Orgel und Zahl, und
das Jahr 1872 als kopernikanische Wende im europäischen Maßsystem
Die
Orgel und der Flugverkehr sind heute fast die einzigen Bereiche in denen auf
dem Kontinent noch das alte Fußmaß Verwendung findet, und das obwohl alle
großen Kulturbauten der alten Welt in Elle- und Fußmaßen gebaut wurden.
Diese
Welt aber wurde im Jahre 1789 durch die Französische Revolution gründlich
erschüttert. Die revolutionären Unruhen resultierten aus der Unfähigkeit des
Ancien régime, auf die geistigen und wirtschaftlich-politischen
Herausforderungen Ende des 18. Jahrhunderts angemessen zu reagieren. Im
Vorfeld hatte bereits die Aufklärung eine Abkehr von mystisch-spekulativer
Tradition und der Glaube an die Kraft der menschlichen Vernunft anstelle
überlieferter Werte, Institutionen, Konventionen und Normen gefördert.
Im
Jahre 1773 präsentiert Georg Andreas Sorge sein Rechenbuch für
Orgelbaumeister, in dem die musikalischen Proportionen, die fast ein
Jahrtausend lang als Ausdruck einer musikalischen Weltanschauung Grundlage
der Mensurberechnung waren, mit einem Federstrich hinweggewischt wurden.
Die
„gleichschwebende Temperatur“ hatte die „Proportion“ zerstört. In
Bendeler, dem Schwiegersohn Schnitgers, Werckmeister und
Adlung sieht Sorge die letzten Repräsentanten des alten Systems, die er
polemisch ausräuchert. Ihre Zahlensysteme führt er ad absurdum, die
Rechenmethoden mit Logarithmen werden in seinem Buch demonstriert und später
von Töpfer verfeinert.
Sorges
Buch ist ohne Kenntnis der damaligen Maße völlig unverständig, und wie ich
meine, treffen hier zwei Methoden aufeinander, die unverträglich sind: a)
die Berechnung mit Logarithmen und b) das duodezimale Fuß-System. Der stolz
und belehrend daherkommende Sorge stolpert hierbei auch von einem
gravierenden Rechenfehler zum anderen, was ihm im metrischen System nicht
passiert wäre.
Paris
war und ist es auch heute noch, die Hauptstadt des Grundmaßes. Am Pariser
Königs-Fuß (291,1859mm) haben sich alle europäischen Kleinstaaten irgendwie
orientiert, woraus dann später der „metre“ mit 3,426310 Fuß wurde. Der
Deutsche Kleinstaatenteppich wies eine Unzahl an unterschiedlichen Fußmaßen
auf, die zudem noch in altherkömmlichem duodezimaler System (12erSystem)
und dezimalem System unterschieden werden musste.
Hier
das duodezimale System :
|
Ruthe |
|
Fuß |
|
Zoll |
|
Linien |
|
Scrupel |
|
1° |
= |
12' |
= |
144'' |
= |
1728''' |
= |
20736'''' |
|
|
|
1' |
= |
12'' |
= |
144''' |
= |
1728'''' |
|
|
|
|
|
1'' |
= |
12''' |
= |
144'''' |
|
|
|
|
|
|
|
1''' |
= |
12'''' |
Statt
„Linien“ wurden auch „Gran“ und statt „Scrupel“ auch „Punkt“ verwendet. Die
nachfolgende Tabelle der Fußmaße aus Deutschen Staaten habe ich von „Ferdinand
Malaise- Mathematikbüchlein von 1842“ herausgepickt. Diese Tabelle*
ist nicht vollständig und muss weiter kommentiert werden.
* in "Mass
und Gewicht von Hans Joachim v. Alberti, 1957" S229-239 sind alle Fußmaße
der Deutschen und Europ.Staaten enthalten
Verschiedene Fuß-Klappmaßstäbe aus dem Nachlass Eberhard Friedrich
Walckers belegen, dass beide Systeme (dezimal und duodezimal) auf einem
Maßstab Verwendung fanden. Das letzte Beispiel „Wurttemberger Fuß“ wurde von
einem solchen Klappmaßstab entnommen. (in "Mass und Gewicht" wird
beschrieben, dass es sich nur in Württemberg und der Schweiz so zugetragen
habe, was mit unserer Erfahrung nicht übereinstimmt) Einige dieser
Klappmaßstäbe waren als Transversalmaßstäbe (wahrscheinlich vom
Orgelbauer selbst gefertigt) ausgeführt, was genaues Ablesen von Linien und
Skrupeln durch mathematische Anwendung der Strahlensätze ermöglichte.
Wir
finden heute noch an Kircheingängen in Säulen oder Wänden eingelassene
Ellen- oder Fußmaße, sodass ein ortsfremder Handwerker sich dort das
ortsgültige Maß holen konnte.
Das
duodezimale Fuß-System hat den großen Vorteil der Analogie zu unserem
Tonsystem. Noch 1857 ordnete die „Badische Maßordnung“ an, dass Ellenstäbe
nur in Viertel, Achtel und Sechzehntel einzuteilen sind. Die Elle ist oft
genau 2 Fuß lang, aber leider nicht immer.
Mit
weiteren Einteilungen auf diesem oft reichverzierten Elle-Maßstab von 24,
48, 96 und 192 Teilen konnte ein Musikinstrumentenbauer oft das ganze
Tonsystem assoziieren.
In
vielen Deutschen Ländern gab es oft kein einheitliches Maßssystem z.B. in
Hessen-Kassel. Im Herzogtum Nassau war scheinbar um 1842 der Fuß allgemeines
Landesmaß, nicht jedoch die Elle und andere Maße, diese waren regional
wieder verschieden. Das Großherzogtum Baden war besonders reich an
lokalen Maßen: hier gab es im Jahr 1800 sage und schreibe : 112 verschiedene
Ellen, 92 Flächenmaße, 65 Holzmaße, 163 Getreidemaße, 123 Eimer, 63
Schenkelmaße und 80 Pfunde! (nach einer Notiz im Mathem.-Physik. Salon
des Zwingers in Dresden)
Aber
für den Orgelbauer kommt hinzu, dass die Pfeifenlängen in ganz einfachen
Zahlen vor Augen lagen. Was heutzutage neu gelernt werden muss, es ist das
Sehen dieser Proportionen und Maße mit den Augen jenes Orgelmeisters.
Für
vollkommen falsch halte ich es, diese Fuß- und Ellenmaße einfach zu sammeln,
in einen Computer reinzuschütten, und dann Tabellen damit zu erstellen in
dezimalen Millimetersystem, wie es von allen Orgelbauern, die heute
restaurieren, gehandhabt wird.
Ein
einfaches Beispiel soll dies belegen: der Orgelmeister hat mit 4’ und 8’
zwei ganz klare und einfache Proportionsverhältnisse, die direkt die
Intervallverhältnisse der Oktave mit 2:1 wiedergeben. Kommt nun der 3’
hinzu, so hat er eine Zahl die nicht der 4 und 8 entspricht, also einen
neuen Intervall, was mit 3:2 die Quinte ist. So hat er gedacht und gesehen,
und so hat er seine Mensuren gemacht All dies, auch die weitere Folge passt
lückenlos in eine Zahlenharmonik, bis auf den Moment, wo wir die Zahlen ins
metrische System umrechnen. Hier steht nun statt dem klaren Verhältnis
8:4:3 die metrische Zahlenkolonne 2643mm: 1321mm: 997mm. Die reine Optik
bleibt zwar die selbe, wenn wir diese Maße auf eine Zeichnung tragen, aber
das, was Phytagoras und Platon als verbindenden, heiligen
Zahlenzusammenhang bezeichneten, das ist zerstört worden.
Was bei
jener oben genannten Längenmensuration jedem Betrachter sofort in die Augen
springt, ist auch bei der Querschnitts- und Durchmessermensur der Fall, aber
durch die mit Zirkel ermittelten und mit Strahlensätzen berechneten
Proportionen für uns viel unverständlicher. Dagegen leuchtet unser Auge
sofort auf, wenn wir die geometrischen Lösungen sehen, mit denen die Meister
Wege der Querschnitts- oder Durchmessermensuration fanden, die genial
einfach und klar sind. Als Grundlage dient der Satz des Pythagoras über das
rechtwinklige Dreieck sowie alle geometrischen Grundkonstruktionen wie z.B.
das Verhältnis einer Quadratseite zu der Diagonale des Quadrats, was das
Verhältnis 1:√2
ist, und eine ganz elementare Orgelbauerformel darstellt.
Als
Grundlage aller Mensurtafeln jedoch kann der Inbegriff aller phytagoräischer
Weisheit geltende Tetraktys bezeichnet werden, das die Harmonie
darstellt in der die Sirenen singen. Die Mitglieder der Phytagoräischen
Geheimbünde haben nach der darin enthaltenen Vierzahl ihren Eid(1)
der Verschwiegenheit abgelegt. Also hier wirkt noch esoterisches
Wissen aus der Antike hinein. Phytagoras soll auch der Begründer der "Lehre
von den drei Mitteln" gewesen sein. Dies sind die Geometrische Reihe
(gleiche Proportionen), die arithmetische Reihe (gleiche Differenzen)
und der harmonischen Reihe (Differenzen in gleichen Proportion wie
die Außenglieder). Nach geometrischen Reihen sind meines Erachtens fast alle
Mensuren bei Walcker nach 1920 konstruiert worden. Da zum Anfang oder zum
Ende hin die Werte stark überbetont werden, hat man Festwerte eingefügt,
woraus sich eine elementare Mensurdeutung entwickeln hat. Besondere
Beachtung verdient hier der Aufsatz
Oscar Walckers 1926 während der
Freiburger Tagung, da er die Querschnittsverhältnisse von den ersten
Traktaten bis zur Walcker Prinzipal E-Mensur ganz klar herausarbeitet, und
auch mit wenigen Sätzen die Entwicklung der Orgel-Mensuration in Deutschland
umschreibt.
Im
Mittelalter ist es noch das "Arcanum", das aber deswegen so
sagenumwoben geworden ist, da man aus den alten Traktaten nie eine klare und
schlüssige Methode der Festlegung der Pfeifenmaße herauslesen konnte, am
Ende hatte man nur noch den Festwert im Visier, was eben jenes Arcanum
darstellt. Interessant ist noch, dass es zwischen der phytagoräischen
Anschauung und den chinesischen Versuchen in der Geometrie und Harmonielehre
sehr klare Parallelen gibt, obwohl diese Welten keinen Kontakt zueinander
haben konnten. (Harmonikale Symbolik des Altertums von Freiherr v. Thimus)
und (Mensura fistularum - Die Mensurierung der Orgelpfeifen im Mittelalter
von K.J.Sachs)
Und wer
je esoterische Schriften aus dem Mittelalter gelesen hat, und dort von
heiligen Zahlenzusammenhängen gehört hat, der hat diese oft deswegen nicht
gefunden oder verstanden, weil er mit metrischen Zahlen statt mit Fuß- oder
Elle oder weil er mit dezimalem System daran gegangen ist anstelle des
duodezimalen Systems.
Wir
machen nun in unserer naturwissenschaftlichen Verblendung den zusätzlichen
Fehler, auf die vom Wesen her falsche Behandlung dieser feinen Zusammenhänge
einfach weiter in der Zerstückelungs-Methode zu gehen, indem wir
statistische Rechenmethoden (Leuthold “Die Berechnungsgrundlagen der
Orgelpfeifen in Renaissance und Barock“) auf die falsche Methode
draufsetzen, welche jene Zahlenzusammenhänge überhaupt nicht mehr
berücksichtigen. Das kommt mir dann vor, wie wenn man den „David“
Michelangelos in einen Häcksler wirft, dort zerstückelt, und danach mit dem
Zementbrei eine neue Plastik gießt und nun behauptet: “es handelt sich um
eine Figur Michelangelos“. Auch der Bau von Kopier-Orgeln kann in solchem
Zusammenhang gesehen.
In der
griechischen Mythologie findet diese naturwissenschaftliche Methode in der
Geschichte um Prokrustes seinen Niederschlag. Prokrustes, „der
Strecker“, folterte seine Opfer dadurch, indem er ihnen alle möglichen
Glieder abhackte oder sie streckte, damit sie in ein bestimmtes Bett
(System) passten. Ihm selbst wurde am Ende von Theseus der Kopf
abgeschlagen. Dieser Kopf nämlich war es, der ihm selbst den passenden Weg
ins Bett versperrte.
Was ich
damit aussagen möchte ist, dass wir bei der Betrachtung eines Kunstwerks
wesentliche Merkmale nicht einfach ignorieren können. Wurde eine Kathedrale
oder ein Musikinstrument nach Kanon und heiligen Zahlenverhältnissen gebaut,
so habe ich dies zu respektieren, ob ich daran glaube oder nicht.
Ein
Zyniker wird also bei Mensuren der Renaissance und des Barock keine
wesentlichen Zahlen- Zusammenhänge aufdecken, noch wenn er dazu eine völlig
wesensfremde Methode, nämlich die der statistischen Auswertung darüber
stülpt. Wenn Rafael z.B. ein Gemälde in einfachen Zahlenverhältnissen 3:2,
4:5, und 8:5 konstruiert hat, so hat es auch keinen Wert hier mit dem
Meterstab irgendwelche Erklärungen suchen zu wollen, sondern dies ist nur
mit Proportionszirkel, Elle und Fußmaß der damaligen Zeit und Region
möglich.
Alle
grafischen Computer- und Simulationsprogramme haben hier nichts suchen und
zu finden. Wiewohl es überhaupt nur möglich ist Kunstwerke zu erfassen, wenn
man es sich angewöhnt hat zuerst einmal einen Geschmack der Zeit und der
Region auf die Zunge zu bekommen, bevor man zu fressen beginnt.
Auch
bei Orgelrestaurierung meine ich, ist es vorteilhafter zunächst sich
authentisch in das Leben des Orgelmeisters hineinzuleben, seine Denkmuster
und Arbeitsmethoden anzueignen, sich mit ihm zu identifizieren, um dann
seine Sicht der Welt mit eigenen Augen wahrzunehmen. Dann ist eine fehlende
Pfeife innerhalb eines Registers schnell rekonstruiert, ohne dass hier ein
mathematisches Monstrum in Form von „Tangenswerten“ a’ la Leuthold auf
unschuldige kleine Pfeifenzwerge losgelassen wird.
Jene
Grotesken, die sich immer wieder abspielen, wenn „Goetheborg“, „Fraunhofer“
und andere materialistische Welterklärungen das Sein verdüstern, sind nur
erklärbar, weil der Mensch der Verantwortung ausweicht, ganz in einer Sache
aufzugehen. Es ist ihm angenehmer, an der Oberfläche von Zahlenspielereien
unverbindlich zu sein, und keinerlei Risiko einzugehen.
Eberhard Friedrich Walcker hat seine Orgel-Mensuren und Zeichnungen in den
verschiedenen Fußsystemen seiner Zeit niedergelegt und konstruiert. Ein sehr
wichtiges Datum ist sein Todesjahr 1872. Ab diesem Zeitpunkt gibt es im
gerade neu gegründeten Deutschen Reich nur noch das metrische System. Ein
unheimlich starkes Symbol.
Fast
100 Jahre hat es gedauert bis die Auswirkungen der Französischen Revolution
im Deutschen Maßsystem Niederschlag fanden. Dazwischen liegen „Kants Kritik
der reinen Vernunft 1781“ , die „eigentliche Romantik“ von 1770 bis 1830,
Göthens Auseinandersetzung mit der Romantik von 1806-1818, Schopenhauer und
Nietzsche und die Entdeckung des Mittelalters und der Antike. Und dazu
gehört die unüberhörbare Warnung nicht nur der Romantiker vor der
beginnenden Industrialisierung.
Diese
Industrialisierung hat eine Vereinfachung der Maßsysteme in Mitteleuropa
verursacht und sie hat auch direkt im Orgelbau eine Technisierung initiiert,
die schlagartig nach dem I.WK ins Gegenteil umschlug, und unter deren Folgen
wir heute noch leiden müssen.
Die
Orgelwerke der Deutschen Romantik die mit Eberhard Friedrich Walckers Opus 9
für die Frankfurter Paulskirche im Jahr 1833 ihren Anfang nahmen, sind noch
nie einer gewissenhaften Untersuchung in ihrer Klangstruktur unterzogen
worden: Mit endlosen Tabellen, wie es heute die meisten Orgelwissenschaftler
angehen würden, ist es ohnehin nicht zu machen. Es geht über eine Form der
Identifikation und der Authentizität, und es geht, indem man das Geheimnis,
das darin bewahrt ist, als solches akzeptiert.
Diese
Aufgabe habe ich mir für die nächsten Jahre gestellt.
Gerhard
Walcker-Mayer
5.September 2004
(1) "Wahrlich
bei Dem, der unserer Seele verliehen die Vierzahl, Jene der ewigen Zeugung
Wurzel enthaltenen Quelle"