Das
Repertoire
Die Orgel hat sich
Max Regers bekanntlich in unverhältnismäßiger Weise bemächtigt, und
zwar aus doppeltem Grund: Einerseits waren es die konzertierenden
Organisten, die Regers Musik begeistert begrüßten und ihn selbst nach
1945 noch während der Nachkriegsjahre treu an die Spitzen ihrer
Konzertplakate setzten; andererseits waren es speziell die Orgelwerke, die
Regers Reputation um 1900 in der Musikwelt schlagartig anwachsen ließen.
Hinter dem im Falle Regers in einer Ära des Umbruchs zur Moderne
besonders gepflegten und zutage tretenden Orgel- und Organistenmythos
verbirgt sich die Tendenz, in dem polyphonen Kultinstrument bevorzugt
Garant und Symbol einer durch die christliche Tradition verbürgten
Kontinuität und Stabilität zu sehen, gewissermaßen das
Verbindungsscharnier zu einer verloren geglaubten, verklärten
Vergangenheit. Reger hat für die Orgelmusik Unermessliches geleistet und
nach Bach das umfangreichste und gewichtigste Korpus an Orgelmusik in
Deutschland hinterlassen. Sein Orgelschaffen erzielte um die
Jahrhundertwende eine kolossale Wirkung, die sich ebenso einer Sichtweise
verdankte, wonach die eminenten technischen Schwierigkeiten dieser Musik
überhaupt nur von einem überragenden, dezidiert pianistisch geschulten
Orgelvirtuosen (Liszt) hätten ersonnen und notiert werden können.
Reger bedurfte des
Mythos „Orgel" in mehrfacher Hinsicht, um sich in seiner Zeit
kompositorisch durchzusetzen. Mit seinem Namen verbindet sich automatisch
jedoch auch jene Kompositionstradition, welche die Formen- und
Gedankenwelt Johann Sebastian Bachs um 1900 zu einer neuen und ungeahnten
Blüte gelangen ließ. Carl Dahlhaus sah in der spätromantischen
Bachadaption und -rezeption vor allem den Versicherungs- und
Beglaubigungszwang hinsichtlich derjenigen musikalischen Realität, die
der Epoche als ästhetische Leitidee vorschwebte. Mit den politischen,
soziologischen, religiösen und psychologischen Krisenerfahrungen des
beginnenden 20. Jahrhunderts wächst gleichzeitig die Tendenz, sich bei
Bach des stabilen Grundes einer
absoluten (kontrapunktischen) Instrumentalmusik zu versichern, die sich in
ihrer Wirkung und dem geistigen Anspruch nach zum Übersprachlichen, zu
einer Ahnung des Unendlichen und Absoluten (Dahlhaus) erhebt.
In den Jahren 1902/03 ist
Max Reger als Bearbeiter von insgesamt dreißig Klavierkompositionen
Johann Sebastian Bachs für die Orgel hervorgetreten. Aus dem
umfangreichen bachschen Klavierwerk wählte er fünfzehn Toccaten,
Präludien und Fantasien einschließlich der dazugehörigen Fugen,
darunter auch die wohl bekannteste: Chromatische Fantasie und Fuge.
Zusätzlich arbeitete er alle fünfzehn Zweistimmigen Inventionen in
dreistimmige Trios mit (obligatem) Pedal um. Mit seinen Bach-Bearbeitungen
erweist sich Reger als Kenner und spätromantischer Exeget der
Klaviermusik J.S. Bachs. Er versteht es, die erweiterten klanglichen wie
spieltechnischen Möglichkeiten der damals modernen Orgel zur
strukturellen Veranschaulichung des barocken polyphonen Satzes
einzusetzen. Als Reger im Frühjahr 1 890 seine Studien bei Hugo Riemonn
begann, arbeitete dieser an einer ausführlichen Analyse und Neuausgabe
von Bachs Wohltemperiertem Klavier. Für Regers Bearbeitungen der
Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier für die Orgel
bildete das von Riemann vermittelte Formverständnis die Grundlage. Über
das auf dieser CD eingespielte Praeludium und Fuge in cis-Moll schreibt
Riemann: ... diese beiden Stücke gehören zu dem Wertvollsten und
Erhabensten, das die Musikliteratur aufzuweisen hat. Das ernste,
schwermütige cis-Moll nimmt im Praeludium den Ausdruck großen, edlen
Empfindens voll Energie und Tiefe an ... Die Fuge (fünfstimmig) baut sich
gleich einem gewaltigen Dome auf, bis zu Ende sich immer mehr steigernd
und zuletzt... von geradezu erschütternder Macht. Die von Riemann
vorgetragene Typisierung des barocken Präludiums als „Charakterstück"
sowie der Fuge als „Steigerungsform" hat auch auf Reger als
Bach-Bearbeiter vorbildhaft gewirkt. Während Reger den originalen
Notentext Bachs in der Fuge unverändert
übernimmt und lediglich einer besseren Transparenz des polyphonen
Stimmengeflechts wegen einzelne Themenexpositionen und deren unmittelbare
Fortspinnung auf speziellen Manualen gespielt wissen will, greift er im
Präludium in die ursprüngliche Substanz ein, indem er zusätzliche
Stimmen erfindet und zum Teil über längere Phrasen hinzufügt, um die
barocke Satzstruktur entsprechend den eigenen, orchestral bestimmten
Idealvorstellungen klanglich anzureichern oder polyphonisch zu verdichten.
In analoger Monier verfährt er auch bei seinen übrigen
Orgel-Bearbeitungen bachscher Klavierstücke:
Die
In analoger Weise erfährt
das Phrasierungsprogramm einen hohen Differenzierungsgrad. Eingriffe in
die originale Faktur des Notentextes finden sich niemals in den Fugen,
sondern wenn überhaupt-ausschließlich in den freien Formen. Reger wollte
als komponierender Pianist der Orgel neue und dennoch „authentische"
Bach-Werke schenken und somit das Repertoire des konzertierenden
Organisten anreichern. Die dabei entstandenen Übertragungen leisten
gewiss mehr als eine puristische Reformulierung des Klaviertexts unter
orgelspezifischen Elementargesichtspunkten bzw. -bedürfnissen.
Von ganz anderer Art sind
indes die kammermusikalisch gehaltenen Bearbeitungen der fünfzehn
Zweistimmigen Inventionen als Schule des Triospiels. Diese wollte er unter
pädagogischen Prämissen verstanden wissen und den angehenden Organisten
nachdrücklich auf das oft arg vernachlässigte Triospiel für die Orgel
hinzuweisen, um bei ihm die absolute Unabhängigkeit der beiden Hände,
voneinander wie von der Führung des Pedals, zu erreichen (Reger im
Vorwort). Wie das Wohltemperierte Klavier hatte Reger auch die inventionen
in der Riemannschen Ausgabe kennengelernt. Für seine Bearbeitungen
übernahm er den bachschen Notentext insofern, als er grundsätzlich den
originalen Diskant der rechten Hand auf dem ersten Manual und den
originalen Bass dem Pedal zuwies. Dazu komponierte er eine dritte, frei
imitierende Stimme, die in mittlerer Lage von der linken Hand auf dem
zweiten Manual zu spielen ist. Der Leipziger Thomasorganist und
Regerfreund Karl Straube fügte diesen Bearbeitungen als Mitherausgeber
seinerseits Finger- und Fußsätze bei.
Für den heutigen Orgelspieler
gestaltet sich die Aufführung von Regers Bearbeitungen unter veränderten
ästhetischen Voraussetzungen durchaus als lohnendes Unterfangen, wobei
ein Vorteil auch darin liegen mag, dass Regers Bach-Bearbeitungen dem
heutigen Interpreten die Möglichkeit bieten, originäre bachsche Musik
auf der Orgel im authentischen romantischen Klanggewand zu interpretieren,
ohne sich gleich dem Vorwurf aufführungspraktischer Ahnungslosigkeit
aussetzen zu müssen. Die charakteristischen Formen der barocken
Tastenmusik verwandeln sich unter der kundigen Satz- und Klangregie Regers
zu respektablen sinfonischen Miniaturen, die Inventionen zu intelligenten
Orgel-Etüden mit kammer-musikalischer Intention.
Wolfram Adolph