eingefügt am 20.1.2006

 

Stille, kalte Tage in Kamionka

Reisebericht aus „polnisch“ Sibirien   Gerhard Walcker-Mayer Jan.2006

„Hier ist Sibiria, Gerhard“, sagt Piotr, wenn mich die kalten Füße an wärmere Tage erinnern, bei lächerlichen 4 bis 5 Grad unter Null, aber schlechter Heizung und Zugluft im Automobil. Polen, Warschau und Reisen im östlichen Polen ist heute jedoch für empfindliche Westnaturen leichter denn je.

In drei Tagen sind wir über 1000km gefahren, auf eisglatten Straßen oft, die jetzt allerdings schon Europa-Niveau angenommen haben. Die  großen gefürchteten, tiefen Schlaglöcher gibt es nur noch auf Nebenstraßen Es kommen uns kaum noch unbeleuchtete Eselsfuhrwerke entgegen oder verirrte Ziegen, allerdings Fußgänger und Fahrradfahrer. Oder von Schneelasten gebrochene Äste liegen auf den Straßen manchmal herum. Viele Radarkontrollen gibt es. Aber die polnische Landschaft in Schnee gebettet, riesige Wälder rechts und links der Straßen, entschädigen für viele Verwerfungen. Das Auge kann ausruhen, in der unendlichen Weite nach Osten. Tannen-und Birkenwälder säumen den Weg und ab und zu eine kleine Siedlung mit unaussprechlichen Namen, sie geleiten uns nach Kamionka, das für mich seit zehn Jahren, als ich zum ersten mal hier in der Nähe Lublins war, einen besonderen Klang und Glanz angenommen hat. Damals war Sommer, die große Walcker-Orgel in der Musikhochschule in Warschau wurde gerade montiert. Mais- und Weizenfelder waren abgeerntet, und in der Luft lag ein würziger sonnenreiner Duft aus Kraut und Weizen. Heute dringt nebliger, braunkohlegesättigter Rauch ins Fahrzeug. Frisch geputzte und dampfend warme Restaurants trifft man an, die mit Konservensalaten und panierten Hühnerbrüsten aufwarten. Speisen die schnell gekocht und verzehrt sind.

Mitten in dieser landschaftlichen Pracht steht das von den Fürsten Zamoyski gebaute Schloss, deren Adelsgeschlecht auf Jan Zamoyski (1542-1605) zurückgeht. Ihren kulturellen Höhepunkt fand diese Familie in Konstanty Zamoyski (1846-1923), der in Warschau geboren wurde und seine Jugend in Frankreich verbrachte, und dessen Kultur er absorbierte. Ab 1880 legte Konstanty Park und Schloßanlage nach französischen Vorbildern in Kozlówka an, das ist der Ortsteil hinter Kamionka. Und gegen 1905 wurden die Türme und eine Kirche gebaut, in die 1907 eine Walcker-Orgel eingebaut wurde. Dieses Instrument hat uns hierher geführt. Schloss und Kirche werden seit 1990 systematisch restauriert. Der jetzige Schlossherr Krystof Kornacki erläutert uns in einem ausführlichen Gespräch seine Pläne und auch die Widrigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat. Die Musikbegeisterung teilt er mit dem ehemaligen Fürsten. Dies zeigt der Ankauf eines wunderschönen Harmoniums aus 1856 aus Frankreich. Der polnische Name für das Harmonium ist aus dem Französischen abgeleitet und ist "Physharmonica".

Konstanty Zamoyski bestellte 1906 die Walcker-Orgel mit einer Organola, um selbst die Messe an der Orgel begleiten zu können. Mit über 1500 Organola-Rollen im Schloß dürfte es sich hier in Kamionka um das größte Archiv jener Rollen handeln. Die Disposition der Orgel ist bereits elässisch beeinflußt und komplett in französisch ausgeführt. Das Echowerk ist auf dem Dachboden und wurde rein pneumatisch mit sehr langen Bleirohren angespielt. Die Orgel hat nie einen Motor besessen. Ein großes handbetriebenes Rad war mit Transmissionsriemen am Hauptmagazinbalg angeschlossen. Strom gab es auf dem Schloss erst in den 1950er Jahren. Alle Kegelladen samt Pfeifenwerk, mit Außnahme der Prospektpfeifen, sind um 1956 spurlos verschwunden. Der damalige Direktor soll danach Selbstmord verübt haben. Mythos Koslowka entstand. In den Bauernschenken soll man sich mit viel Wodka im Bier geheimnisvoll zugeprostet haben.

1907 wurde die Walcker-Orgel geliefert und eingebaut. Der erste Weltkrieg folgte und danach der Polnisch-Sowietische Krieg (1919-1921). Die unruhige Geschichte danach bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges und der Verschleppung der Zamoyskis durch Deutsche in Konzentrationslager und die spätere Vertreibung aus dem Land durch die Kommunisten, zeigen, wie leidvoll der Weg dieses Geschlechts in der europäischen Geschichte war. Letzte Nachfahren sind in den USA und Kanada. Ist es Zufall oder Schicksal, dass mir Marguerite Yourcenars wundervolles Buch "Der Fangschuß" ins Marschgepäck fiel, das die Geschichte des deutschen Offiziers beschreibt, der etwas weiter im Norden in Kratovice bei Reval gegen die Rotarmisten kämpfte. Ja, Der Weltkrieg ging in dieser Region weiter, bis 1921. Die Orgel hat all diese Unruhen überlebt, wurde aber doch am Ende mit der bäuerischer Ignoranz von kulturlosen Bürokraten erschlagen. Nun gilt es eine Rekonstruktion der Orgel anzugehen.

Auch unsere Reise in Polen ging weiter, hoch nach Olsztyn, das früher Allenstein hieß, also preussisch war, und das Tor darstellt nach Litauen, Lettland, Estland und Weissrussland. Hier in der Kathedrale treffe ich auf den Orgelbauer Bernard aus Vilnius, der hier eine mechanische Kegelladenorgel aus 1880 ausreinigt. Ich darf das Instrument spielen und freue mich an einem herrlichen Principal 8' und einer schönen Gambe. Wir vereinbaren eine globale Zusammenarbeit mit Piotr Duda, Bernard und Walcker in Sachen Walcker-Orgeln in Kaunas und Lettland. Auch in Lettland haben ich eine alte Bekanntschaft mit dem Orgelbauer Tint. Hier in Allenstein finde ich rasch in eines der besten Restaurants Polen, ins Staromiejska, wo ein grandioses Menue, zu dem ich Orgelbauer und Organist einlade, mit besten Salaten, exquisiten Kartoffeln, Zupa krema, Kalbsmedaillon mit Früchten, leichten Rotwein und Kuchen, zu schönen Gesprächen Anlass geben. Zur russischen Grenze sind es gerade mal noch 120 km. Die niederen Temperaturen hier lassen uns das riesige Gebiet im Osten erahnen, den kalten Winter und den Wahnsinnsfeldzug verrückter Faschisten.

Zurück in Warschau. Hier hat sich eine neue Kirche breit gemacht, mit pompösen Tempeln, wie wir uns das selbst im Westen nur vage vorstellen können. Es ist die Kirche der Vereinigten Konsumtempler, bestehend aus "Real", "Mediamarkt", "Praktiker", "OBI", "Pizzahut", "Mal-Donaldo", "Lidl" und wie sie weiter alle heißen mögen. In einer Dimension, wie ich es noch nie bei uns gesehen habe. Vielleicht ein Grund mehr, diese Entwicklung aus anderer Perspektive genauer und klarer zu sehen, in einem Land das dieser prallen Wucht von Konsum-Terror, in der derzeitigen Lage kaum gewachsen zu sein scheint. Vielleicht nutzen die "Terror-Riesen" noch jene brachliegende Unschuld der Polen, um sie umso brutaler und gnadenloser einzusacken, als es je in irgendeinem anderen Land geschah. Der Sonnstagsspaziergang der Warschauer findet also nicht mehr in den anliegenden Parks statt, sondern in einem der 5 Riesentempel, die alle sieben Tage der Woche geöffnet haben. Die Kettenhunde, die vorgelegten Banken, versprechen optimalste Groß- und Klein-Kredite, und man kann absehen, wie schnell die mit immerhin 18% Arbeitslosen ausgestattete polnische Bevölkerung in die totale Schuldenfalle tappt und von Tag zu Tag abhängiger wird vom amerikanischen "way of life". Wieviele Bürger dann nochmal in die "andere" Kirche gehen, oder dieser ganz den Rücken zu kehren, scheint eine Frage der Zeit zu sein. Ob es gut für Polen ist, einem Volk, das zwei unterschiedliche Worte hat für "gut", nämlich das "gut", wie wir es kennen und einem "gut", das aus dem Herzen kommt, diese Frage ist für mich schon beantwortet.

Orgelmusik in Polen hat immer etwas mit Aktualität zu tun, ist nie wie es sich bei uns entwickelt hat, zu einer kastenmäßig separierten Sache geworden, wo man gar nie auf die Idee gekommen wäre, es sterilisiert im Konzertsaal aufzubewahren und die sich auflösende Metaphysik oder Religion gar als Belastung zu empfinden. Das ist ein typisch deutscher Effekt, der auf Eigenschaften von Gründlichkeit und verquerter Vernunftmässigkeit beruht (Kant aus Kaliningrad, 150 km von Allenstein entfernt, lässt grüßen: "...aber so habe ich es mir doch nicht gedacht"). In Polen finden wir in jeder größeren Stadt eine Musikhochschule, und wir finden eine breite Basis von modernen Orgelkomponisten, wovon Henryk Mikołaj Gorecki, Krystof Penderecki, Nowowieski, Szymanowski, Surzynski und Marian Sawa die auch bei uns bekanntere Spitzenpositionen darstellen. Wie auch in den drei nördlichen baltischen Staaten kann Polen damit ein deutliches kulturelles Schaffen bezeugen, was es bei uns in dieser Form nicht gibt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat bei uns der amerikanische Technokratismus voll zugegriffen, bei den Polen und Balten geschieht dies erst heute. Das mag ein Grund dafür sein. Die Thesen von Martin Heidegger und Günther Anders, dass die kulturelle Verwüstung durch westliche wie östliche Doktrinen und Unterwerfungen unter die Technokratien dasselbe Ausmaß annehmen, scheint hiermit eindeutig widerlegt zu sein. Wir haben bis zur Wende 1990 eine klare und eindeutige Vorherrschaft des Osten in Sachen Schaffen und Musikkultur. Momentan erleben wir ja die Gewichtungverschiebung in Richtung "Ferner Osten", allerdings betrifft das ausschließlich die Musikinterpretation.

An der Person und dem Schaffen Marian Sawas, der in Polen fast wie ein Heiliger verehrt wird, erkennen wir im Westen, was uns an Persönlichkeiten fehlen. Michael F. Runwoski schreibt in seinem Nachruf in der letzten ARS ORGANI, (...) sondern auch wegen seines freundlichen Wesens, seiner gütigen Ausstrahlung und menschlichen Wärme (...) Werte also, die in Polen noch eine hohe Wertigkeit besitzen und über die man offen spricht. Sie gelten auch bei uns, aber kein Mensch redet darüber. Wir sollten beginnen jene Tugenden wieder neu zu mobilisieren, anstatt uns über belanglose technische Details  zu ereifern und ganze Forumsdebatten über solcherlei Unnötigkeiten, sprich Eitelkeiten zu führen. Der Mensch wird hierbei zum Tier, und zwar zum Hahn, der ununterbrochen kräht. Noch gilt, dass der Mensch und seine Würde, seine Arbeit, sein Wesen und sein Wille in einer allseits akzeptierten Welt angenommen wird und einen Wert darstellt, der über alle äußeren Dinge steht. Der menschliche Wert darf nie von technischer oder dinglicher Warte her bemessen oder qualifiziert werden. Wer allerdings die hochroten Köpfe auf allen möglichen Diskussionsforen schwatzen sieht, kann sich des Eindrucks nicht verwehren, dass hier nun eine Dimension aufbricht, die sich nur noch "technisch" vom 'Faschismus vergangener Tage unterscheidet. Auch hier sind bereits "ethische Säuberungen" im Gange, hier werden bereits Grenzziehungen vorgenommen, wer, wann und wie ausgeschlossen werden soll. Man kann nicht deutlich genug vor diesem heraufziehendem "Technofaschismus" warnen.

Die große Walcker-Orgel im Konzertsaal der Musikakademie in Warschau feiert in diesem Jahr ihr 10jähriges Bestehen. Wir werden mit unseren polnischen Freunden dies zum Anlass nehmen, eine Ausstellung in den Räumen der Akademie zu veranstalten und über die historischen Quellen der Firma Walcker berichten. Es ist hier in der Akademie eine Orgel, die oft 20 Stunden und mehr am Tag gespielt wird, und die nach Auskunft eines Orgel-Professors bereits 100 Jahre einer normalen Orgel hinter sich hat. Sie ist nicht nur ein mustergültiges Unterrichtsinstrument, das alle Studierzwecke erfüllt, sondern sie ist auch ein klanglich sehr interessantes Werk, das einige der ausgefallenen Effekte der Sinziger-Orgel übernommen hat, und die hier immer wieder ihre Anwendung finden. So werden hier Xylophon, Psalterium, Mixturensetzer ganz selbstverständlich verwendet, wie andere Register oder Spielhilfen. Auf diese Orgel sind wir als ihre Erbauer sehr stolz, und wir sind sehr froh in Piotr Duda eine ausgezeichnete Pflegekraft für dieses Instrument gefunden zu haben. Neben dieser Orgel wurde von Walcker noch eine Truhenorgel geliefert und zweimanualige Orgel für den kleinen Konzertsaal. 

Orgelportrait der großen Walcker-Orgel im Konzertsaal (980kb PDF)

zum Gedenken an Marian Sawa hier ein Auszug seines grandiosen apokalyptischen Teufelsritts oder der Tanz auf einer Höllenmaschine:

Auszug aus Fuga Bolero als MP3 file

 

 

 

erfrorene Rose im Park von Kamionka

erfrorene Rose im Park von Kamionka

 

Emilia  an der Geige

 

Warschau

 

eine Toteninsel

 

 

gwm 07.01.2006

 

 

 

 

 

 

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