Einleitende Gedanken
(gwm 25.4.09)
Der Zuruf "Heil!"
kündigt das "Heilige" an, der Ruf "Heil Hitler!" hingegen scheint den
"Teufel" anzukündigen. Wobei man sehr vorsichtig mit diesem Begriff sein
sollte, da er doch von dem altdeutschen "Teufe" abstammt, was die
oder das "Tiefe"
besagen soll, und mit dessen vielsagendem Gebrauch man schnell die ganze
abendländische Philosophie seit der Aufklärung ins Diabolische verdammen
würde. Das Letztere hingegen ein Terminus, der aus dem Griechischen stammt
und jenem Adolf Hitler noch am ehesten gerecht wird. Diablo (griech.
Diábolos „der Verleumder, Verwirrer“)
Wir Deutschen haben
ein Problem mit unseren Orgeln, ihren Begriffen und ihrem
Absolutheitsanspruch. Das wird mir mehr und mehr bewusst, je öfter man im
Ausland den Gebrauch von Orgeln und Orgelmusik studieren kann. Weil eben
hier im rund um das von "Ausländern" umzingelte Germanien im Kult mit der
Orgel, auch jenseits aller Religionen, unüberbietbare Höhepunkte der
Orgelkompositionen - und Interpretationen geschaffen wurden. Wir können vom
"Ewigkeitsanspruch" und damit von J.S.Bach und Max Reger nicht lassen.
Wir
sind verdammt zum ewig angehaltenem Ton der Orgel. Wir werden Bach als
fünften Evangelisten noch hören, wenn wir längst keine Kirche mehr betreten
werden. Die Romantiker, die "Gott getötet haben", sie haben uns die
"Ästhetik" hinterlassen, mit der wir weiterleben müssen, wenn wir auf
Religion verzichten wollen oder müssen. "Der Nationalsozialismus kann ohne
das Verständnis von Wagners Musik nicht begriffen werden", ein Zitat Adolf Hitlers
(wieder mal zitiert in Hollywood-Stauffenberg-Walküre, wo ein
glamourierter Nazismus der Militärs gegengehalten wird, als ob uns der
rational handelnde Verbrecher lieber wäre als der Paranoid),
das dessen verwirrten Zuständen gerecht wird. Weil wir das gottgegebene
Genie Wagners von seiner kleinkarierten Persönlichkeitsstruktur getrennt
wissen wollen, wie wir das auch bei Martin Luther tun sollten, wo
"brennwütiger Antisemitismus" mit der klarsichtigen Behandlung des Juden
Jesu sich nicht vereinen.
Die nachfolgende
Orgelmusik war für mich eine besonders wertvolle Erfahrung, weil dieses
Instrument gebaut im Jahre 1935, und das im September diesen Jahres auf dem
Parteitag der Nazis in Nürnberg seinen kurzen Auftritt haben sollte, ein
Schwesterinstrument zur Walcker-Orgel im Bukarester Athenäum (gebaut 1939)
ist, das wir fast 18 Monate vor Ort zu restaurieren hatten. Und somit haben
wir einen interessanten Vergleich zweier orgelbewegter Werke aus dem Hause
Walcker, die klangliche Gemeinsamkeiten besitzen, eine Art kontrastrierende
Koinzidenz besitzen, aber auch in wesentlichen Punkten auseinanderdriften.
Dort, wo wahrscheinlich für den Gesang der 35.000 das Mariendorfer Werk
aufgerissen wurde, haben wir in Bukarest eine helle, leichte Stille, die
fast grazil einen "Bass" tanzen lässt, während wir auf dem Reichsparteitag
1935 den "stahlhelmbewehrten" Grund rotzig auftrumpfen hören.
Wir geben hier das
Orgelkonzert von Manfred Schulze an der Walcker-Orgel in der
MARTIN-LUTHER-GEDÄCHTNISKIRCHE in BERLIN-MARIENDORF wieder, das Schulze am
15.Februar 2009 dort aufgeführt hat und bei dem viermal Max Reger gespielt
wurde und fast wie eine Alibifunktion einmal Felix Mendelssohn-Bartholdy mit
der von Martin Schulze transkribierten Fassung der Choralmotette "Aus tiefer
Not".
02 Max
Reger:
Toccata und Fuge a-moll op. 80
03 Max
Reger: Choralvorspiel "Oh Welt, ich
muss dich lassen" aus op. 52
05
Felix Mendelssohn Bartholdy:
Choralmotette "Aus tiefer Not schrei ich zu
Dir"
transkribiert von Martin Schulze
08 Max
Reger:
Choralvorspiel: aus op.135
09 Max
Reger:
Toccata und Fuge d-moll op. 129
Die Disposition und eine Kurzgeschichte dieser Orgel finden wir als
Auszug aus dem Buch von Prof.Dr. Michael Kaufmann "Orgel und
Nationalsozialismus" als PDF.
MARTIN SCHULZE,
Kurzbio: geboren 1967 in Erkner bei Berlin, Kirchenmusikstudium in
Greifswald (B-Abschluß), Studium "Schutz europäischer Kulturgüter" an der
Viadrina in Frankfurt/Oder (Abschluß: Magister, M.A.),
Orgelsachverständiger, Organist und Kantor zunächst in Friedland
(Mecklenburg) und Himmelpforten bei Stade, seit 2003 an der historischen
Gloger-Orgel von St. Severi in Otterndorf; Aufsätze und
Buchveröffentlichungen insbesondere zur Brandenburgischen Orgelgeschichte
und -landschaft (Band 5 der Reihe "Orgelhandbuch Brandenburg", Edition
Labium, in Vorbereitung ist ein weiterer Band über die Orgeln der Prignitz);
demnächst erscheint von ihm bei der Edition Labium: "Orgellandschaft Hadeln"
(eine Region zwischen Stade und Cuxhaven mit reichem historischen
Orgelbestand); rege Konzerttätigkeit sowohl regional als auch in den neuen
Bundesländern (insbesondere Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg)
und international (Riga, Dom).