Deutsche Orgeln und ihr Klang vor 130 Jahren

Gedanken an der Grenze zur Auflösung

"bypassing liquid structures"

Gerhard Walcker-Mayer  (c) 30.03.2003

  

Durch einige interessante Anfragen veranlasst habe ich mich in letzter Zeit etwas intensiver mit der dritten Generation der Orgelbauer Walcker beschäftigt und hier vor allem mit Paul und Fritz Walcker. Der erstere und jüngere Paul Walcker ist nach den Orgelmontagen in Boston(VI/68,1862)  und Riga (VI/124, 1881) eigentlich ein Fall für die Firma Sauer /Müllrose, deren Werkleiter und späterer Besitzer Paul Walcker nach Ausscheiden aus der Firma Walcker im Jahr 1892 wurde.

Fritz Walcker nun, der zweitälteste Sohn Eberhard Friedrich Walckers war eine Persönlichkeit, die weniger durch sein schlichtes schwäbisches Temperament faszinierte als durch seine ausgereifte Intonationskunst. Diese Eigenschaft denke ich mir, hat Fritz an allen großen Werken seitdem er die Orgel in der „Musikhalle in Boston in Amerika“ aufgestellt und intoniert hatte zu einer edlen Kunst ausreifen lassen.

Als belegtes Beispiel nenne ich die Orgel in Mühlhausen/Elsaß (III/61, Baujahr 1866) , die als Vorgängerorgel von Riga genannt werden kann, die ebenfalls von Fritz Walcker intoniert wurde. Diese Orgel führte Albert Schweitzer zur Orgelmusik und „sie war wunderbar intoniert“, so schrieb Albert Schweitzer in einem Brief an meinen Vater 1961. Fritz Walcker war auch der Intonateur der Rigaer Domorgel und vielleicht auch der Orgel in der Votivkirche in Wien. Diese beiden Orgeln sind die einzigen noch original erhaltenen hochromantischen großen Walcker-Orgeln.

Albert Schweitzer schrieb in  seinem Büchlein „Deutsche und Französische Orgelbaukunst – Nachwort 1927“: Als Knabe spielte ich auf Walckerschen Orgeln, die in der besten Zeit dieses Hauses, in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gebaut worden waren“. Schweitzer bedauert in dem weiteren Text dann, dass Ende des Jahrhunderts (1899) das gleiche Haus Walcker diese Orgel (Mühlhausen Elsaß) umgebaut und klanglich so verändert hat, dass der ursprüngliche schöne Klang verschwand. Für uns sollte dies als Beweis gelten, dass der Klang nicht am Haus sondern an den Menschen festgemacht ist.

Und damit sollte auch klar sein, dass Fritz Walcker der 1895 starb einer der letzten großen Intonateure der deutschen hochromantischen Orgel war. Der Schriftwechsel von Fritz Walcker, der ziemlich umfangreich von Boston, Glarus, Leipzig und vielen anderen Städten mir vorliegt wird in naher Zukunft ausgewertet werden. Vielleicht gibt das etwas Aufschluss über Denken und Fühlen eines Heroen des Orgelklangs wieder, vielleicht ergibt es nur ein psychologisches Porträt, das uns zu weiteren Denken und Schaffen in Richtung Orgelklang bewegen kann, vielleicht aber erhalten wir nur die eine Einsicht, nämlich, dass Menschenschaffen an solchen „liquid structures“ zum Verwehen und Verblassen bestimmt ist..

Einen Schritt zurück nun  und wir sehen den Altmeister Eberhard Friedrich Walcker, von dessen Werk nur noch ein paar Fragmente übrig gelassen wurden, ein paar Dorforgeln: Albersweiler, Hoffenheim, Meckenheim, Waldkirch, Erlenbach, Großengstringen. Alle diese Orgel und auch andere aus der Zeit, die heute nicht mehr existieren geben vom Äußeren und vom Gehäuse her eher einen langweiligen und eintönigen Charakter von sich

Zu seinem 200.Geburtstag am 3.Juli 1994 haben die beiden Schramberger Ferdinand Moosmann und Rudi Schäfer ein hervorragendes „Arbeitsbuch“ über den Altmeister verfasst. Ich denke, dass ich bereits das dritte oder vierte Exemplar dank der schlechten Leimbindung verbraucht habe. Nun, zurückgekehrt aus den USA, wo man mir wieder ein Kraftstück nach ACC vorgeführt hatte, frage ich mich, was ist das Geheimnis des Eberhard Friedrich Walcker, und was ist die Anziehungskraft seines französischen Gegenspielers, dessen sämtliche Orgeln erhalten geblieben sind. 

Schäfer -  Moosmann haben sehr schön die Klangcharakteristik von Eberhard Friedrich Walcker herausgearbeitet und tatsächlich auch mit der Bezeichnung „kernig, herber Klang“ etwas Wesentliches getroffen. Mit den Expressionen die Eberhard Friedrich Walcker ab 1856, also erstmalig in Ulm verwendete, brachte er etwas Strich oder Klang-Zeichnung ins Pfeifenwerk ein, was Schäfer-Moosmann als „sonoren Klang“ bezeichnen. Meine eigenen Erfahrungen an den Orgeln Eberhard Friedrichs waren eine seltsame Berührtheit, die elementare Wahrnehmung eines „über den Dingen Seins“. Erst später über die Philosophie Heideggers erkannte ich, dass Eberhard Friedrich Walcker das Sein hinter den Dingen berührt hat und dabei den Punkt gefasst hat, den wir als religiöse Mystik bezeichnen können: das Aufleuchten einer religiösen Erscheinung, Klang der Heil wird oder Klang der Vision zeugt. Diese Beziehung wird über Gefühl und Intuition aufgebaut.

Ein einziges Wort fasst seine Orgelklänge zusammen, es ist „Anmut“. Hier spiegeln sich die stille Freude über das Dasein und  der tiefe Glaube an einen Heiland, wie es Eberhard Friedrich Walcker in vielen Briefen und in seinen Notizen der Kalender immer wieder vermerkt. Das Unlaute seiner Klänge hat ACC in der Frankfurter Paulskirche beim Anhören dieser Orgel in militärischen Dimensionen breitgemacht, eben typisch für einen „Trompetenbauer a la harmonique“ der mit diffenrenzierten Winddrücken und Kraft arbeitete.

Bei Eberhard Friedrich Walcker macht sich die Stille nicht Platz in Form von leichter oder schwerer Süße, wie später in der Hochromantik, sondern der Prinzipalton umwebt den Zuhörer mit einem heiligen Zauber, der aber nicht verführt, der den Blick nach oben richtet und nicht nach unten. Jedes Herangehen an den Klang dieser Orgeln mit Ratio, Tabellendenken und ohne Religion vernichtet ihren Odem, ihr Lied das sie singen wollten, von Gott und von Reinheit und von Glaube.

Und genau dies ist geschehen : man hat diese Orgeln und ihre Verkündung, ihre Stille und ihre Geschichte die sie heimlich erzählen wollten nicht mehr verstanden. Man hat diese Orgeln abgehört, wie man die Nachrichten in einem Radio nach Fakten abhört und so hat man sie zerstört. Dieses Abhören kann in der Tat bei den ACC-Orgeln so statthaft sein, ohne, dass dadurch diese Orgel minderwertiger sein müssen. Sondern diese ACC-Orgeln haben einfach eine andere Funktion, sie haben Pferdemuskeln, wie das Albert Schweitzer in seinem genannten Büchlein forderte, und sie können vielleicht in einem deutsch-französischen Krieg eingesetzt werden, aber sie haben keine Stille und sie haben keinen magischen Glanz. Dieses sind die Gründe weswegen man in einer Zeit des Positivismus und Realismus (nach 1850) und der Wissenschaftlichkeit daran gegangen ist die Orgeln Eberhard Friedrich Walckers zu vernichten, während der französische rational leichter fassbare Aristide Cavaille-Coll, nicht mit irrationalen romantischen Attributen versehen, besser verstanden wurde.

Man behüte uns nun von der selben Wissenschaftlichkeit, welche nicht in der Lage ist Heimlichkeiten zu bewahren, die sich daran machen will eine solche feine Zerbrechlichkeit wie diese Klangstille des Eberhard Friedrich Walcker in harte Fakten und Zahlen zu pressen, wie es einst der Räuber aus Attika Prokrustes vornahm, der seine Opfer folterte, indem er sie streckte oder die Glieder abhackte, nur damit sie in sein Bett passten. Sehr sinnreich endet dieser griechische Mythos dadurch, indem Theseus dem Ungeheuer selbige Methode zukommen lässt und ihm den Schädel abschlug.

Die Trauer die nun ist, sie ist ebenfalls eine irrationale Trauer, wie diese zum Beispiel, dass der Lisztschüler Julius Reubke nur ein großes Orgelwerk schrieb, bevor er im Alter von 24 Jahren starb und diese, dass man immer wieder der völlig irregeleiteten Auffassung begegnet, man könne Eberhard Friedrich Walcker auffassen und nachbauen, wie eine beliebige Barockkopie oder eine Cavaille-Coll-Kopie. Diese Trauer, sie ist eigentlich eine Trauer über das Leben, das fließt, das vergisst, das verneint und sich aufbäumt und Sinnlosigkeit sein kann. Es ist eine Trauer über die Strukturen die verfließen, wie der heraklitsche Fluss, in den man kein zweites Mal einsteigen kann.

Die Beschäftigung mit Eberhard Friedrich Walckers Klängen führt uns aber immer wieder an den Quell der Religion zurück, und dies ist vielleicht die Funktion seiner Orgeln – trotz der Verflüssigung aller Strukturen und Phänomene.

 

© gwm 30.03.2003

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