Wien   

 

Brief des Thomaskantor Prof. Dr. Dr. Karl Straube an Herrn Dr. Oskar Walcker am 15.6.1948

Hochverehrter Herr Dr. Walcker !

Durch Ihre Güte habe ich Kenntnis bekommen von der Existenz der Hildebrandtorgel in der Stadtkirche von Naumburg / Saale.

Für meine Ausgabe der Orgelwerke von Johann Sebastian Bach ist die mir zugegangene Mitteilung von grosser Wichtigkeit. Einmal ist es die letzte Orgel, die von dem grossen Meister geprüft worden ist. Dann aber kommt die Gestaltung in der Disposition der Klangmittel meinen Ideen über die Zukunft der Orgel als Klangträger entgegen.

Wir können nicht dabei stehen bleiben, die Wiedererweckung der norddeutschen Barockorgel in ihrem Klange als das Ziel der deutschen Orgelbewegung zu proklamieren. Es ist aus musikalischen Gründen notwendig eine Synthese mit den Klangmitteln der Orgeln aus der Zeit der Klassik herbeizuführen. Das Vorbild ist die Hildebrandorgel, ohne die gegebene Auswahl der einzelnen Register des Instrumentes " ex cathedra" zu verkündigen. Wird dieser Weg nicht eingeschlagen, so wird wie es im XIX. Jahrhundert der Fall war, das Forte des Barocks den Menschen auf die Nerven fallen und die Königin der Instrumente wird wiederum zum Aschenbrödel, das keine Liebhaber findet.

Dass es Entrüstung über solche Frevel geben wird, das bin ich gewöhnt zu erleben, spätere Generationen werden es mir danken. Von Herzen danke ich Ihnen, mich auf diese Lösung hingewiesen zu haben. Sie macht mir den Weg frei zu dieser Ausgabe, die wohl des ewigen Kantors Zustimmung gefunden haben dürfte. Er wollte von dem Geschmack der alten Zeit nichts wissen, wie uns der Satz belehrt aus dem Memorial an den Rat der Stadt Leipzig vom 23.8.1730 : " Da nun aber der itzige status musices ganz anders wie der ehedem beschaffen, die Kunst um sehr viel gestiegen, der gusto sich verwunderns-würdig geändert, dahero auch die ehemalige Art von Music unseren Ohren nicht mehr klingen will..."

In Verehrung und Ergebenheit

Ihr

gez. Karls Straube

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