Wien   

 

SONNENBLUMEN und Orgel

oder

der orgelspielende Papagei

ein Orgelbauertreffen am Rande Augsburgs

das OB40 Treffen in Kissing bei Max Offner

 

gwm am 28 Sept. 2003

Es gibt Tage an denen man Trauer trägt, Tage an denen man lyrisch gestimmt, den Himmel besingt. Es gibt Tage an denen man nach innen schauend in einem meditativen Zustand der Erleuchtung verharrt; aber es gibt auch Tage an denen man weit, weit weg von dergleichen entrückten Ansichten fest auf dem Boden der Erde stehend der Sinnlichkeit frönt, Schweinsbraten isst und diesen mit deftige Witzen und dunklen Bieren würzt.

Besonders dann, wenn man nach Bayern kommt, wo alle Welt gerade in Bierseligkeit der politischen Verhältnisse oder des Oktoberfestes wegen wie bei einer riesigen Karnevalssitzung zu schunkeln beginnt, wo in aufgelöster Stimmung kaum noch ernsthafte Gedanken an Morgen zu erwarten sind.

Die zwei Papageien, die bei Max Offner frei in der Wohnung herumfliegen und mit akrobatischen Flugleistungen jeden Besucher zunächst verblüffen, sind das Erste, was die Schar der ehemaligen Kameraden der Orgelbauschule Ludwigsburg in Kissing begrüßen. Einem Ventilator gleich, können diese Vögel in der Luft stehend über dem Tisch Runden drehen und Wind erzeugen, wie er bei den vergangenen Tagen der großen Hitze ein Segen gewesen sein musste.

Ein Kamerad erzählt dabei, dass die Omma einem Wellensittich das "Vaterunser" beigebracht hatte, so dass der selige Vogel nun mit dem selben Tonfall des guten Muttchens das "Vaterunser" fehlerfrei und vollständig herunterrasseln konnte. Woraufhin ein weiterer Kamerad zu spekulieren begann, ob dies wohl bei den Amtskirchen als Fluch oder Segen eingeschätzt werden würde. Dass der Vogel als Heiliger Geist in Messen eingesetzt werden könnte, also dies wurde einhellig als Unfug abgelehnt.

Bei der Firma Orgelbau Rieger in Vorarlberg, so hörte man von einem anderen Kollegen, ist der ehemalige Geschäftsführer Christoph von Glatter-Götz ab 1.Oktober 2003 durch anderen Betriebsangehörigen ersetzt worden, in allseitigem Einvernehmen, wie man hört.

Einen echten Dinosaurier der Orgelbauwelt haben wir aber da noch unter uns, es ist Franz Heinze, der über 50 Jahre nun im Orgelbau tätig ist, und der bereits 1951 für Walcker in Spanien tätig war, und dort die ersten Reparaturarbeiten an der berühmten Orgel in Guadalupe vornahm. Damals war Franz rund 6 Monate in Spanien. Mit Interesse hat er von unseren Tätigkeiten in Spanien gehört. Interessanter Datenabgleich findet statt. Die Verhältnisse von damals und heute werden abgewogen. Franz war außerdem als federführender Unterhändler von meinem Vater bei den Verhandlungen zum Neubau der Kufsteiner Heldenorgel tätig und er war in gleicher Funktion in Wien Musikfreunde tätig bei den Verhandlungen mit Karl Richter. Stundenlang könnte man ihm zuhören, wenn er ausgiebig von seinen Erlebnissen erzählt. "Ja, wenn man dem Richter gesagt hat, da fehlen noch ein paar Flöten und Streicher -  dann hat der einfach gesagt, sagen Sie alles was wir brauchen " und schrieb es in die Disposition hinein, auf ein Dutzend Register mehr kam es da nicht an.

Die schöne Geselligkeit bei den Offners, sie wird jäh am Samstag den 27.9.03 unterbrochen, um eine Orgel von Max Offner zu sehen und zu hören, die dieser im Jahre 2000 angefertigt und die 2001 eingeweiht wurde. Über die Gestaltung der Orgel möchte ich mich erst gar nicht auslassen, sie ist in einem der unteren Fotos dargestellt, aber über den Klang : es ist eine Orgel die wunderschöne "stille" Register in sich birgt. Die tatsächlich von einem PP zu einem FF sanft hochgefahren werden kann. Die ein mustergültiges Prinzipalpleno hat, schöne Flöten, schöne Einzelcharakteristika, bei den Zungen werden ein paar Wünsche angemeldet. Tutti und Pleno der Orgel sind mustergültig. Aber das schönste Klangelement der Orgel ist der Prinzipal 8' des Hauptwerks, den ich stundenlang hätte spielen und hören können. Ein weicher Bordun 16' im Hauptwerk mit Gambe 8', das war meine liebste Klangfarbe, und ich habe sie im Geiste weiterintoniert :eine Idee mehr Strich, einen Zungenschlag weniger Lautstärke ab c1 bei der Gambe. Und beim Bordun im Baß etwas mehr Unbestimmtheit, etwas mehr Irrationalität und weniger Zeichnung, das wäre mein Böcklinscher Traum von einer verlassenen Villa am Meere gewesen. bei dunkler roter Nacht, wo ein schwarzer Vogel aus dem Ozean hervorsteigt und gambenhaft singt.

Als Alleinunterhalter mit zwei Papageien und einer Truhenorgel Popmusik betreibend; dies ist nicht ein surrealer Traumgedanke sondern die Antwort darauf, dass man mit Originalität auch Pfeifenorgelmusik an den Mann bringen kann ohne zu den verzuckerten Surrogaten der Elektroindustrie greifen zu müssen. Er wurde heftig diskutiert, als das Thema "Alleinunterhalter" und "das Wesen des Papageis" die Köpfe erhitzte.

Martin Pflüger erzählt von der Fertigstellung seiner Orgel in Niederösterreich mit 45 Register, die bis Weihnachten fertig intoniert werden soll. Christhard Rensch berichtet vom Bassethorn der Walcker-Rensch-Orgel in Göppingen und verteilt dabei Hefte über die neue Orgel in der Martinskirche in Albstadt-Ebingen, worin man schöne Fotos auch von der alten elektropneumatischen Walcker-Orgel findet. Von Ulrich Wahl (Mühleisen) hört man etwas über die Orgel in der Stuttgarter Stiftskirche und über Auseinandersetzungen mit Elektriker über Sicherheit in Orgelstromkreisen. Und viele, viele Kleinkriegen mit Seeschlachten hört man von allen unseren Freunden und Kollegen mit unverständigen Sachverständigen, worauf mir ein erzürnter alter Freund das ISO-Heft Nummer 16 vom März 2003 auf den Tisch knallt und sagt :"les das nur mal, das Interview mit Jack Bethards" und ich muss ihm versprechen, den entscheiden Absatz zu veröffentlichen. Ich habe das Interview mehrfach gelesen und festgestellt, dass Bethards eine grundlegend gesunde Einstellung hat, die entscheidende  Frage und Antwort aus dem Interview lauten : Was ist Ihre Meinung bezüglich der Rolle von Sachverständigen bei der Zusammenstellung einer Orgel und der Auswahl des Orgelbauers. Gibt es eine Grenze für den Einfluss des Sachverständigen und übernimmt er wirklich Verantwortung ? JACK BETHARDS: Ich bin jeden Tag dankbar, dass es mir möglich ist, in den Vereinigten Staaten zu arbeiten. Ich bin entsetzt, wenn ich mir das Elend meiner europäischen und englischen Kollegen anschaue, welches durch die Orgelsachverständigen verursacht wird, die die Orgelwelt in einem Würgegriff zu halten scheinen. Ich kann mir nicht vorstellen, unter solchen Umständen zu arbeiten.

An einem Abend saßen wir zusammen und haben uns Gedanken gemacht über die Freiheit, die dem Individuum zur Verfügung steht, die es ausleben kann, die latenten Möglichkeiten, die Charakter und Veranlagung bieten und die von der Gesellschaft weiter geformt werden. Zu einem weiteren Zeitpunkt wurden Ideen entwickelt, wie man in Zukunft die Treffen dadurch bereichert, in dem einzelne Freunde und Kollegen ihre Erfahrungen und Kenntnisse mit den neuen Technologien in Form von Demonstrationen an Computer oder Laptop vorführen. Bildbearbeitung, digitale Entwürfe, vereinfache CAD-Darstellungen, vom Digitalfoto zum 3D-Objekt, Aufbau von Internetseiten, MIDI, CNC-Technologien und vieles Weitere kann da von Kollege zu Kollege auf einfachste Weise weitergereicht werden. All dies könnte in der Tat die jährlichen Treffen etwas bereichern - wir werden sehen.

Damit beende ich meine "Stenografie" der Ereignisse der letzten drei Tage, und bereite mich vor auf morgen: Abeckung der Orgel in Betzdorf - übermorgen "Stimmungen" rund im Saarland - übermorgen "Rückflug nach Bulgarien" und ich sage mit JACK BETHARDS : nicht die Sachverständigen haben mich momentan im Würgegriff, wiewohl ich im "nichtdeutschen" Europa kaum je in den Würgegriff irgendwelcher Sachverständiger gekommen bin, sondern die Zeit, die man sich selbst gemacht hat, also das eigene Maß. Und das ist vielleicht Freiheit, vielleicht sogar das letzte Stück Freiheit, das ich gerne also solches annehme, ja fast sogar geniese.

Gerhard Walcker-Mayer

 

 

 

 

 

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BILDSTORY dazu

 

 

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