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Wien   

eingefügt am 30.1.03

Paul Walcker (1846 - 1928)

 

Hans Joachim Falkenberg 

in 

"Orgelwerkstatt Sauer 1910 - 1995

Musikwissenschaftliche VerlagsGmbH 1998"

Auszug redigiert von gwm

 

 

1. Enttäuschung in Philadelphia - Triumph in Riga - Bilbao sorgt für Bruderzwist

Die Firma Walcker hatte auf der Wiener Weltausstellung 1873 hervorragend abgeschnitten. Sie hatte dort eine Salonorgel mit fünf und eine Kirchenorgel mit 15 Registern, beide zweimanualig, aufgestellt. Die Jury erkannte einstimmig auf die höchste Auszeichnung, das Ehrendiplom. Wichtiger aber waren die beiden Anschlußaufträge: 1876 Wien, Stephansdom III/90 und 1878 Wien, Votivkirche III/61. Deshalb hatten die Ludwigsburger allen Grund, der für 1876 geplanten Weltausstellung in Philadelphia hoffnungsvoll entgegenzusehen.

Das Deutsche Reich subventionierte die Aussteller, auch Walckers Orgel (II/18). Paul Walcker stellte
sie auf und vertrat die Firma während der Ausstellung. Er war dafür der rechte Mann. Weshalb?
Am 31. Mai 1846 in Ludwigsburg geboren, befaßte er sich auf dem Stuttgarter Polytechnikum mit
Stilkunde, Architektur und diesbezüglichem Zeichnen, trat 1864 in die Lehre ein und wirkte am Bau
einiger großer Orgeln mit: 

1865 Mühlhausen i.E. Reform. Kirche "' III/62

1865 Glarus (Schweiz) Reform. Kirche III/47 

1866 St. Petersburg Deutsch-reform Kirche II/31

Den Aufbau der Konzertorgel für Boston (IV/89) hatte er in den Jahren 1862 und 1863 als Studiosus miterlebt. Schon als 23jähriger bekam er einen größeren Auftrag für Übersee. Er stellte - ebenfalls in Boston - die Orgel in der First Church (III/39) spielfertig auf. Während der Kriegsjahre 1870/71 war er in der Ukraine und lieferte drei Werke in deutsche Kolonistendörfer; 1872 ist der nun zum Außendienstler gewordene Paul in London.

In Philadelphia sollte es dem weitgereisten Manne schlecht ergehen: kein Käufer, kein Anschlußauftrag. Dabei hatte die Firma 1875 ein Werk von II/30 nach Norwich geliefert und hoffte sogar, eine Filiale in den USA errichten zu können. Ein geringer Trost war, daß in den Augen zumindest eines Berufenen fast das ganze deutsche Angebot nichts taugte. Franz Reuleaux, Direktor der Berliner Gewerbeakademie und Mitglied des kaiserlichen Patentamtes, der übrigens 1890 eine Patentierung der Walckerschen pneumatischen Kegellade ablehnte, war in Philadelphia Vorsitzender der deutschen Jury und offizieller Vertreter des Deutschen Reiches. In seinen umgehend in Braunschweig gedruckten Briefen aus Philadelphia faßte er seine Beobachtungen zusammen und erregte durch sein Gesamturteil: „billig und schlecht" großes Aufsehen. Das traf für die Walckerorgel sicherlich nicht zu. Die Reichsregierung nahm Reuleaux' Kritik ernst und schickte ihn als Reichskommissar der deutschen Aussteller nach Sidney (1879) und Melbourne (1881). Paul Walcker reiste mit seiner Orgel wieder in die Heimat. Sie fand in der ev. Stadtkirche Waiblingen eine endgültige Bleibe. Dennoch war der geschäftlich mißlungene Ausflug nach Übersee nicht belanglos geblieben. Julius Blüthner aus Leipzig fabrizierte Ventilatoren für die Belüftung von Fabrik- und Messehallen und großen Restaurants. Der Orgel- und der Ventilatorenbauer lernten sich in Philadelphia kennen und schlossen Freundschaft. Sie wurde ab 1910 zum Rettungsanker für den Nachfolger Sauers. Der Kirchenvorstand der Domgemeinde Riga hatte 1881 ein Angebot für eine große Orgel erbeten. Die Verhandlungen kamen schnell zum Abschluß. Das Werk wurde im Ludwigsburger Orgelsaal, wenn auch ohne Prospekt, aufgestellt. (Das barocke, wiederzuverwendende Gehäuse von Jacob Rabe [1601] und Adam Contius [1733] war in Riga verblieben.) Der klangliche Eindruck soll großartig gewesen sein.

Paul Walcker, der vermutlich an der Gesamtkonstruktion bedeutenden Anteil gehabt haben muß, bekam den Auftrag, das große Instrument im Dom aufzubauen und die Fertigintonation vorzunehmen. Im Januar 1884 konnte die Orgel (IV/124) eingeweiht werden. Franz Liszt steuerte in ökumenischer Weitherzigkeit als Abbe eine Fantasie über den evangelischen Choral "Nun danket alle Gott!" bei. Sie geriet nicht zum stärksten seiner Stücke. Domorganist Bergner war beglückt, ein so herrliches Instrument zu haben. Die Rigaer „Liedertafel" brachte dem Orgelbauer unter der Stabführung des Domorganisten ein Ständchen. Adel und Bürgerschaft bereiteten ihm ein Festbankett; reich beschenkt kehrte er in die Heimat zurück. Was in den USA schmerzlich zu vermissen gewesen war, traf für Walcker im Baltikum im reichen Maße ein. Es gab Anschlußaufträge! Bis zur Jahrhundertwende neun Werke mit 196 Registern.

Diese guten Beziehungen setzten sich noch Jahrzehnte fort. So ist als schönes Beispiel die Walcker-orgel in der Rigaer Universitätsaula (IV/70 1936) erhalten, und auch die Orgel der Lutherkirche in Riga (11/20 1890) versieht mit großartiger Klangfülle ihren Dienst.

Das „Colegio d. Sagra Corazon" in Bilbao wünschte sich 1888 eine Orgel. Man gab den Auftrag an Walcker, ohne zu ahnen, welche Schwierigkeiten und Konflikte sich ergeben sollten. In jenen Jahren begann die Umstellung von der mechanischen zur pneumatischen Traktur. Sie bereitete den meisten Orgelbauern Kopfzerbrechen, erhebliche Kosten, zweifelhafte Erfolge. In Ludwigsburg war man geteilter Meinung. Das war bei fünf Brüdern verschiedener Begabung, verschiedener Temperamente und erheblicher Altersunterschiede kein Wunder. Hier das Führungsquintett, wie es sich um 1886 darstellte:

Eberhard Heinrich (1828-1903) Aufstellung und Intonation

Friedrich (1829-1895) Betriebliche Koordination

Karl (1845-1908) Kalkulation

Paul (1846-1928) Konstruktion, Zeichenbüro

Eberhard (1850-1928) Zungenstimmen

Karl hatte erkannt, daß eine Firma, die im Bau großer Orgelwerke ihr eigentliches Renomme gefunden hat, sich der pneumatischen Traktur und deren Problematik zu stellen habe. Alle Brüder waren dagegen. Paul hatte seit Jahren entsprechende Versuche gemacht, die unbefriedigend geblieben waren. Außerdem war es der Firma gelungen, eine Barkermaschine durch geschickte Proportionie-rung ihrer Ventildurchmesser so zu konstruieren, daß sich die Art des Tastenanschlags tatsächlich auf die Bewegung der Kegel übertrug. Das, was kaum einer Firma gelang, funktioniert in Riga einwandfrei - bis heute. Trotzdem konnte Karl seinen Bruder Paul zu weiteren Versuchen bewegen. Ihr Ergebnis war eine pneumatische Membranenlade. Sie muß in der Werkstatt tadellos funktioniert haben, sonst hätte man sich nicht entschlossen, das sieben Register umfassende Werk einem so weit entfernten Kunden auszuliefern. Nach einiger Zeit mehrten sich die Störungen bis zum völligen Versagen des Systems. Oscar Walcker erinnert sich: Dieser erste Versuch und Mißerfolg kostete viel Geld. Die Brüder und auch Karl schoben die Schuld auf Paul, der in eine schwierige Lage kam. ... Paul Walcker trat schließlich aus der Firma aus und ging zu Wilhelm Sauer nach Frankfurt an der Oder1 Paul Walcker war cholerischer Natur. Oscar Walcker arbeitete als junger Mensch im Zeichenbüro

und berichtet:

Eine harte Schule harrte meiner. Mein Meister war aufbrausend und jähzornig. Wegen Kleinigkeiten gab es oft stimmgewaltigen Krach. Einmal passierte mir das Mißgeschick, daß ein Tuschfläschchen umgefallen war. Darob großer Spektakel, so daß Karl Walcker vom Büro herauf stürzte, meinend, es gebe Mord und Totschlag. ... Was er für Recht hielt, mußte gemacht werden. Mit gewaltiger Stimme ausgestattet, donnerte er manchmal in den geheiligten Räumen, so daß die Leute auf der Straße stehen blieben und sich fragten, ob denn im Orgelbau Mord und Totschlag herrsche.

Oscar wußte aber auch den Orgelbauer und den mitteilsamen Lehrmeister zu schätzen: Er war ein ingeniöser Kopf und zeichnete, etwas pedantisch zwar, aber mit großer Klarheit und Pünktlichkeit. ... Paul Walcker war ein ausgezeichneter Praktiker und hatte auch seine guten menschlichen Seiten, der den bei ihm Lernenden aus dem reichen Born seiner Erfahrung schöpfen ließ. 

Onkel Paul räumte also das Feld, Neffe Oscar blieb und stellte 1895 die nächste Orgel in Bilbao auf. Die Nonnen bedankten sich für das gelungene Werk mit einer Schachtel duftender Havannas.8

2. Betriebsleiter in Frankfurt/Oder

Wilhelm Sauer hatte sich zögernd der Pneumatik zugewandt. Ende der 80er Jahre stagnierte der Auftragseingang, weil andere Firmen zumindest mittlere und größere Werke mit pneumatischer Traktur ausstatteten. Wilhelm Sauer muß von der Tüchtigkeit Paul Walckers gehört haben. Die Verhandlungen der beiden Meister sollen durch A.W. Gottschalg, den langjährigen Herausgeber der URANIA, angebahnt worden sein.

Das Datum des Eintritts von Paul Walcker in sein neues Arbeitsfeld läßt sich nicht mehr genau ermitteln, vermutlich war es 1892 oder 1893. An den Arbeiten der Orgel für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin war er maßgeblich beteiligt. Er vertrat den Firmenchef während dessen schwerer Erkrankung im Frühjahr 1894; am 23. Mai empfiehlt jener Paul Walcker dem kaiserlichen Hof als seinen Vertreter.

Was der Stellvertreter des Chefs zu tun hat und was er tatsächlich leistet, bleibt üblicherweise der Außenwelt verschlossen. Man kann nur indirekte Schlüsse ziehen:

1. Zwischen den beiden Männern muß, vielleicht gerade wegen ihres gegensätzlichen Naturells, sinnvolle Zusammenarbeit möglich gewesen sein.

2. Ab 1893 steigen Produktion und Gewinn der Firma steil an. Das ist bei einem sehr oft auf Reisen befindlichen Chef nur möglich, wenn er einen ausgezeichneten Betriebsleiter hat.

         3. Paul Walcker bekam ein gutes Gehalt.

         4. Sauer macht aus den Verdiensten Paul Walckers keinen Hehl.

5. Man kann feststellen, wie sich die Sauerorgeln unter der Verantwortung Paul Walckers technisch vervollkommnet haben .

Diese und viele andere Fakten haben dazu geführt, daß Wilhelm Sauer der begründeten Meinung war, sein Unternehmen bei einem Nachfolger wie Paul Walcker in guten Händen zu wissen.

 

Impressum : 

Besitzer : Orgelbau Gerhard Walcker-Mayer

G. Walcker-Mayer (gwm) gewalcker@t-online.de

Telefon 0049 6805 - 2974 oder 0049 170 9340 126

Telefax 0049 6805 91 3974    

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