17.Juli 2001 

Irenee Peyrot spielt Klavierwerke J.S.Bachs, 

für die Orgel bearbeitet von Max Reger

an der Walcker-Orgel im Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen

 

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Deckblatt  Programm Disposition der Orgel
Der Interpret.jpg (99906 Byte)der Interpret

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Das Booklett stellt eine außergewöhnlich gut bearbeiteten  und durchdachten Text dar, der hier in kompletter Fülle wiedergegeben wird :

 

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Das Repertoire

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Das Instrument

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The Repertoire (english)

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The instrument (english)

Das Repertoire

Die Orgel hat sich Max Regers bekanntlich in unverhältnismäßiger Weise bemächtigt, und zwar aus doppeltem Grund: Einerseits waren es die konzertierenden Organisten, die Regers Musik begeistert begrüßten und ihn selbst nach 1945 noch während der Nachkriegsjahre treu an die Spitzen ihrer Konzertplakate setzten; andererseits waren es speziell die Orgelwerke, die Regers Reputation um 1900 in der Musikwelt schlagartig anwachsen ließen. Hinter dem im Falle Regers in einer Ära des Umbruchs zur Moderne besonders gepflegten und zutage tretenden Orgel- und Organistenmythos verbirgt sich die Tendenz, in dem polyphonen Kultinstrument bevorzugt Garant und Symbol einer durch die christliche Tradition verbürgten Kontinuität und Stabilität zu sehen, gewissermaßen das Verbindungsscharnier zu einer verloren geglaubten, verklärten Vergangenheit. Reger hat für die Orgelmusik Unermessliches geleistet und nach Bach das umfangreichste und gewichtigste Korpus an Orgelmusik in Deutschland hinterlassen. Sein Orgelschaffen erzielte um die Jahrhundertwende eine kolossale Wirkung, die sich ebenso einer Sichtweise verdankte, wonach die eminenten technischen Schwierigkeiten dieser Musik überhaupt nur von einem überragenden, dezidiert pianistisch geschulten Orgelvirtuosen (Liszt) hätten ersonnen und notiert werden können.

Reger bedurfte des Mythos „Orgel" in mehrfacher Hinsicht, um sich in seiner Zeit kompositorisch durchzusetzen. Mit seinem Namen verbindet sich automatisch jedoch auch jene Kompositionstradition, welche die Formen- und Gedankenwelt Johann Sebastian Bachs um 1900 zu einer neuen und ungeahnten Blüte gelangen ließ. Carl Dahlhaus sah in der spätromantischen Bachadaption und -rezeption vor allem den Versicherungs- und Beglaubigungszwang hinsichtlich derjenigen musikalischen Realität, die der Epoche als ästhetische Leitidee vorschwebte. Mit den politischen, soziologischen, religiösen und psychologischen Krisenerfahrungen des beginnenden 20. Jahrhunderts wächst gleichzeitig die Tendenz, sich bei Bach des stabilen Grundes einer absoluten (kontrapunktischen) Instrumentalmusik zu versichern, die sich in ihrer Wirkung und dem geistigen Anspruch nach zum Übersprachlichen, zu einer Ahnung des Unendlichen und Absoluten (Dahlhaus) erhebt.

In den Jahren 1902/03 ist Max Reger als Bearbeiter von insgesamt dreißig Klavierkompositionen Johann Sebastian Bachs für die Orgel hervorgetreten. Aus dem umfangreichen bachschen Klavierwerk wählte er fünfzehn Toccaten, Präludien und Fantasien einschließlich der dazugehörigen Fugen, darunter auch die wohl bekannteste: Chromatische Fantasie und Fuge. Zusätzlich arbeitete er alle fünfzehn Zweistimmigen Inventionen in dreistimmige Trios mit (obligatem) Pedal um. Mit seinen Bach-Bearbeitungen erweist sich Reger als Kenner und spätromantischer Exeget der Klaviermusik J.S. Bachs. Er versteht es, die erweiterten klanglichen wie spieltechnischen Möglichkeiten der damals modernen Orgel zur strukturellen Veranschaulichung des barocken polyphonen Satzes einzusetzen. Als Reger im Frühjahr 1 890 seine Studien bei Hugo Riemonn begann, arbeitete dieser an einer ausführlichen Analyse und Neuausgabe von Bachs Wohltemperiertem Klavier. Für Regers Bearbeitungen der Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier für die Orgel bildete das von Riemann vermittelte Formverständnis die Grundlage. Über das auf dieser CD eingespielte Praeludium und Fuge in cis-Moll schreibt Riemann: ... diese beiden Stücke gehören zu dem Wertvollsten und Erhabensten, das die Musikliteratur aufzuweisen hat. Das ernste, schwermütige cis-Moll nimmt im Praeludium den Ausdruck großen, edlen Empfindens voll Energie und Tiefe an ... Die Fuge (fünfstimmig) baut sich gleich einem gewaltigen Dome auf, bis zu Ende sich immer mehr steigernd und zuletzt... von geradezu erschütternder Macht. Die von Riemann vorgetragene Typisierung des barocken Präludiums als „Charakterstück" sowie der Fuge als „Steigerungsform" hat auch auf Reger als Bach-Bearbeiter vorbildhaft gewirkt. Während Reger den originalen Notentext Bachs in der Fuge unverändert übernimmt und lediglich einer besseren Transparenz des polyphonen Stimmengeflechts wegen einzelne Themenexpositionen und deren unmittelbare Fortspinnung auf speziellen Manualen gespielt wissen will, greift er im Präludium in die ursprüngliche Substanz ein, indem er zusätzliche Stimmen erfindet und zum Teil über längere Phrasen hinzufügt, um die barocke Satzstruktur entsprechend den eigenen, orchestral bestimmten Idealvorstellungen klanglich anzureichern oder polyphonisch zu verdichten. In analoger Monier verfährt er auch bei seinen übrigen Orgel-Bearbeitungen bachscher Klavierstücke: 

Die

In analoger Weise erfährt das Phrasierungsprogramm einen hohen Differenzierungsgrad. Eingriffe in die originale Faktur des Notentextes finden sich niemals in den Fugen, sondern wenn überhaupt-ausschließlich in den freien Formen. Reger wollte als komponierender Pianist der Orgel neue und dennoch „authentische" Bach-Werke schenken und somit das Repertoire des konzertierenden Organisten anreichern. Die dabei entstandenen Übertragungen leisten gewiss mehr als eine puristische Reformulierung des Klaviertexts unter orgelspezifischen Elementargesichtspunkten bzw. -bedürfnissen.

Von ganz anderer Art sind indes die kammermusikalisch gehaltenen Bearbeitungen der fünfzehn Zweistimmigen Inventionen als Schule des Triospiels. Diese wollte er unter pädagogischen Prämissen verstanden wissen und den angehenden Organisten nachdrücklich auf das oft arg vernachlässigte Triospiel für die Orgel hinzuweisen, um bei ihm die absolute Unabhängigkeit der beiden Hände, voneinander wie von der Führung des Pedals, zu erreichen (Reger im Vorwort). Wie das Wohltemperierte Klavier hatte Reger auch die inventionen in der Riemannschen Ausgabe kennengelernt. Für seine Bearbeitungen übernahm er den bachschen Notentext insofern, als er grundsätzlich den originalen Diskant der rechten Hand auf dem ersten Manual und den originalen Bass dem Pedal zuwies. Dazu komponierte er eine dritte, frei imitierende Stimme, die in mittlerer Lage von der linken Hand auf dem zweiten Manual zu spielen ist. Der Leipziger Thomasorganist und Regerfreund Karl Straube fügte diesen Bearbeitungen als Mitherausgeber seinerseits Finger- und Fußsätze bei.

Für den heutigen Orgelspieler gestaltet sich die Aufführung von Regers Bearbeitungen unter veränderten ästhetischen Voraussetzungen durchaus als lohnendes Unterfangen, wobei ein Vorteil auch darin liegen mag, dass Regers Bach-Bearbeitungen dem heutigen Interpreten die Möglichkeit bieten, originäre bachsche Musik auf der Orgel im authentischen romantischen Klanggewand zu interpretieren, ohne sich gleich dem Vorwurf aufführungspraktischer Ahnungslosigkeit aussetzen zu müssen. Die charakteristischen Formen der barocken Tastenmusik verwandeln sich unter der kundigen Satz- und Klangregie Regers zu respektablen sinfonischen Miniaturen, die Inventionen zu intelligenten Orgel-Etüden mit kammer-musikalischer Intention.

Wolfram Adolph

 

Das Instrument

Die große Konzertsaalorgel im Hans-Sachs-Haus zu Gelsenkirchen wurde 1927 als Opus 2150 durch die renommierte Orgelbauanstalt E.F. Walcker & Cie., Ludwigsburg, unter der Leitung von Dr. Oskar Waicker errichtet. Mit über 100 Registern umfasste sie ein großdisponiertes Hauptwerk und vier Schwellwerke (Positiv, Recit expressif, Solo, Fernwerk) sowie Pedalwerk. Erst in den siebziger Jahren baute man das Fernwerk aus, das jedoch zum baldigen Wiedereinbau vorgesehen ist. Dieses große Konzertinstrument (Manualumfänge: C-c"") lässt sich anhand der dispositionellen, spät- bzw. nachromantischen Stilistik und des Erbauungsjahrs den ästhetischen Zielen der Elsässischen Orgelreform zuordnen. Nunmehr rund 75 Jahre alt, steht die WaIcker-Orgel im Hans-Sachs-Haus heute unter Denkmalschutz und kann somit bereits als „historisches" Dokument ihrer Erbauungszeit, eines der seltenen, nahezu vollständig erhaltenen Zeugnisse der orgelbaulich bedeutsamen zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, betrachtet werden. Die Konzeption des Hans-Sachs-Hauses sah von Anfang an eine stattliche Saalorgel vor, ausgehend von der Idee eines modernen Bürgerzentrums für Handel, Gewerbe und Verwaltung mit einem integrierten Konzertsaal zur Musikpflege. Die ambitionierte Bauhausarchitektur des ganzen Baukörpers, des Saales und der sehr viel Raum in Anspruch nehmenden Orgel ist genau aufeinander abgestimmt. Der Idee dieser Konzeption folgend wurde bewusst auf einen konventionellen, sichtbaren Orgelprospekt verzichtet und das Orgelwerk in seiner natürlichen Bauweise als „Werk-Orgel" belassen. Es entstand eine Orgel mit einem mächtigen, charakteristisch-grundtönigen Klangfundament auf 32'-Grundlage, mit den typischen Kraft und Glanz spendenden Walckerzungen der Vorkriegszeit, die das Klangfundament ihrerseits beträchtlich ausdehnen. 75 Jahre Orgelgeschichte sind an dem einst als „Wunderorgel" gepriesenen Instrument nicht spurlos vorbeigegangen. Die mittlerweile verschlissene Technik erzwang Restaurierungen. Die alte elektropneumatische Traktur wurde 1982 durch eine dem damaligen Stand modernster Technik entsprechende elektronische Anlage, einschließlich einem modernen Spieltisch mit Setzerkombinationen und Spielhilfen, ersetzt. Die vergleichsweise unzuverlässigen Taschenloden wurden durch mechanische Schleifladen ersetzt. Der historische Pfeifenbestand der Orgel blieb in seiner Substanz so gut wie unangetastet und ist somit bis heute original erhalten geblieben. Das Instrument genießt als nachgerade ideale Reger-Orgel in Fachkreisen hohe Reputation und dient der Stadt Gelsenkirchen regelmäßig als Austragungsinstrument des renommierten internationalen Orgelwettbewerbs Gelsenkirchen.

Wolfram Adolph

 

 

Impressum : 

Besitzer : Orgelbau Gerhard Walcker-Mayer

G. Walcker-Mayer (gwm) gewalcker@t-online.de

Telefon 0049 6805 - 2974 oder 0049 170 9340 126

Telefax 0049 6805 91 3974