Wien   

 

Umfangreiche Instandsetzung der alten Merscher Orgel von Guy Ehmann


Historie

Vorteile der neuen Orgel

Vernachlässigung des Instruments

Korrektur 1996

Technischer Befund

Generalrevision 2001

Interview mit OBM Gerhard Walcker

 

Historie

Die erste Merscher Orgel stammte aus dem Franziskanerkloster von Diekirch. Sie war bereits in der alten Pfarrkirche montiert, von welcher noch der Turm auf dem Michelsplatz erhalten ist.

1850/52 wurde die heutige Kirche in den Dienst genommen und somit die Orgel dorthin transferiert.

Es handelte sich um eine einmanualige Barockorgel von 16 Registern und Pedal. Ob diese nach einer größeren Restaurierung von 1897 durch die Gebrüder Müller aus Reifferscheid noch original erhalten war, weiß heute niemand mehr zu sagen.

Disposition laut dem Orgelinventar von D. Schmit aus dem Jahr 1934:

Manual, 54 Tasten:

Bourdon 8’  Principal 8’  Gedackt 8’  Gamba 8’  Harmonieflöte 8’  Salicional 8’ Trompete 8’  Gedackt 4’  Octave 4’  Quinte 2 2/3’  Cornett 3f  Mixtur 3f

Pedal:

Subbass 16’  Violonbass 16’  Posaune 16’  Octavbass 8’

 

Octavkoppel, Pedalkoppel, Pneumatische Traktur, Schleifladen, elektr. Motor, Stellung der Orgel: Mitte der Empore, Spieltisch eingebaut

Heute wäre dieses Instrument bereits denkmal­schutzwürdig. Nach Kriegsende wünschte sich die Merscher Kirchengemeinde eine größere Orgel und die Verantwortlichen nahmen Kontakt auf mit dem Lintgener Orgelbauer Georg Haupt.

Dieser stets idealistisch gesinnte Orgelbauer verstarb leider schon 1952. Danach wurde der Betrieb von seiner Witwe unter Mitarbeit von G. Haupt’s Neffen Hermann Haupt, dann 1956 in einer neugegründeten Gesellschaft unter Charles Haupt weitergeführt.

Am 8. Juli 1956 wurde die neue Orgel durch Bischof-Koadjutor Leo Lommel, Dechant Dr. Paul Kayser eingeweiht und vom Kathedralorganist Maître Albert Leblanc eingespielt.

Vorteile der neuen Orgel

Die neue, dreimanualige Orgel im damals modernen Freipfeifenlook mit dem klassischen Aufbau von Hauptwerk, Schwellwerk, Rückpositiv und Pedal bot den Organisten eine weitreichende Palette an klanglichen und spielerischen Möglichkeiten, die weit über die Bedürfnisse zur Begleitung der Liturgie hinausgingen.

Technisch gesehen handelte es sich um eine elektro-pneumatische Tellerventil-Orgel, bei welcher mittels Elektrizität der Kontakt zwischen den Tasten und den Pfeifenventilen geschlossen wird.

 

Lucien Steffen, Organist in Mersch seit 1981

Die also 1956 erbaute Orgel entsprach dem Zeitgeist der damals zu Ende gegangenen Epoche der Spätromantik.

Diese Orgeln hatten alle ein grundtöniges Fundament, mäßig brillante Klangkronen (Mixturen), relativ weich intonierte Prinzipale und mehrere Streicherstimmen, um eine Angleichung an das Orchester zu erreichen.

.....

Alfred Koch, Organist in Mersch von 1956 bis 1980

Vernachlässigung des Instruments

Nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden von Dechant Aloyse Lies kam es 1974 Mersch zu einer gewissen Vernachlässigung der Orgel. Aber auch die Richtlinien des II. vatikanischen Konzils, sowie neue Ideen unter dem Impuls von Dechant René Fisch sorgten für Veränderungen.

Aus diesem Blickwinkel heraus saß nun der Organist räumlich zu weit von der Kirchengemeinde entfernt, um im Hinblick auf das gemeinschaftlichen Singen eine aktivere Rolle zu übernehmen. Auch war die steile Treppe hinauf zur Empore mitunter für die älteren Sänger recht beschwerlich.

Somit musste später für Mersch eine zweckmäßigere Lösung gefunden werden.

Ein daraufhin in Auftrag gegebenes und 1981 von Orgelbauer Georges Westenfelder konstruiertes Orgel­positiv wurde nun im Chor aufgestellt und konnte diese Aufgabe besser übernehmen.

Zu dem Zeitpunkt geriet die alte Orgel auf der Empore wohl oder übel ins Hintertreffen, weil sie einerseits nicht mehr benötigt wurde, aber leider auch weil bis etwa 1990 mehrere international anerkannte Fachleute der Auffassung waren, nur ein Zurück zur mecha­nischen Barockorgel von Johann Sebastian Bach sei das einzig Wahre.

Diese ziemlich radikale Ansicht brachte damals viele Nachkriegsorgeln in Bedrängnis, deren Weiterbestand nun aufeinmal in Frage gestellt wurde.

So schrieb damals Kaplan und Orgelspieler Jos. Sauber im Faltblatt vom Dez. 1981 zur Einweihung der neuen Chororgel: „... Auch die Emporenorgel bedurfte einer eingehenden Untersuchung. Dazu wurde Professor Hubert Schoonbroodt (+5.2.1992, Anm. des Verf.) aus Lüttich, international anerkannter Orgelfachmann und verantwortlicher Berater bei Restaurierungen von wertvollen historischen Orgeln, beauftragt.

In seinem schriftlichen Bericht wies er darauf hin, dass sowohl vom Pfeifenmaterial (meistens Zink) her, wie auch vom Aufbau der Orgel (elektro-pneumatische Kegelladen) her, eine kostspielige Umänderung unverantwortbar wäre, da der eigentliche Charakter des Instrumentes (grob, musikalisch reizlos) unverändert bliebe. Die einzig vernünftige Lösungt sei, die Emporenorgel so zu belassen ohne größere Ausgaben darauf zu verwenden.

Dieser fachliche Rat wurde insofern befolgt, dass die Emporenorgel nach dem Krippenbrand wieder spielbar gemacht wurde ohne größere Summen Geldes darin zu investieren. Auf Wunsch des Architekten und der Kirchenbaukommission wurde einzig das Rückpositiv von der Emporenbrüstung auf den Emporenboden zurück­verlegt...“

Die Merscher Orgel von 1956, also ein nachträgliches Opfer der sogenannten Orgelreformer der 30er Jahre? Um das zu verstehen braucht man etwas Kenntnis in der internationalen Orgelhistorie des 20. Jahrhunderts.

Eigentlich sollte ca. 1980 das ganze Instrument verschrottet werden, doch nur die relativ komplizierte Abtransport der schweren Bauteile konnte dies verhindern. Die Geringschätzung hätte nicht größer sein können.

Wohl nicht ganz umsonst hat der französische Orgelprofi Jean Guillou in einem seiner Bücher:“... die Jahre zwischen 1930 und 1970 haben unter den Orgeln ein größeres Massaker angerichtet, als dies die französische Revolution und alle Kriege zusammen getan haben.“

Mit der also erhaltenen alten Orgel verfügen wir heute Gott sei Dank über ein interessantes Instrument, welches in sich ein Unikat darstellt, da es für seinen angestammten Platz gebaut wurde und solche Emporen als klanggünstige Halbkuppeln ebenso selten zu finden sind.

Korrektur - Revalorisierung 1996

Unter den eben Gesichtspunkten wurde Mitte 1996 über eine Reaktivierung und fachliche Instandsetzung beraten.

Die 1980 getätigte Umänderung war ein ästhetischer und technischer Stilbruch in der Konzeption der alten Orgel (Verletzung des Werkprinzips von Hauptwerk, Schwellwerk und Rückpositiv als homogene Einheit) und wurde 2001 im Zuge der Auffrischung des Instrumentes nun definitiv rückgängig gemacht.

Die Orgel nach der provisorischen Korrektur von 1996

Die moralische Unterstützung älterer Merscher Kirchgänger war vorhanden, die sowieso nie verstanden hatten, warum dieses große Instrument von heute auf morgen einfach so wertlos geworden sein sollte...

Auch wurde als Endziel angeregt, regelmäßig Konzerte auf beiden Orgeln zu veranstalten.

Technischer Befund

Erstaunlicherweise präsentierte sich die Orgel Mitte 1996, nachdem sie 15 Jahre lang nicht mehr eingeschaltet worden war, in einem ermutigenden Zustand. Dass diese arg verstaubt war, wunderte niemanden, da Orgelbaumeister Herbert Schmidt in den Jahren 1969-1980 die Orgel nur mit minimalen Mitteln pflegen konnte. Aber immerhin sorgte die stets konstante Raumtemperatur von 16 bis 23 Grad Celsius für eine gute Konservierung des Instruments.

Da 1996 seitens der Pfarrgemeinde die Finanzierung des neuen Vereinshauses noch nicht ganz abgewickelt war, konnte die fällige Generalrevision nur ansatz­weise beginnen.

In Absprache mit Orgelbaumeister Georges Westenfelder aus Lintgen wurden die gröbsten Mängel am Instrument beseitigt, die Windkanäle abgedichtet und die weitere Spielbarkeit wieder hergestellt.

Unter gleichzeitiger Mitwirkung von Orgelbaumeister Thomas Erz aus Wasserliesch konnten gewisse Verbesserungen am Klangbild der Orgel (z.B. Verstärkung der Mixtur im Hauptwerk) erreicht werden.

Das 1980 versetzte Positiv wurde mit provisorischen Mitteln wieder an die ursprüngliche Stelle zurück­geführt. Insofern wurden im Herbst 1996 ca. 560.000,-LUF investiert, wovon 245.000,- aus Spenden beim Ableben von Herrn Norbert Ehmann aus Mersch (+29.10.1996) gesammelt werden konnten und so den eigentlichen Arbeitsbeginn ermöglichten.

Am 22. März 1997 wurde die teilinstandgesetzte Orgel den Verantwortlichen vorgeführt, doch es sollte durch widrige Umstände noch bis Anfang 2001 dauern, bis die definitive Instandsetzung ins Auge gefasst werden konnte.

Dank der Bereitstellung eines Subsides von einer Mio. LUF für Mitte 2001 durch den Merscher Gemeinderat konnte das Projekt nun ganz fertiggestellt werden.

Als Projektinitiator richte ich meinen besonderen Dank an Bürgermeister Marcel Erpelding, der mit seinem persönlichen Einsatz für die geistlichen und kulturellen Obliegenheiten Merschs zum Gelingen der Renovierung des Instruments beitrug, aber auch an Schöffe Cl. Adam, der auf die Wichtigkeit der alten Merscher Orgel als „patrimoine culturel“ hinwies.

Nachdem der Zuschuss der Gemeinde garantiert war, und die Verantwortlichen das Orgelprojekt unbedingt vor Weihnachten durchbringen wollten, versuchte man, einen geeigneten Orgelbauer zu finden.

Zu dem Zeitpunkt lag bereits ein vage formulierter Kostenanschlag vor. Im Vorfeld war jedoch gewusst, dass mehrere bekannte Orgelbauer wegen Arbeits­überlastung die kurzfristige Ausführung dieses Projekt nicht garantieren konnten.

Eine Durchstöberung der Orgelseiten im Internet führte zu einer Kontaktaufnahme mit Orgelbaumeister Gerhard Walcker aus Bliesransbach bei Saarbrücken.

Er garantierte das gesteckte Zeitlimit und legte gleichzeitig ein sehr kostengünstige Angebot vor.

Dadurch konnte konnte dem Wunsch von Organist Luss Steffen entsprochen und die Orgel um zwei klangschöne Register erweitert werden.

Am Rande bemerkt: Dieses Jahr feiert Organist Lucien Steffen 20 Jahre rastlose Organistentätigkeit in Mersch.

Diese Register eignen sich vorzüglich als symbolische und dauerhafte Anerkennung für sein kreatives und geistliches Schaffen in der Pfarrgemeinde Mersch.

Leider wurden die Arbeiten am 12. Mai durch einen Brand auf der Empore getrübt und das ausgebrannte Loch in der Brüstung sah aus wie eine Friedenstaube. Die Wege des Herrn sind schlicht unergründlich.

Doch konnte auch hier mit den flexibel reagierenden Gemeindeautoritäten und technischen Mitarbeitern der Schaden und Zeitausfall minimisiert werden.

Alle bronzierten Prospektpfeifen mussten komplett abgerieben werden

Generalrevision 2001

Die getätigten Arbeiten zielten alle auf den Erhalt der vorliegenden teilhistorischen Substanz ab bei gleichzeitig größtmöglicher technischer Funktionalität und bestem Klangeindruck.

Die ganze Orgel wurde in ihre Einzelteile zerlegt, gereinigt und kontrolliert. Die Elektrik des Spieltischs wurde überprüft und um die zusätzlichen Schalter erweitert. Ein neuer Gleichrichter entspricht nun den elektrtischen Sicherheitsnormen.

Alle Pfeifen wurden einzeln gereinigt. Bei den Prospektpfeifen aus Zink (Orgelfassade) wurde erstmals in Luxemburg ein neues Verfahren angewandt Statt diese mit Silberbronze anzustreichen, wurden sie mit Chromspray besprüht. Vorher mussten diese Pfeifen abgebeizt, gebürstet und entfettet werden. Nun sehen sie echten Zinn/Blei Pfeifen täuschend ähnlich.

Alle 1700 pneumatischen Membranen unter den Pfeifen wurden durch neue Lederbälgchen ausgetauscht.

Diese etwa 2x6cm kleinen Windtaschen werden durch Tastendruck in Sekundenbruchteilen aufgeblasen und heben die benötigten Ventile, damit die gewünschten Pfeifen ertönen.

Orgelbaumeister Gerhard Walcker (links) und

Orgelbaumeister Herbert Schmidt (rechts) der die Orgel von 1969 bis 1980 gewartet hat

 

Die ganze Windanlage wurde nachgesehen und die Winddruckregulatoren im Hauptwerk mit Schutz­deckeln versehen. Der Winddruck beträgt 82 - 95 mmWS in allen Werken.

Die Orgelbank wurde durch eine neue, verstellbare ausgetauscht, sehr wichtig z.B. für Gastorganisten. Gleichzeitig wurde die Beleuchtung des Spieltischs angepasst.

Um das aufmontierte Rückpositiv wurde ein dreiseitig geschlossenes Gehäuse gebaut, damit die Schall­abstrahlung nach vorne zentriert wird. Nun entspricht dieses Teilwerk der Orgel genau den baulichen Erfordernissen und steht wieder in der originalen Abstrahlhöhe.

Alle anrosteten Schrauben wurden durch chromierte gleichen Typs ersetzt und von der Firma Thiefels besorgt. Die Nägel, in welchen die Prospektpfeifen hängen, wurden mit Plastikfolie überzogen, um die Vibrationen der Eigenresonanz abzuschwächen.

Die majestätischen Fanfaren (Trompete, Posaune, Clairon, aber auch Oboe und Krummhorn) wurden einzeln geprüft und die schwingenden Messingzungen mit feinem Glaspapier nachgearbeitet.

   

Die Orgel wurde um 2 neue Register erweitert.

In das Hauptwerk, das relativ grundtönig ist, kam eine "flûte harmonique". Diese in der zweiten und dritten Oktave überblasende Flöte wurde in Polen aus Kiefernholz angefertigt und ermöglicht solistische Effekte.

Die Flöte wurde in 68 Pfeifen angefertigt und kann sowohl in der 8' als auch in der 4' Lage gespielt und sogar ins Pedal transmittiert werden! Elektrische Steuerungen lassen solche Lösungen problemlos zu.

In das Schwellwerk kam eine 2-3fach repetierende Oktavzimbel, um dem Plenumklang die silberne Klangspitze zu geben; nicht schreiend, aber diskret hörbar.

Im dreimanualigen Spieltisch (der übrigens von dem Merscher Bürger Leo Blasen zusammengebaut wurde) sind alle Kontakte nachgesehen worden.

Der Einbau einer Midi-Steuerung ist für später vorgesehen. Diese Technik erlaubt dem Organisten, sein Spiel abzuspeichern und es unten in der Kirche, wo der Klangeindruck ganz anders ist, sich selbst anzuhören.

Die beim Brandschaden arg beschädigten Prospekt­pfeifen des Rückpositivs sowie die Oktavzimbel wurden bei einem Orgelbauer vom Bodensee bestellt.

Das Schwellwerk wurde komplett überarbeitet, damit es klanglich besser abstrahlen kann. Dazu wurde der Teil der tiefen Pfeifen einen Meter angehoben und die Rückwände durch glatte Holzplatten ausstaffiert sowie alle Unebenheiten abgedichtet.

Mehrere Konstruktionsmängel von 1956 konnten kostengünstig bereinigt werden (falsche Anordnung bestimmter Pfeifenreihen).

Zusätzlich kamen Öffnungen in das Gehäuse des Haupt- und Pedalwerks, damit der Klang an der richtigen Stelle unbehindert ausströmen kann.

Alle Pfeifen wurden nachintoniert, soweit es nötig war, aber man war bestrebt, das originale Klangbild zu erhalten. Durch die Einzelreinigung aller Pfeifen klingt die Orgel nun frischer und lebendiger.

Die Schreinerarbeiten wurden durch Schreinermeister Georges Wagner aus Mersch ausgeführt, der neue Gleichrichter durch den Elektrobetrieb Schaal aus Mersch montiert, die Anstricharbeiten wurden von der Firma Bauer aus Mersch erledigt.

Das wichtigste der Orgel ist die Intonation der Pfeifen, d.h. die Feinabstimmung, damit ein Maximum an gutem Orgelklang erzielt wird. Die Akustik in der ganz aus Stein erbauten Dekanatskirche (ca. 5 Sekunden Nachhall) ist beachtlich und besorgt ein plastisches Klangbild.

Der ursprüngliche Kostenpunkt belief sich auf 1.824.140,- LUF, TVA inbegriffen und beinhaltete noch die Nachstimmung vor Weihnachten 2001, Hauptwartung 2002 nach Ostern und Teilwartung 2003.

Hinzu kommen noch die nicht im Voraus genau schätzbaren Kosten der Rückpositiv-Ummantelung, der Wandverkleidung und Abdichtung des Schwell­werks sowie der Midi Steuerung.

Das Einweihungskonzert ist für den 2. Adventsonntag, dem 9. Dezember 2001 vorgesehen.

Die drei Organisten Lucien Steffen aus Mersch, Joël Santer aus Moesdorf und Jean-Marie Bock aus Bissen werden das Konzert gestalten. Danach werden Führungen an der Orgel organisiert.

Arbeiten auf der Orgelempore, hier Ansicht des Pedalwerkes

 

Interview mit Herrn Orgelbaumeister Gerhard Walcker

 

In den nachfolgenden Zeilen gibt der Orgelbauer selbst Auskunft über die alte Orgel von Mersch.

1) Herr Walcker, geben Sie uns kurz Ihre "Orgeldaten".

Ich bin 51 Jahre alt, 25 Jahre verheiratet und habe 2 Söhne. Seit 1967 bin ich im Orgelbau tätig. Meine Lehre habe ich im hauseigenen Betrieb der alten Firma Walcker, damals noch in Ludwigsburg abgeschlossen.

2) Können Sie den Typus der alten Orgel von Mersch hier kurz beschreiben?

Johann Sebastian Bach hat durch sein kompositorisches Werk die Orgel zu einem vorläufigen Höhepunkt geführt. Mit seinem Tod im Jahre 1750 kann man ungefähr den Zeitpunkt der im Zenit stehenden, technisch und klanglich abgeschlossenen Barockorgel klassifizieren.

Mit den romantischen Komponisten im 19.Jahrhundert wird die Orgel neu belebt, feine Schattierungen und Nuancen, wie sie die Barockorgeln nicht kannte werden nun gewünscht. Farben, Hell und Dunkel, zarte Stimmen  und schließlich die Nachahmung des romantischen Orchesters werden nun von der Orgel verlangt.

Dieser romantischen Orgeltypus verbunden mit wieder aufgelebten Barockorgelideal ist ein Kompromiss zwischen beiden Orgeltypen, und diesen Orgeltyp treffen wir hier in Mersch ungefähr an. In Deutschland war zu der Nachkriegszeit die romantische Orgel verpönt, und insofern ist diese Orgel etwas Neues und Interessantes und in jedem Fall ein Instrument wie man es heute in Deutschland wieder bauen würde.

3) Sind noch alte Pfeifen der vorherigen Orgel in dem Instrument vorhanden?

Es sind Holzpfeifen die sehr wahrscheinlich aus der alten Orgel stammen. Die meisten Pfeifen jedoch wurden bei einem deutschen oder niederländischen Hersteller bezogen.

4) Wie beurteilen Sie die technische Konstruktion dieser Orgel?

Diese Orgel ist wie viele Orgeln der Nachkriegszeit unter relativ schwierigen Bedingungen der Beschaffung des notwendigen Materials gebaut worden.

Auch der begrenzte Maschinenpark des Herstellers, sowie einfache, fast plumpe Konstruktionen verblüffen manchmal. Insgesamt gesehen jedoch ist diese Orgel ein geschlossenes, zusammenhängendes Instrument, das für mich sehr viele klangliche Reize aufweist. Man könnte vereinfacht sagen, das Instrument ist geschaffen und geprägt in einer kargen Zeit, aber es ist in sich schlüssig und tatsächlich ein komplexes Denkmal seiner Zeit und Landschaft.

5) In diesem Artikel habe ich auf Seite 2 auf die Geringschätzung des Instruments Anfang der 80er Jahre hingewiesen. Wie sehen Sie das? Gab es ähnliche Tendenzen in Deutschland?

Wir haben im Orgelbau eine Lebendigkeit, die es z.B. im Klavierbau oder im Violinenbau nicht gibt.

Bei uns herrschen Moden und Tendenzen und andere Zeiteinflüsse. Die Geschmäcker, wie man Orgeln bauen und umbauen oder restaurieren soll, ändern sich laufend.

Tatsächlich hält diese Bewegung den Orgelbaubetrieb und den Orgelmusikbetrieb ja auf Trab und hat der Qualität im Orgelbau eigentlich genützt. Allerdings stellt sich die Frage, ob man jeder Mode Tribut zollen soll.

Denn dies hätte zur Folge gehabt, dass man dieses Instrument längst entsorgt hätte, und dann wäre vielleicht in Mersch ein neues, langweiliges oder mixturen­schreiendes Örgelchen auf der Empore, das keiner mehr mag.

Wichtig ist für mich als Orgelbauer nur, dass man den Orgelbetrieb nicht der Geschwindigkeit des Konsum­betriebes anpasst, und man Orgeln wie Autos produziert, die man nach soundsoviel Sonntagen auf die Müllhalde bringt. Sondern die Kirche hat früher den langen Atem gehabt, 300 oder 400 Jahre an einem Gotteshaus zu bauen (am Kölner Dom sogar 750 Jahre) und dadurch hat sie ihren über Generationen anhaltenden Willen, Gott zu dienen erwiesen, und dieses lange Anhalten sollte wieder in der Kirche anzutreffen sein. Momentan haben wir natürlich in Europa dieselbe Schnelllebigkeit wie in den USA - aber davon müssen wir wieder weg.

6) Hat diese Orgelinstandsetzung Ihnen Freude gemacht und Ihr internationales Wissen erweitert?

Diese Orgel hat mich begeistert. Es war aber auch sehr schwierig mit ihr klar zu kommen.

Jedes Instrument bereichert, wenn man eine gewisse Zeit zur Verfügung hat, daran zu arbeiten. Das ist eigentlich das wirklich Schöne an diesem Beruf, dass man mit diesen Instrumenten, indem man sie enträtselt an Freiheit gewinnt und etwas Neues erfährt.

Man liest in der Orgel die Handschriften der voran­gegangenen Orgelbauer, ihren Charakter, und man liest, ob sie Freude hatten oder lustlos waren und vieles andere mehr. Und wenn das Instrument dann erklingt, so wie man es sich  wünscht, dann hat man einen Festtag und morgen geht es dann weiter in Spanien oder Polen oder vielleicht in Frankfurt oder Kufstein.

Herr Walcker, vielen Dank für diese Hinweise.

Anfang November werden die letzten Feinschliffe an der Orgel getätigt werden.

                                                                Guy Ehmann

 

Impressum : 

Besitzer : Orgelbau Gerhard Walcker-Mayer

G. Walcker-Mayer (gwm) gewalcker@t-online.de

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