Stille,
kalte Tage in Kamionka
Reisebericht aus „polnisch“
Sibirien
Gerhard Walcker-Mayer Jan.2006

„Hier
ist Sibiria, Gerhard“, sagt Piotr, wenn mich die kalten Füße an wärmere Tage
erinnern, bei lächerlichen 4 bis 5 Grad unter Null, aber schlechter Heizung
und Zugluft im Automobil. Polen, Warschau und Reisen im östlichen Polen ist
heute jedoch für empfindliche Westnaturen leichter denn je.
In drei Tagen
sind wir über 1000km gefahren, auf eisglatten Straßen oft, die jetzt
allerdings schon Europa-Niveau angenommen haben. Die großen gefürchteten,
tiefen Schlaglöcher gibt es nur noch auf Nebenstraßen Es kommen uns kaum
noch unbeleuchtete Eselsfuhrwerke entgegen oder verirrte Ziegen, allerdings
Fußgänger und Fahrradfahrer. Oder von Schneelasten gebrochene Äste liegen
auf den Straßen manchmal herum. Viele Radarkontrollen gibt es.
Aber die polnische Landschaft in Schnee gebettet, riesige Wälder rechts und
links der Straßen, entschädigen für viele Verwerfungen. Das Auge kann
ausruhen, in der unendlichen Weite nach Osten. Tannen-und Birkenwälder
säumen den Weg und ab und zu eine kleine Siedlung mit unaussprechlichen
Namen, sie geleiten uns nach Kamionka, das für mich seit zehn Jahren, als
ich zum ersten mal hier
in der Nähe Lublins war, einen besonderen Klang und Glanz angenommen hat.
Damals war Sommer, die große Walcker-Orgel in der Musikhochschule in
Warschau wurde gerade montiert. Mais- und Weizenfelder waren abgeerntet, und
in der Luft lag ein würziger sonnenreiner Duft aus Kraut und Weizen. Heute
dringt nebliger, braunkohlegesättigter Rauch ins Fahrzeug. Frisch geputzte
und dampfend warme Restaurants trifft man an, die mit Konservensalaten und
panierten Hühnerbrüsten aufwarten. Speisen die schnell gekocht und verzehrt
sind.
Mitten
in dieser landschaftlichen Pracht steht das von den Fürsten Zamoyski gebaute
Schloss, deren Adelsgeschlecht auf Jan Zamoyski (1542-1605) zurückgeht.
Ihren kulturellen Höhepunkt fand diese Familie in Konstanty Zamoyski
(1846-1923), der in Warschau geboren wurde und seine Jugend in Frankreich
verbrachte, und dessen Kultur er absorbierte. Ab 1880 legte Konstanty Park
und Schloßanlage nach französischen Vorbildern in Kozlówka an, das ist
der
Ortsteil hinter Kamionka. Und gegen 1905 wurden die Türme und eine Kirche
gebaut, in die 1907 eine Walcker-Orgel eingebaut wurde. Dieses Instrument
hat uns hierher geführt. Schloss und Kirche werden seit 1990 systematisch
restauriert. Der jetzige Schlossherr Krystof Kornacki erläutert uns in einem
ausführlichen Gespräch seine Pläne und auch die Widrigkeiten, mit denen er
zu kämpfen hat. Die Musikbegeisterung teilt er mit dem ehemaligen Fürsten.
Dies zeigt der Ankauf eines wunderschönen Harmoniums aus 1856 aus
Frankreich. Der polnische Name für das Harmonium ist aus dem Französischen
abgeleitet und ist "Physharmonica".
Konstanty Zamoyski bestellte 1906 die Walcker-Orgel mit einer Organola, um
selbst die Messe an der Orgel begleiten zu können. Mit über 1500
Organola-Rollen im Schloß dürfte es sich hier in Kamionka um das größte
Archiv jener Rollen handeln. Die Disposition der Orgel ist bereits elässisch
beeinflußt und komplett in französisch ausgeführt. Das Echowerk ist auf dem
Dachboden und wurde rein pneumatisch mit sehr langen Bleirohren angespielt.
Die Orgel hat nie einen Motor besessen. Ein großes handbetriebenes Rad war
mit Transmissionsriemen am Hauptmagazinbalg angeschlossen. Strom gab es auf
dem Schloss erst in den 1950er Jahren. Alle Kegelladen samt Pfeifenwerk, mit
Außnahme der Prospektpfeifen, sind um 1956 spurlos verschwunden. Der
damalige Direktor soll danach Selbstmord verübt haben. Mythos Koslowka
entstand. In den Bauernschenken soll man sich mit viel Wodka im Bier
geheimnisvoll zugeprostet haben.
1907
wurde die Walcker-Orgel geliefert und eingebaut. Der erste Weltkrieg folgte
und danach der Polnisch-Sowietische Krieg (1919-1921). Die unruhige
Geschichte danach bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges und der
Verschleppung der Zamoyskis durch Deutsche in Konzentrationslager und die
spätere Vertreibung aus dem Land durch die Kommunisten, zeigen, wie leidvoll
der Weg dieses Geschlechts in der europäischen Geschichte war. Letzte
Nachfahren sind in den USA und Kanada. Ist es Zufall oder Schicksal, dass
mir Marguerite Yourcenars wundervolles Buch "Der Fangschuß" ins Marschgepäck
fiel, das die Geschichte des deutschen Offiziers beschreibt, der etwas
weiter im Norden in Kratovice bei Reval gegen die Rotarmisten kämpfte. Ja,
Der Weltkrieg ging in dieser Region weiter, bis 1921. Die Orgel hat all
diese Unruhen überlebt, wurde aber doch am Ende mit der bäuerischer Ignoranz
von kulturlosen Bürokraten erschlagen. Nun gilt es eine Rekonstruktion der
Orgel anzugehen.
Auch
unsere Reise in Polen ging weiter, hoch nach Olsztyn, das früher Allenstein
hieß, also preussisch war, und das Tor darstellt nach Litauen, Lettland,
Estland und Weissrussland. Hier in der Kathedrale treffe ich auf den
Orgelbauer Bernard aus Vilnius, der hier eine mechanische Kegelladenorgel
aus 1880 ausreinigt. Ich darf das Instrument spielen und freue mich an einem
herrlichen Principal 8' und einer schönen Gambe. Wir vereinbaren eine
globale Zusammenarbeit mit Piotr Duda, Bernard und Walcker in Sachen
Walcker-Orgeln in Kaunas und Lettland. Auch in Lettland haben ich eine alte
Bekanntschaft mit dem Orgelbauer Tint. Hier in Allenstein finde ich rasch in
eines der besten Restaurants Polen, ins Staromiejska, wo ein grandioses
Menue, zu dem ich Orgelbauer und Organist einlade, mit bes
ten Salaten,
exquisiten Kartoffeln, Zupa krema, Kalbsmedaillon mit Früchten, leichten
Rotwein und Kuchen, zu schönen Gesprächen Anlass geben. Zur russischen Grenze
sind es gerade mal noch 120 km. Die niederen Temperaturen hier lassen uns
das riesige Gebiet im Osten erahnen, den kalten Winter und den
Wahnsinnsfeldzug verrückter Faschisten.
Zurück
in Warschau. Hier hat sich eine neue Kirche breit gemacht, mit pompösen
Tempeln, wie wir uns das selbst im Westen nur vage vorstellen können. Es ist
die Kirche der Vereinigten Konsumtempler, bestehend aus "Real",
"Mediamarkt", "Praktiker", "OBI", "Pizzahut", "Mal-Donaldo", "Lidl" und wie
sie weiter alle heißen mögen. In einer Dimension, wie ich es noch nie bei
uns gesehen habe. Vielleicht ein Grund mehr, diese Entwicklung aus anderer
Perspektive genauer und klarer zu sehen, in einem Land das dieser prallen
Wucht von Konsum-Terror, in der derzeitigen Lage kaum gewachsen zu sein
scheint. Vielleicht nutzen die "Terror-Riesen" noch jene brachliegende
Unschuld der Polen, um sie umso brutaler und gnadenloser einzusacken, als es
je in irgendeinem anderen Land geschah. Der Sonnstagsspaziergang der
Warschauer findet also nicht mehr in den anliegenden Parks statt, sondern in
einem der 5 Riesentempel, die alle sieben Tage der Woche geöffnet haben. Die
Kettenhunde, die vorgelegten Banken, versprechen optimalste Groß- und
Klein-Kredite, und man kann absehen, wie schnell die mit immerhin 18%
Arbeitslosen aus
gestattete polnische Bevölkerung in die totale Schuldenfalle
tappt und von Tag zu Tag abhängiger wird vom amerikanischen "way of life".
Wieviele Bürger dann nochmal in die "andere" Kirche gehen, oder dieser ganz
den Rücken zu kehren, scheint eine Frage der Zeit zu sein. Ob es gut für
Polen ist, einem Volk, das zwei unterschiedliche Worte hat für "gut",
nämlich das "gut", wie wir es kennen und einem "gut", das aus dem Herzen
kommt, diese Frage ist für mich schon beantwortet.
Orgelmusik in Polen hat immer etwas mit Aktualität zu tun, ist nie wie es
sich bei uns entwickelt hat, zu einer kastenmäßig separierten Sache
geworden, wo man gar nie auf die Idee gekommen wäre, es sterilisiert im
Konzertsaal aufzubewahren und die sich auflösende Metaphysik oder Religion
gar als Belastung zu empfinden. Das ist ein typisch deutscher Effekt, der
auf Eigenschaften von Gründlichkeit und verquerter Vernunftmässigkeit beruht
(Kant aus Kaliningrad, 150 km von Allenstein entfernt, lässt grüßen: "...aber so
habe ich es mir doch nicht gedacht"). In Polen finden wir in jeder größeren Stadt
eine Musikhochschule, und wir finden eine breite Basis von modernen
Orgelkomponisten, wovon Henryk Mikołaj Gorecki, Krystof Penderecki,
Nowowieski, Szymanowski, Surzynski und Marian Sawa die auch bei uns
bekanntere Spitzenpositionen darstellen. Wie auch in den drei nördlichen
baltischen Staaten kann Polen damit ein deutliches kulturelles Schaffen
bezeugen, was es bei uns in dieser Form nicht gibt. Nach dem Zweiten
Weltkrieg hat bei uns der amerikanische Technokratismus voll zugegriffen,
bei den Polen und Balten geschieht dies
erst heute. Das mag ein Grund dafür
sein. Die Thesen von Martin Heidegger und Günther Anders, dass die
kulturelle Verwüstung durch westliche wie östliche Doktrinen und
Unterwerfungen unter die Technokratien dasselbe Ausmaß annehmen, scheint
hiermit eindeutig widerlegt zu sein. Wir haben bis zur Wende 1990 eine klare
und eindeutige Vorherrschaft des Osten in Sachen Schaffen und Musikkultur.
Momentan erleben wir ja die Gewichtungverschiebung in Richtung "Ferner
Osten", allerdings betrifft das ausschließlich die Musikinterpretation.
An der
Person und dem Schaffen Marian Sawas, der in Polen fast wie ein Heiliger
verehrt wird, erkennen wir im Westen, was uns an Persönlichkeiten fehlen.
Michael F. Runwoski schreibt in seinem Nachruf in der letzten ARS ORGANI,
(...) sondern auch wegen seines freundlichen Wesens, seiner gütigen
Ausstrahlung und menschlichen Wärme (...) Werte also, die in Polen noch eine
hohe Wertigkeit besitzen und über die man offen spricht. Sie gelten auch bei
uns, aber kein Mensch redet darüber. Wir sollten beginnen jene Tugenden
wieder neu zu mobilisieren, anstatt uns über belanglose technische Details
zu ereifern und ganze Forumsdebatten über solcherlei U
nnötigkeiten,
sprich Eitelkeiten zu
führen. Der Mensch wird hierbei zum Tier, und zwar zum Hahn, der
ununterbrochen kräht. Noch gilt, dass der Mensch und seine Würde, seine
Arbeit, sein Wesen und sein Wille in einer allseits akzeptierten Welt
angenommen wird und einen Wert darstellt, der über alle äußeren Dinge steht.
Der menschliche Wert darf nie von technischer oder dinglicher Warte her
bemessen oder qualifiziert werden. Wer allerdings die hochroten Köpfe auf allen möglichen
Diskussionsforen schwatzen sieht, kann sich des Eindrucks nicht verwehren,
dass hier nun eine Dimension aufbricht, die sich nur noch "technisch" vom
'Faschismus vergangener Tage unterscheidet. Auch hier sind bereits "ethische
Säuberungen" im Gange, hier werden bereits Grenzziehungen vorgenommen, wer,
wann und wie ausgeschlossen werden soll. Man kann nicht deutlich genug vor
diesem heraufziehendem "Technofaschismus" warnen.
Die
große Walcker-Orgel im Konzertsaal der Musikakademie in Warschau feiert in
diesem Jahr ihr 10jähriges Bestehen. Wir werden mit unseren polnischen
Freunden dies zum Anlass nehmen, eine Ausstellung in den Räumen der Akademie
zu veranstalten und über die historischen Quellen der Firma Walcker
berichten. Es ist hier in der Akademie eine Orgel, die oft 20 Stunden und
mehr am Tag gespielt wird, und die nach Auskunft eines Orgel-Professors
bereits 100 Jahre einer normalen Orgel hinter sich hat. Sie ist nicht nur
ein mustergültiges Unterrichtsinstrume
nt, das alle Studierzwecke erfüllt,
sondern sie ist auch ein klanglich sehr interessantes Werk, das einige der
ausgefallenen Effekte der Sinziger-Orgel übernommen hat, und die hier immer
wieder ihre Anwendung finden. So werden hier Xylophon, Psalterium,
Mixturensetzer ganz selbstverständlich verwendet, wie andere Register oder
Spielhilfen. Auf diese Orgel sind wir als ihre Erbauer sehr stolz, und wir
sind sehr froh in Piotr Duda eine ausgezeichnete Pflegekraft für dieses
Instrument gefunden zu haben. Neben dieser Orgel wurde von Walcker noch eine
Truhenorgel geliefert und zweimanualige Orgel für den kleinen Konzertsaal.
Orgelportrait
der großen Walcker-Orgel im Konzertsaal
(980kb PDF)
zum Gedenken an Marian Sawa hier ein
Auszug seines grandiosen apokalyptischen Teufelsritts oder der
Tanz auf einer Höllenmaschine:
Auszug aus
Fuga
Bolero als MP3 file
erfrorene
Rose im Park von Kamionka

Emilia
an der Geige

Warschau

eine
Toteninsel

gwm
07.01.2006