mai 2007
   
   

von Regers "Inferno" zu

Ligetis "Volumina" + "Couleé"

drei Beispiele mit Heinz Wunderlich

und eine grandiose Toccata vom Meister aller Toccaten

Gerhard Walcker-Mayer April 2007

 
Wer Max Regers Musik verstehen will, als Nichtmusiker, und was sind wir Orgelbauer denn anderes als jämmerliche Klappstuhl-Metaphysikanten, immer laut mit irgendeiner Rassel beschäftigt, eines Nachbarn Weinberg von dunklen Krähen zu befreien, --also, wer Regers Musik verstehen will, der muss erst einmal hinaus in den Wald. Und mit dieser "von Welt vollgesogenen Brust" setzt man sich in die dunkelste gotische Kirche, die man finden kann,  und in der eine alte! verdunkelte! tiefgründige! Orgel (in keinem Fall ein quietschiges Urgeli) spielt, und wenn es sein muss, eine Orgel mit hundert 8Füssern, tief und rauchig muss sie sein, ein Gemälde von Böcklin soll sie beschreiben oder besser  zart umschreiben können -- und nun hört man - hört man- und hört Max Regers INFERNO ---!  und erbleicht!!  

Marke "Reger"

 [nur so! - alles verzimbelte Gekreische oder fehldisponierte Teiltongewinsel unserer VDO-Ingenieure und nach Zeigefinger-Mensuration ausgerichtetes DIN-Orgelgenorm für halbhörige Flachköpfe -  auf den Jahrmarkt damit! Man sehe sich die Blüten von "Reger-Orgeln" an, die wieder im Umlauf sind, obwohl der Schwäbische Karneval, wo noch mit Falschgeld bezahlt werden durfte, längst vorüber ist. Eine elementare Grundtönigkeit ist einfach Voraussetzung, um expressiv musizieren und hören zu können. Völlig anders verhält es sich beim impressionistischen Klanggemälde. Ein Grund warum man zwischen Édouard Manets und Ernst Ludwig Kirchners Malstil wohl unterscheidet kann analog zu Charles-Marie Widors und Regers Musik. Es ist immer eine Frage der Palette gewesen***. Die heutigen Orgel-Paletten, bunt bemalte Pralinenschachteln, werden zudem noch dem heutigen Gesellschaftsproblem gerecht "nicht hören zu können" indem man "Lautstärke" zugibt anstatt "Wärme". Ein weiteres Manko: wenn man Expressionismus mit der Ratio angeht, da kommt immer etwas "deutsch-lehrerhaftes" dabei heraus, etwas Gepredigtes, Lutherales, Königsberger Klops. Man denke nicht nur an jenen pfälzerischen Mathematiklehrer, der über Orgel wie über ein Dünndarmkarzinom doziert. Begriffe werden da laut, statt Musik. Ein Adorno-Walzer. Oder "Gott-behüte" wenn uns Göteborg irgendwann etwas über "Reger - und seine Orgeln" erzählen wird, also ein Konvolut aus Excel-Tabellen über uns ausschütten wird, wenn wir also Musik uns zuführen, indem wir in binären Zahlen denken - wir endlich bei Pape-Rehn-Friedrichs angekommen sind.]

 

 
Und wenn dann der Abend angebrochen ist, die Blaue Stunde, das ist unser Einführungsbild rechts oben, dort wo Wahrheit und Trug sich mischen als seien es Kräuter mit schwerem Wein, und man den Dritten Gesang Dantes wie Nebelschwaden jenseits des Styx durch sein langsam dahin dämmerndes Bewusstsein ziehen lassen kann. Dann erst! -erst dann kann man den nachfolgenden Worten lauschen, die nur noch eine kleine unbedarfte Zugabe zu dieser großen, makellosen, endlosen Musik sein dürfen. Reger wird wohl der letzte Musiker gewesen sein, der die Endlosigkeit, das Ewige, den unendlichen Raum, noch einmal seelisch zu erfassen suchte.
   
 
Wer es zu Dante Alighieri (1265 - 1321) geschafft hat, der hat einen Doppelschritt getan, einmal ins florentinische Mittelalter und vielleicht ohne es zu wissen in die deutsche Romantik, die jenen Dichter der "Göttlichen Komödie" tief verehrte. "Dante ist der Vollender der  katholischen Kirche" meint Friedrich Nietzsche und setzt seinen "Zarathustra" gegen die "divinia commedia". Zarathustra ist der, welcher Wahrheit "schafft" und sie nicht "sucht", wie es Dante auf seiner Fahrt tat. Die in Terzinen geschriebene, oder besser gesagt "komponierte" Dichtung Dantes, die Pilgerfahrt oder nur die Wegsuche eines Verirrten, beginnt mit der Bewusstwerdung der Verfehlung. Die großartigste Dichtung des Mittelalters hebt an mit den  Zeilen, dass wir uns in des Waldes Nacht wiederfinden, was nichts anderes heißt als,  in der Welt sind wir, aber noch unbewusst und unwissend. Angestrebt wird vom mittelalterlichen Menschen nur eines, die Seligkeit. Die Seligkeit aber ist "Gott schauen zu dürfen" und diese Dichtung soll ihm dazu verhelfen.

   

Ein Zufall ist, dass genau heute vor 707 Jahren, also im Jahre 1300 Dantes Dichtung erstmalig in Erscheinung trat. Damit haben wir eine kosmische Zahl erwischt, die sowohl Makro- wie Mikrokosmos beinhaltet . Mit der Sieben beginnt eigentlich der Heilsweg des "Wegsuchenden", der von Gott entfremdeten Seele. Er bekommt sieben "piccatas" (Hauptsünden) von einem Engel auf seine Stirn getrieben, die er einzeln abbüßen muss. Wir kennen als Symbol die 7 Planeten, es ist die Summe der himmlischen 3 und der irdischen 4, bei Augustinus stand die Sieben für "universitas", "totus", "perfectio" - die 7  Wochentage, hier also spielt der Zeitbegriff elementar mit hinein, als deute die 707 direkt auf den heutigen Tag. Auch im Märchen spielt die 7 (Geißlein, Zwerge, Meilenstiefel u.a) eine entscheidende Rolle, die immer Totalität verspricht. In der Antike gab es die 7 Weltwunder, 7 Weltweise, 7 Tore Thebens. In der Gnosis repräsentiert die 7 das Schicksal. In jüd. und christl. Religion ist der 7. Tag Gott zu weihen. 7-armiger Leuchter ist der 7-fache Glanz der Sonne. Das Vaterunser enthält 7 Bitten. Die Sieben deutet auf das Göttliche wie auf das Infernale.

Womit wir zum weiteren Thema kommen.

Dante Alighieri (1265-1321)

italienischer Dichter und Philosoph

   

Max Reger,** der um 1901 die Infernofantasie op.57 komponiert, in expressivem Stil, also seine  Wiesbadener Zeit hinter sich gelassen hat, die aber im Werk  seinen Ausdruck fand. Diese "ungeheure Entladung seelischer Spannungen", was etwas anderes ist als "impressionistisches Klanggespinst" oder "Dreiklangsgemüse", ist nach B-A-C-H ein weiteres großes Werk, wie man von Heinz Wunderlich hören kann, er hat damit vielleicht sein größtes Orgelwerk geschaffen. "Immer kühner werden Regers Modulationen, immer verzweigter seine Harmonien und chromatischen Alterierungen - auch die Phrasenbildung wird differenzierter, verunklart dadurch, dass die Melodiebögen sich über scheinbar zusammenhanglose Akkordfolgen weithin spannen und daher zunächst zerrissen rezitativisch wirken" so sagt es Fritz Stein zur Infernofantasie. Der vereinsamte moderne Mensch zur Zeit der Jahrhundertwende, das ist ein Bild Eduard Munchs welches sich allegorisch mit dem "Inferno" verbindet. Das titanische Aufbäumen gegen feindliche Schicksalsgewalten, der Zusammenbruch in trostloser dumpfer Verzweiflung. Und hier erfolgt die Rückblende ins Mittelalter zur Komödie Dantes, wo die Unseligen vor der Hoffnungslosigkeit fassungslos zu stehen kommen. Und zwar im Dritten Gesang, wo die Verdammten nach der Überfahrt erkennen, dass es endgültig zu spät ist, dass sie nie die Seligkeit erfahren werden, dass sie keine Chance mehr haben "Gott zu schauen". Mittelalter trifft auf die Moderne.

In diesem Moment der Fassungslosigkeit ertönt der bis 1902 noch nie aufgeführte, dissonante, grauenvolleste Akkord der ganzen Musikgeschichte, der "Schrei" des Regerschen Inferno; der bei der Uraufführung 1902 im schweizerischen Basel zu einem eklatanten Skandal führte.

 

Fin de siècle: Zwischen Symbolismus und Expressionismus kann das Werk Edvard Munchs eingeordnet werden. "Der Schrei" von 1893 beschreibt ein aus der Erkenntnis der Einsamkeit des modernen Menschen geborenes Gefühl melancholischer Verzweiflung.

Hier der Infernale Schrei MP3 (aus der Fantasia op.57) des Dante-Reger Infernos, das uns die gewaltige Spannung vor Augen führt die Max Reger als erster Komponist in Musik zu fassen vermochte. Und hier ein Auszug aus der Fantasia, der die ungeheuren Spannungsbögen im Verlaufe jenes titanischen Aufbäumens aufzeigt Auszug op57.mp3

Max Reger an der Walcker-Orgel im Leipziger Konservatorium

   

Heinz Wunderlich, mit dem ich einige Male in "Dantes Inferno" war, dort ging es wesentlich gemütlicher zu, als im vorigen Absatz, denn "Dantes Inferno" das ist eine der etwas höherwertigeren "Pizzerias" in Hamburg Großhansdorf, erläuterte mir bei jedem Besuch, vor und nach den Mahlzeiten, sehr farbig und beschaulich die Situation in der sich Reger zur seiner Zeit befand. Und die genau dieser Ausdrucksweise in der Danteschen Szene des Infernos im Dritten Gesang entsprach."Vor sich die Seligen sehen, wie sie dahinschwinden - das ist die Engelsmusik - und das unabänderliche Schicksal in alle Ewigkeit verdammt zu sein - das ist dieser Akkord." Der Schrei Edvard Munchs" in Musik gesetzt.

 

 

 

Karl Straube an Heinz Wunderlich über dessen Darstellung Max Regers Opus 57

 

   

Die obigen Musikbeispiele stammen von Heinz Wunderlich an der Tzschöckel-Orgel in Schwäb. Hall, bei der, wie Wunderlich versicherte, die Bass-Struktur der Orgel aus den alten EFW-Pfeifen stammen, und die der Orgel das Grundgerüst geben. Ohne Regers Lebenszeit und Dantes Inferno zu kennen, ist diese Musik schlichtweg unverständig. Natürlich handelt es sich hier bei Regers Komposition auch nicht um Programmmusik, wie bei der Neudeutschen Schule. Hier hören wir das erschütternde Ringen eines Einsamen mit den dunklen Gewalten, das kündende Selbstbekenntnis des noch nicht dreißigjährigen Regers, der hier  seinen Orgelstil zu höchster Meisterschaft entwickelt hat. (Fantasie und Fuge über B-A-C-H op.46 im Jahr 1900 und Symphonische Fantasie und Fuge op.57 im Jahr 1901, uraufgeführt 1902 in Basel, Münster von Karl Straube). Man spürt Regers expressive Ausdruckskraft, sein Drang seelisch erleben zu wollen und seine innere schöpferische Berufung  die an Bachs Religiosität anknüpft.

Karl Straube, 1899 Kantor in Wesel und kurze Zeit später Thomaskantor in Leipzig, erkennt unmittelbar Regers Genie und wird dessen "bedeutendster Orgelspieler der Jetztzeit". Straube war Wunderlichs Lehrer, der ihm bezeugt hat, dass er, Wunderlich, einer der ganz Wenigen war, der diese Komposition verstanden und sinngemäß dargestellt hat.

Heinz Wunderlich ist sich bewusst, dass diese schwierigen Orgelstücke nur von wenigen Organisten richtig gespielt werden können. Das ist der Grund warum er auf die Grundlage dieser Komposition hinweist, denn ohne diesen Zusammenhang zu kennen, wird es vielleicht ein virtuos oder technisch toll gespieltes Stück sein, aber eben nicht die ausdruckgsgemäße Darstellung.

Schwäb. Hall Orgel der EFW-Orgel - Neubau durch Tzschöckel mit alten EFW Pfeifen

(EFW Opus 24/27 Bj. 1839, III/39 - beschrieben v. Goethe ARS ORGANI 2/1981 und Moosmann S86) Das Instrument wurde 1927 von Walcker nach Plänen des  Stgtt-Stiftsorganist Strebel umgebaut auf 47 Reg. Tzschöckel baute unter Verwendung von 32 Registern der alten Walcker-Orgel ein neues Werk im Jahr 1980 mit 61 Registern)

 

 

 

   

"Weh euch, verworfne Seelen, wehe! Nicht hoffet je zu sehn das Paradeis, hinüber bring ich euch zum Strande in ew'ge Finsternis und Eis" - das hat Reger also gehört, und vielleicht war diese Stimme Charons der Grund warum er die "Hoffnungslosigkeit" am Ende seiner Wiesbadener Zeit mit dem Elternhaus in Weiden tauschte. Und mit Heinz Wunderlich haben wir einen Zeitzeugen, der direkt über Karl Straube zu Max Reger zurückreicht, der mit dieser Musik zu uns redet und uns ihre Geschichte erzählen kann. "Die ungelösten Spannungen, die den Charakter des ganzen "Regerschen Infernos" bestimmen", so Heinz Wunderlich, "das Inferno zählt zu den technisch anspruchsvollsten Kompositionen der gesamten Orgelliteratur". An den beiden Klangbildern rechter Hand erkennt man, wie sich das Inferno dynamisch präsentiert: die Fantasie mit extremen Laut-Leise Kontrast während wir ein lückenloses, schulmäßiges Crescendo bei der Fuge sehen.

Klangbild der Fantasie

Klangbild der Fuge

   

Musik des 20.JH, soweit sie Anspruch darauf erhebt, Geist und Wesen dieses Jahrhunderts künstlerisch zu formen und auszudrücken, begreift sich als "Neue Musik". Mit der "Ars nova" des Philipe de Virtry (1325) , die mit  Palestrina und Orlando di Lasso ihr Ende findet und nun  der  "nuove musiche" (ab 1600) , ein Begriff der italienischen Renaissance, erkennen wir einen 300 Jahresrhythmus der großen Musikgestaltungen, wovon die letzte mit Tonika, Dominante und Subdominante, in regelhafte Abfolge gebracht, das Gerüst aller europäischer Musik vom Barock bis zur Romantik darstellte. Das "Neue" also, das mit Reger um 1900 begann, und das erste Kulminationspunkte in Schönberg und Ligeti fand (alle drei kann man als Expressionisten bezeichnen) dürfte im Gebiet der Klangfarbe zu suchen sein. Vielleicht wird es noch einige Jahrhunderte dauern, bis man zur Definition schreitet.

 

Ligetis Volumina, ein Orgelstück das alle Orgelliebhaber irgendwoher kennen, das aber kaum vom Inhalt her näher bekannt ist. Auch hier lauschen wir den Worten Wunderlichs, der Seite an Seite mit György Ligeti als Kollege in Hamburg unterrichtet hat und der sich mit Ligeti in Sachen Orgel-Kompositionen ausgetauscht hat. Über Ligeti gibt es zwei wichtige Bücher, die ich vorneweg vorstelle: "Wolfgang Burde - György Ligeti - eine Monografie" und "Martin Herchenröder - György Ligetis Orgelwerke". (siehe hierzu auch unser PDF über die Ligeti-Orgel )

 
   

Zunächst möchte ich noch etwas anderes vorausschicken, das mir besonders bei der Lektüre "Dantes Komödie" aufgefallen ist. Alle Dichtung und Musik ist nicht mit einem einzigen und bestimmbaren Motiv oder Sinn hinterlegt, sondern sie hat einen "Polysensus", d.h. einen mehrfachen Sinn. Bei Dante ist es ein poetischer, ein politischer, ein allegorischer, ein moralischer, ein ästhetischer Sinn. Wie bei einem Traum die Symbolik sehr vielschichtig sein kann, und er für viele Deutungen offen ist, ohne je vollständig erfasst zu sein, so trifft dies bei Dantes Komödie genauso treffend oder unzutreffend zu.Ebenso ist es bei den hier gezeigten Musikstücken von Reger und Ligeti.  Fassen wir also Regers "Inferno" nicht zu eng, und glauben wir nicht daran, dass nur dieses eine Motiv der "entfahrenen Seligkeit" hier seine Form gefunden hat, sondern dass hier sehr viele und auch andere Beweggründe  eingewirkt haben, die nie endgültig belegt sein werden. Ein enges Ausdefinieren solcher "seelischer" Erfahrungen ist durch das "Wort" oder noch besser gesagt durch den "Begriff" einfach nicht möglich, weil dann tatsächlich nicht zu komponiert werden bräuchte, da man es ja mit Worten sagen könnte.

Das "Wort" gebrauchen die Musikwissenschaftler, weil sie unfähig sind zu komponieren und oft nicht einmal fähig Musik darzustellen. Der Musiker redet nicht - er sagt es mit seiner Musik. Ein Grund, warum wir von Heinz Wunderlich keine Bücher erhalten werden.

Alles Klassische zeichnet sich besonders dadurch aus, dass es weit vielschichtiger ist als für bestimmte Zwecke gefertigte Werke. Hier spielen u.a. irrationale Komponenten eine Rolle, die wir lebendig mit allen Fasern unseres Lebens erfahren können und es ist hier nie eine einfache und glatte Sache etwas auszudeuten. Durch die Deutung aber kommen wir dem Opus näher.

 
   

So ist es auch mit Ligetis "Volumina". Ligeti sagt selbst "Volumina" sind Gestalten wie in den Chirico-Bildern und er benutzt dazu den Hinweis auf "einen Bildhintergrund ohne Vordergrund" was mit der Metapher "Räume ohne Inhalt" irgendwo wiedergegeben wird. Begriffe wie "Klangraumkomposition",  und Ligetis Erläuterung "Raum suggerieren, imaginärer Raum,  strebe ich an", und die Orgel, die ja durch die unterschiedliche Plazierung von Pfeifen eine "Klanginstallation per se" ist, bereiten den Gedanken vor, Raum und Zeit zu verschmelzen. Und genau hier an diesem Punkt höre ich eine Erläuterung, die sehr einfach und deutlich ist, von Heinz Wunderlich "Volumina, das ist die Entstehungsgeschichte des Universums, beginnenden mit dem Urknall der vor 20 Milliarden Jahren verursacht wurde, endend mit dem langsamen Aushauchen, Abblasen, der ausgeschalteten Orgel, den letzten Bewegungen". Hier beim "Urknall" haben wir das Aufeinandertreffen von Raum und Zeit, die ab diesem Zeitpunkt wirken, und wir haben die Determination, das heißt die Unumkehrbarkeit eingetretener Ereignisse und ihre weitere Entwicklung. Wir haben die Abhängigkeiten aller Elemente im System. Innerhalb von Volumina hört man die einzelnen Entwicklungsstufen der Welt bis zu ihrem Ende, so Wunderlich. Ligeti sagt weiter über Volumina:"Die gesamt musikalische Tradition wird bei mir einerseits negiert, spielt unterschwellig aber doch immer mit. Irgendwo aber, unter der Oberfläche, gibt es Reste der gesamten Orgelliteratur. Irgendwo spürt man Barockfigurationen, aber ganz verschlungen, Liszt und Reger und der romantische Orgelklang spielen ebenfalls unterschwellig mit." Die Notation von Volumina, ein Grund warum das Werk auch für viele Orgel-Laien Beachtung fand, ist keine grafisch aufgepoppte Geschichte, sondern völlig der Sache angemessen und eine geniale Notenschrift, wie Wunderlich ausführte.

Volumina - der Anfang - der Urknall mp3

Volumina - Ende - das Aushauchen - Abgestellte Motor mp3

VOLUMINA : Zu Anfang des Stückes ist der Motor ausgeschaltet. Zuerst den Cluster mit Händen und Unterarmen niederdrücken, dann den Motor einschalten. Wegen der großen Zahl der eingeschalteten Register baut sich der Klang allmählich  - der Luftdruckzunahme gemäß- auf. Es entsteht ein unregelmäßiges Crescendo mit Stockungen (Kampf zwischen Motorleistung und Luftverbrauch) bis zum größten ffff    Ligetis in der Notenschrift der Volumina vorangehender Text. Obwohl wir es hier von Ligeti gesagt, mit einer physikalischen Welterklärung zu tun haben, sind aber damit  auch bei der Volumina keinesfalls alle Deutungsmöglichkeiten erschöpft.

   

Notenbild von Couleé

Das schwierigste Stück aber der ganzen Weltliteratur der Orgelmusik, so Wunderlich, ist Couleé, ebenfalls von György Ligeti. Dieses Stück, das Gerd Zacher im Juli 1969 an der Walcker-Orgel in der Basilika in Seckau/Steiermark uraufführte, und bei dem Juan Allende-Blin als Registrant assistierte, wirft naturgemäß auch für den Hörer Schwierigkeiten auf. Die durchgehenden rasenden Achtelbewegungen wirken zusammen mit blitzschnellen gleitenden Übergängen und Verwischungen von harmonischen Konturen, die Herchenröder vergleichbar von "Heisenbergschen Unschärferelationen" bezeichnete. Die Windreserven der Orgel werden genutzt, ein unendliches Fliessen der musikalischen Erscheinung in der Zeit zu zeigen. "Gefrorene Zeit" hat es Herchenröder tituliert. Der Unterschied aber von Ligeti zu Stockhausen, Xenakis, Cage o.a. war immer der, organisch wachsen zu lassen und nicht ingenieurhaft zu planen.Vielleicht das der Grund für seinen Erfolg. Die Etüde "Couleé ist nach Wunderlich extrem schnell zu spielen, so dass deren Einzeltöne kaum mehr wahrzunehmen sind. Bei aller Schnelligkeit soll jedoch der Eindruck der Bewegung bis in die Grenzen der Hörbarkeit erhalten bleiben, so dass stehender Klang vermieden wird. Es ist ein physikalisches Experiment.

Wunderlich spielt "Couleé" in Hamburg St. Jakobi 1976.MP3

 <<Internetseite Ligeti>>

 
   
Heinz Wunderlich*** aber wollen wir nicht verlassen, ohne ihn selbst in seiner besten Disziplin zu hören. Auf der Kemper-Orgel in der Hauptkirche St. Jacobi  Hamburg hat er 1976 eine Toccata improvisiert, die umwerfend ist. Wunderlich Toccata mp3.  
 

 Weitere Orgel- und BachCDs, die mir Heinz Wunderlich mit auf den Weg gab waren, "J.S.Bach - Goldberg-Variationen - Heinz Wunderlich am Cembalo - organum Records" - "Bach - Dritter Teil der Klavierübungen "Heinz Wunderlich an der Flentrop Orgel der Grote of Onze Lieve Vrouwe Kerk" - "Heinz Wunderlich an der Silbermann-Orgel von 1742 in der Ev. Kirche Fraunreuth, aufgenommen vom MDR 1955", eine wunderschöne Darstellung von Werken Bruhns, Buxtehude, Pachelbel.

Heinz Wunderlich " Die Bedeutung der Orgelwerke Max Regers und Ihre Interpretation" (pdf)

Heinz Wunderlich " David - Schüler" (pdf)

Heinz Wunderlich "Karl Straube als Orgelpädagoge" (pdf)

Heinz Wunderlich "Zur Interpretation der Orgelwerke v. Johann Seb. Bach" (pdf)

Heinz Wunderlich Diskografie (pdf)             Heinz Wunderlich Orgelwerke    (pdf)

Heinz Wunderlich Studenten  und last not least, aber sehr lesenswert  (pdf)

Karl Hermann Koch "Mein Orgelunterricht bei Heinz Wunderlich" (pdf)

 

           
   
   

gwm 6.4.2007

 
   
dargestellte Musikbeispiele stammen aus  

MAX REGER ORGELWERKE - Heinz Wunderlich an der Tzschöckel Orgel in St. Michael Schwäbisch Hall - organum classic OGM 240024 Organum Musikproduktion Postfach 1332 D-74603 Öhringen www.organum-classics.de   eine ganz ausgezeichnete CD, die in keiner Orgelsammlung fehlen sollte! (gwm)

 

HEINZ WUNDERLICH - an der Kemper-Orgel der Hauptkirche St. Jacobi Hamburg - Konzertmitschnitt am 22.Juni 1976 - Strawinsky, Ligeti, Wunderlich

 

 

 
   
Literatur zu Reger  
H.J. Busch "Max Reger und die Orgel seiner Zeit" Musik und Kirche 1973  
H. Klotz "Zur Wiedergabe von Regers Orgelmusik" Musik und Kirche 1966  
Fr.Högner "Max Reger und die Deutsche Orgelbewegung" Ars Organi 1968  
H. Haselböck "Max Reger als Orgelkomponist" Österr.MusikZeitung 1973  
H. Lohmann "Bemerk.zur Interpret. von Regers Orgelmusik" Musik und Kirche 1973  
R. Walter "Max Reger und die Orgel um 1900" Musik und Kirche 1973  
H. Wunderlich "Zur Bedeut. und Interpret. von Regers Orgelmusik" Musik und Kirche 1973  
H.Wirth "Reger" rororo Bild-Monographiene 1973  
F.Stein "Max Reger, sein Leben in Bildern" Bibl.Inst. Leipzig 1941  
F.Stein "Max Reger" Akad.Verlagsanst. Athenaion Potsdam 1939  
Gerard Bunk "Begegnung mit Max Reger" 1957 (pdf)  
Werner Walcker-Mayer " Die Orgel der Regerzeit"  
   
Literatur zu Ligeti  
W. Burde "György Ligeti - eine Monografie" Atlantis, 1993  
M. Herchenröder "György Ligetis Orgelwerke" Das Orgelforum, 1999  
   

 

 
Fußnoten - Erläuterungen  
Impressionismus - in der Musik wurde diese Bezeichnung des Malstils auf Cl. Debussys Jugendwerk ca,1887 angewandt. Später auf M.Ravel, O.Respighis, M.de Fallas u.a. gebräuchlich. Hat Bedeutung i.d. Musik aber erst in der Gegenüberstellung zum Expressionismus. Stilmerkmale des musikalischen Impressionismus sind statische, afunktionale Harmonik, in ornamentale Motiven kreisende Thematik und raffinierte Klangfarbenmischungen. Analogiebildung zur Malerei. Dient auch als Gegenüberstellung von Expressionismus als "deutscher"Stilhaltung, in der sich die Ungebrochenheit der Ausdruckskraft manifiestiert, während Impressionismus ein "passives Hingeben" an bloße Sinnreize Ausdruck des "französischen Wesens"sei. Kommt auch in chauvinistischer Polemik zum Ausdruck. Heinz Wunderlich bezeichnet "die Franzosen" durchweg als hörsam eingängige "Impressionisten", denen Reger als "Expressionist", der viel schwerer aufzufassen ist,  gegenüber steht.

   
Expressionismus - musik. Expressionismus bezeichnet Kompositionen oft der Wiener Schule, freie Atonalität. Um einen größtmögliche Intensität des Ausdrucks zu erreichen, überdehnten Maler Formen, verzerrten die Perspektive, lösten die Farben aus ihren natürlichen Bindungen an die Dinge der Außenwelt. Dieses Verfahren bescheinigt Heinz Wunderlich dem Komponisten Reger. So gesehen ist "der Schrei" (1893)  Edvard Munchs  vergleichbar des "Inferno" von Max Reger. Allerdings wurde Expressionismus in Zusammenhang mit Musik erst ab 1920 gebraucht, wobei die Aufgabe der Tonalität die tradierte Syntax außer Kraft zu setzen, als wichtigstes Charakteristikum galt. Schönberg, der von bestimmten Musikwissenschaften als typ. Expressionist beschrieben wurde, er wurde von Reger als "Gehirnmusiker" negativ belegt.

   

Reger, Johann Baptist Joseph Max, (1873-1916)  1890 Schüler von H.Riemann. Seit 1891 entstanden die ersten später veröffentlichten Werke. Berühmtheit erlangte Reger vor allem durch seine Kompositionen für die Orgel. Da er nur über eine rudimentäre Pedaltechnik verfügte, konnte er jedoch die meisten seiner Orgelwerke nicht selbst spielen. Auch in den Bereichen der Kammermusik, der Lieder, der Chor- und der Orchestermusik hat Reger Bedeutendes geleistet. Reger hatte nachhaltigen Einfluss auf die Neue Wiener Schule, und er war in den 1920er Jahren der am häufigsten interpretierte zeitgenössische Komponist im deutschsprachigen Raum. Der Reger-Schüler Hindemith bezeichnete Reger als „den letzten Riesen in der Musik; ohne ihn wäre ich gar nicht denkbar!“. Der 15jährige Sergej Prokofiew saß im Publikum, als Reger 1916 in Sankt Petersburg ein Konzert gab, teilte Jahre später mit, dass er von der Wirkung des Werkes fasziniert war.

Regers Wirkung v.a. auf die komponierenden Zeitgenossen war allerdings nicht unumstritten (Strawinsky fand seine Musik ebenso abstoßend wie die Erscheinung des Komponisten) Regers Komposition werden auch von ihm selbst, als schwierig beschrieben – schwierig sowohl für die Interpreten als auch für die Hörer. Vor allem die Werke der mittleren Schaffensperiode zeichnen sich durch eine extreme Aufweitung der Tonalitat – so in der „Symphonischen Fantasie und Fuge“ op.57 für Orgel oder der  „Violinsonate C-Dur“ op. 72 – aus, wie sie zuvor noch nicht erreicht wurde.

Regers Variationswerke zählen neben denen Bachs, Beethovens und Brahms' zu den bedeutendsten dieser Gattung, und auf dem Gebiet des Kontrapunkt hat Reger mit der „chromatischen Polyphonie“ Einzigartiges geleistet. Er gilt als wichtiger Verfasser von Fugen und anderen polyphonen Genres.

 In seinen letzten Schaffensjahren bemühte sich Reger um eine Vereinfachung des Satzes zugunsten größtmöglicher Klarheit und Subtilität. Die „Sturm- und Trankjahre“, wie Reger sie bezeichnete, waren vorüber, und Reger deklarierte seinen Personalstil nun als „freien Jenaischen Stil“ (Reger erhielt einen Ruf als Universitätsmusikdirektor in Leipzig und lebte ab 1915 in Jena). In diese Schaffensperiode fallen die berühmtesten Werke, wie z.B. die „Mozart-Variationen“ op.132, in welchen er das bekannte, von Mozart selbst bereits variierte Thema der Klaviersonate A-Dur KV 331 verwendet, oder auch das „Klarinettenquintett A-Dur“ op.146, sein letztes Werk.

 

 

 

György Sándor Ligeti (1923-2006)Komponist ungarisch-jüdischer Abstammung und später auch österreichischer Staatsbürger. Ligeti gilt als einer der großen Komponisten des 20. Jahrhunderts und als ein Erneuerer der Neuen Musik. Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde er durch die Verwendung seiner Musik als Filmmusik in 2001: Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick.

Zitate von GyörgyLigeti

„Die Frage war, entweder zurückzukehren zu helleren, diatonischen Konstruktionen oder vorwärts in Richtung einer vollkommenen Verwischung. Ich wählte den zweiten Weg. Die verschiedensten rhythmischen Strukturen werden so überlagert, dass sie zusammen eine homogene Klangmasse bilden.“

– GyörgyLigeti in conversation with Péter Várnai“, 1983, S. 39

„Verstehen Sie, was Sloterdijk sagt? Schaum! Nichts! Ich halte nichts von diesen Schwätzern und Pseudowissenschaftlern. Die ganze französische Philosophie von Derrida und Lyotard  bis Lacan mischt die Psychoanalyse und Mystizismus. Julia Kristeva, Paul Virillo, Gilles Deleuze: alles leeres Geschwätz.“

– György Ligeti, 2003

 
   

Heinz Wunderlich (*1919) in Leipzig, studierte an der dortigen Hochschule für Musik Orgel bei Prof. D.Dr. Karl Straube. Mit 16 Jahren wurde er wegen außerordentlicher Virtuosenbegabung in die Klasse bei Karl Straube aufgenommen. In Komposition und Chorleitung bei Prof. D. Johann Nepomuk David, in Orchesterdirigieren bei Prof. Dr. Max Hochkofler. Nach kurzer Tätigkeit an der Leipziger Markuskirche war er 15 Jahre Kirchenmusiker an der Moritzkirche in Halle. 1947 wurde er Dozent an der Hochschule in Halle für Orgel, Cembalo und Theorie. Als Propsteikirchenmusikwart hatte er 200 Kirchengemeinden - auch als Orgelsachverständiger zu verwalten.1950 Ernennung zum KMD. 1958 Berufung als Nachfolger von Michael Schneider für die Orgelprofessur in Detmold und gleichzeitig an die Hauptkirche St. Jacobi Hamburg. Er entschied sich dann für die Jacobikirche, wo er bis 1982 als Kantor und Organist wirkte und die Kantorei St. Jacobi gründete. Als Orgelvirtuose konzertiert Wunderlich auf allen Kontinenten, 24 Touren führten ihn allein durch die USA.

 
   
   
   
   
   

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