb ja auf Trab
und hat der Qualität im Orgelbau eigentlich genützt. Allerdings stellt sich
die Frage, ob man jeder Mode Tribut zollen soll. Denn
dies hätte zur Folge gehabt, dass man dieses Instrument längst entsorgt
hätte, und dann wäre vielleicht in Mersch ein neues, langweiliges oder
mixturenschreiendes Örgelchen auf der Empore, das keiner mehr mag. Wichtig
ist für mich als Orgelbauer nur, dass man den Orgelbetrieb nicht der
Geschwindigkeit des Konsumbetriebes anpasst, und man Orgeln wie Autos
produziert, die man nach soundsoviel Sonntagen auf die Müllhalde bringt.
Sondern die Kirche hat früher den langen Atem gehabt, 300 oder 400 Jahre an
einem Gotteshaus zu bauen (am Kölner Dom sogar 750 Jahre) und dadurch hat sie
ihren über Generationen anhaltenden Willen, Gott zu dienen erwiesen, und
dieses lange Anhalten sollte wieder in der Kirche anzutreffen sein. Momentan
haben wir natürlich in Europa dieselbe Schnelllebigkeit wie in den USA - aber
davon müssen wir wieder weg. 6)
Hat diese Orgelinstandsetzung Ihnen Freude gemacht und Ihr internationales
Wissen erweitert? Diese
Orgel hat mich begeistert. Es war aber auch sehr schwierig mit ihr klar zu
kommen. Jedes
Instrument bereichert, wenn man eine gewisse Zeit zur Verfügung hat, daran zu
arbeiten. Das ist eigentlich das wirklich Schöne an diesem Beruf, dass man
mit diesen Instrumenten, indem man sie enträtselt an Freiheit gewinnt und
etwas Neues erfährt. Man
liest in der Orgel die Handschriften der vorangegangenen Orgelbauer, ihren
Charakter, und man liest, ob sie Freude hatten oder lustlos waren und vieles
andere mehr. Und wenn das Instrument dann erklingt, so wie man es sich
wünscht, dann hat man einen Festtag und morgen geht es dann weiter in
Spanien oder Polen oder vielleicht in Frankfurt oder Kufstein. Herr
Walcker, vielen Dank für diese Hinweise. Anfang
November werden die letzten Feinschliffe an der Orgel getätigt werden.
Guy Ehmann |
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