1. Enttäuschung in Philadelphia - Triumph in Riga -
Bilbao sorgt für Bruderzwist
Die Firma Walcker hatte auf der Wiener
Weltausstellung 1873 hervorragend abgeschnitten. Sie hatte dort eine
Salonorgel mit fünf und eine Kirchenorgel mit 15 Registern, beide
zweimanualig, aufgestellt. Die Jury erkannte einstimmig auf die höchste
Auszeichnung, das Ehrendiplom. Wichtiger aber waren die beiden
Anschlußaufträge: 1876 Wien, Stephansdom III/90 und 1878 Wien,
Votivkirche III/61. Deshalb hatten die Ludwigsburger allen Grund, der für
1876 geplanten Weltausstellung in Philadelphia hoffnungsvoll
entgegenzusehen.
Das Deutsche Reich subventionierte die Aussteller, auch
Walckers Orgel (II/18). Paul Walcker stellte
sie auf und vertrat die Firma während der Ausstellung. Er war dafür der
rechte Mann. Weshalb?
Am 31. Mai 1846 in Ludwigsburg geboren, befaßte er sich auf dem
Stuttgarter Polytechnikum mit
Stilkunde, Architektur und diesbezüglichem Zeichnen, trat 1864 in die
Lehre ein und wirkte am Bau
einiger großer Orgeln mit:
1865 Mühlhausen i.E. Reform. Kirche "' III/62
1865 Glarus (Schweiz) Reform. Kirche III/47
1866 St. Petersburg Deutsch-reform Kirche II/31
Den Aufbau der Konzertorgel für Boston
(IV/89) hatte er in den Jahren 1862 und 1863 als Studiosus miterlebt.
Schon als 23jähriger bekam er einen größeren Auftrag für Übersee. Er
stellte - ebenfalls in Boston - die Orgel in der First Church (III/39)
spielfertig auf. Während der Kriegsjahre 1870/71 war er in der Ukraine
und lieferte drei Werke in deutsche Kolonistendörfer; 1872 ist der nun
zum Außendienstler gewordene Paul in London.
In Philadelphia sollte es dem
weitgereisten Manne schlecht ergehen: kein Käufer, kein Anschlußauftrag.
Dabei hatte die Firma 1875 ein Werk von II/30 nach Norwich geliefert und
hoffte sogar, eine Filiale in den USA errichten zu können. Ein geringer
Trost war, daß in den Augen zumindest eines Berufenen fast das ganze
deutsche Angebot nichts taugte. Franz Reuleaux, Direktor der Berliner
Gewerbeakademie und Mitglied des kaiserlichen Patentamtes, der übrigens
1890 eine Patentierung der Walckerschen pneumatischen Kegellade ablehnte,
war in Philadelphia Vorsitzender der deutschen Jury und offizieller
Vertreter des Deutschen Reiches. In seinen umgehend in Braunschweig
gedruckten Briefen aus Philadelphia faßte er seine Beobachtungen
zusammen und erregte durch sein Gesamturteil: „billig und schlecht"
großes Aufsehen. Das traf für die Walckerorgel sicherlich nicht zu. Die
Reichsregierung nahm Reuleaux' Kritik ernst und schickte ihn als
Reichskommissar der deutschen Aussteller nach Sidney
(1879) und Melbourne (1881). Paul Walcker reiste mit seiner Orgel wieder
in die Heimat. Sie fand in der ev. Stadtkirche Waiblingen eine endgültige
Bleibe. Dennoch war der geschäftlich mißlungene Ausflug nach Übersee
nicht belanglos geblieben. Julius Blüthner aus Leipzig fabrizierte
Ventilatoren für die Belüftung von Fabrik- und Messehallen und großen
Restaurants. Der Orgel- und der Ventilatorenbauer lernten sich in
Philadelphia kennen und schlossen Freundschaft. Sie wurde ab 1910 zum
Rettungsanker für den Nachfolger Sauers. Der Kirchenvorstand der
Domgemeinde Riga hatte 1881 ein Angebot für eine große Orgel erbeten.
Die Verhandlungen kamen schnell zum Abschluß. Das Werk wurde im
Ludwigsburger Orgelsaal, wenn auch ohne Prospekt, aufgestellt. (Das
barocke, wiederzuverwendende Gehäuse von Jacob Rabe [1601] und Adam
Contius [1733] war in Riga verblieben.) Der klangliche Eindruck soll
großartig gewesen sein.
Paul Walcker, der vermutlich an der
Gesamtkonstruktion bedeutenden Anteil gehabt haben muß, bekam den
Auftrag, das große Instrument im Dom aufzubauen und die Fertigintonation
vorzunehmen. Im Januar 1884 konnte die Orgel (IV/124) eingeweiht werden.
Franz Liszt steuerte in ökumenischer Weitherzigkeit als Abbe eine
Fantasie über den evangelischen Choral "Nun danket alle Gott!"
bei. Sie geriet nicht zum stärksten seiner Stücke. Domorganist Bergner
war beglückt, ein so herrliches Instrument zu haben. Die Rigaer „Liedertafel"
brachte dem Orgelbauer unter der Stabführung des Domorganisten ein
Ständchen. Adel und Bürgerschaft bereiteten ihm ein Festbankett; reich
beschenkt kehrte er in die Heimat zurück. Was in den USA schmerzlich zu
vermissen gewesen war, traf für Walcker im Baltikum im reichen Maße ein.
Es gab Anschlußaufträge! Bis zur Jahrhundertwende neun Werke mit 196
Registern.
Diese guten Beziehungen setzten sich
noch Jahrzehnte fort. So ist als schönes Beispiel die Walcker-orgel in
der Rigaer Universitätsaula (IV/70 1936) erhalten, und auch die Orgel der
Lutherkirche in Riga (11/20 1890) versieht mit großartiger Klangfülle
ihren Dienst.
Das „Colegio d. Sagra Corazon" in
Bilbao wünschte sich 1888 eine Orgel. Man gab den Auftrag an Walcker,
ohne zu ahnen, welche Schwierigkeiten und Konflikte sich ergeben sollten.
In jenen Jahren begann die Umstellung von der mechanischen zur
pneumatischen Traktur. Sie bereitete den meisten Orgelbauern
Kopfzerbrechen, erhebliche Kosten, zweifelhafte Erfolge. In Ludwigsburg
war man geteilter Meinung. Das war bei fünf Brüdern verschiedener
Begabung, verschiedener Temperamente und erheblicher Altersunterschiede
kein Wunder. Hier das Führungsquintett, wie es sich um 1886 darstellte:
Eberhard Heinrich (1828-1903)
Aufstellung und Intonation
Friedrich (1829-1895) Betriebliche
Koordination
Karl (1845-1908) Kalkulation
Paul (1846-1928) Konstruktion,
Zeichenbüro
Eberhard (1850-1928) Zungenstimmen
Karl hatte erkannt, daß eine Firma, die im Bau großer
Orgelwerke ihr eigentliches Renomme gefunden hat, sich der pneumatischen
Traktur und deren Problematik zu stellen habe. Alle Brüder waren dagegen.
Paul hatte seit Jahren entsprechende Versuche gemacht, die unbefriedigend
geblieben waren. Außerdem war es der Firma gelungen, eine Barkermaschine
durch geschickte Proportionie-rung ihrer Ventildurchmesser so zu
konstruieren, daß sich die Art des Tastenanschlags tatsächlich auf die
Bewegung der Kegel übertrug. Das, was kaum einer Firma gelang,
funktioniert in Riga einwandfrei - bis heute. Trotzdem konnte Karl seinen
Bruder Paul zu weiteren Versuchen bewegen. Ihr Ergebnis war eine
pneumatische Membranenlade. Sie muß in der Werkstatt tadellos
funktioniert haben, sonst hätte man sich nicht entschlossen, das sieben
Register umfassende Werk einem so weit entfernten Kunden auszuliefern.
Nach einiger Zeit mehrten sich die Störungen bis zum völligen Versagen
des Systems. Oscar Walcker erinnert sich: Dieser erste Versuch und
Mißerfolg kostete viel Geld. Die Brüder und auch Karl schoben die Schuld
auf Paul, der in eine schwierige Lage kam. ... Paul Walcker trat
schließlich aus der Firma aus und ging zu Wilhelm Sauer nach Frankfurt an
der Oder1 Paul Walcker war cholerischer Natur. Oscar Walcker arbeitete als
junger Mensch im Zeichenbüro
und berichtet:
Eine harte Schule harrte meiner. Mein Meister war
aufbrausend und jähzornig. Wegen Kleinigkeiten gab es oft stimmgewaltigen
Krach. Einmal passierte mir das Mißgeschick, daß ein Tuschfläschchen
umgefallen war. Darob großer Spektakel, so daß Karl Walcker vom Büro
herauf stürzte, meinend, es gebe Mord und Totschlag. ... Was er für
Recht hielt, mußte gemacht werden. Mit gewaltiger Stimme ausgestattet,
donnerte er manchmal in den geheiligten Räumen, so daß die Leute auf der
Straße stehen blieben und sich fragten, ob denn im Orgelbau Mord und
Totschlag herrsche.
Oscar wußte aber auch den Orgelbauer und den
mitteilsamen Lehrmeister zu schätzen: Er war ein ingeniöser Kopf und
zeichnete, etwas pedantisch zwar, aber mit großer Klarheit und
Pünktlichkeit. ... Paul Walcker war ein ausgezeichneter Praktiker und
hatte auch seine guten menschlichen Seiten, der den bei ihm Lernenden aus
dem reichen Born seiner Erfahrung schöpfen ließ.
Onkel Paul räumte also das Feld, Neffe Oscar blieb
und stellte 1895 die nächste Orgel in Bilbao auf. Die Nonnen bedankten
sich für das gelungene Werk mit einer Schachtel duftender Havannas.8
2. Betriebsleiter in Frankfurt/Oder
Wilhelm Sauer hatte sich zögernd der Pneumatik
zugewandt. Ende der 80er Jahre stagnierte der Auftragseingang, weil andere
Firmen zumindest mittlere und größere Werke mit pneumatischer Traktur
ausstatteten. Wilhelm Sauer muß von der Tüchtigkeit Paul Walckers
gehört haben. Die Verhandlungen der beiden Meister sollen durch A.W.
Gottschalg, den langjährigen Herausgeber der URANIA, angebahnt
worden sein.
Das Datum des Eintritts von Paul Walcker in sein neues
Arbeitsfeld läßt sich nicht mehr genau ermitteln, vermutlich war es 1892
oder 1893. An den Arbeiten der Orgel für die
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin war er maßgeblich beteiligt.
Er vertrat den Firmenchef während dessen schwerer Erkrankung im Frühjahr
1894; am 23. Mai empfiehlt jener Paul Walcker dem kaiserlichen Hof als
seinen Vertreter.
Was der Stellvertreter des Chefs zu tun hat und was er
tatsächlich leistet, bleibt üblicherweise der Außenwelt verschlossen.
Man kann nur indirekte Schlüsse ziehen:
1. Zwischen den beiden Männern muß, vielleicht gerade wegen ihres
gegensätzlichen Naturells, sinnvolle Zusammenarbeit möglich gewesen
sein.
2. Ab 1893 steigen Produktion und Gewinn der Firma steil an. Das ist
bei einem sehr oft auf Reisen befindlichen Chef nur möglich, wenn er
einen ausgezeichneten Betriebsleiter hat.
3. Paul Walcker bekam
ein gutes Gehalt.
4. Sauer macht aus den
Verdiensten Paul Walckers keinen Hehl.
5. Man kann feststellen, wie sich die Sauerorgeln unter der
Verantwortung Paul Walckers technisch vervollkommnet haben .
Diese und viele andere Fakten haben dazu geführt, daß Wilhelm Sauer
der begründeten Meinung war, sein Unternehmen bei einem Nachfolger wie
Paul Walcker in guten Händen zu wissen.