Walcker und Kegelladen in Schottland  -  erster Besuch wieder nach hundert Jahren:

"Es kann nur Einen geben!"

Die Lieferung von rund 35 Walcker-Dulsanellorgeln nach Schottland in den Jahren 1895 -1905 und die dadurch erwirkte Veränderung der kirchenmusikalischen Entwicklung dort. Walcker hat dort gegen die amerikanische Aeolians auf den schottischen Highlands um 1905 seine Schlacht geschlagen, die er nicht gewinnen konnte. Denn die hochindustrialisierten Britten waren schon in Stellung gegangen, um gegen das gleichfalls hochgerüstete "Reich" in eine noch derbere kriegerische Auseinandersetzung zu ziehen. Der erste Weltkrieg war nach Ansicht vieler Historiker schon 1905 nicht mehr aufzuhalten.

history

Oscar Walcker, der um 1900 sehr viel in England und Schottland unterwegs war, bemerkte, dass um diese Zeit die Engländer sehr wohlklingende Prinzipale und Zungen fertigten, während die Flöten und Streicher bei den Deutschen überragender waren. Seine Studienreise quer durch Great Britannia nutzte er, um einesteils neue Erkenntnisse im Orgelbau zu sammeln, andererseits um neue Kunden zu gewinnen. In den ersten 10 Jahren des 20.JH baute Walcker so  allein in Glasgow 28 neue Instrumente. In den Schottischen Kirchen, in den Free Churches, in der Church of Scottland usw. herrschte bis 1875 ähnlich den russischen Ostkirchen Orthodoxie, bei denen kein Instrument zur puritanischen Chorbegleitung erlaubt war. Nach einem Kirchenbeschluss aus jener Zeit wurde jedoch schlagartig diesen Kirchen die Möglichkeit gegeben, sich mit Orgel-und Harmonieninstrumenten auszustatten. Walcker spürte, dass die Gelegenheit günstig war hier einen interessanten Markt aufzubauen. Auch die Amerikaner taten dies. Die Casson-Companie war zunächst der entschiedenste Mitstreiter. Die englischen Firmen reagierten sehr phlegmatisch auf diese Gelegenheit. Oscar Walcker, der bei den meisten Orgelneubauten Walckers in Schottland mitarbeitete, hat sich auch intensiv mit der Gestaltung dieser Orgeln auseinander gesetzt. Und in diesem Zusammenhang ist wahrscheinlich, dass Oscar Walcker den freien Orgelprospekt, den er in England fand, als erster in Deutschland eingeführt hat.

Eine besonders interessante Geschichte ist, als Oscar Walcker den Chef einer Klavierfirma in Glasgow kennen lernte, Mister Adlington, mit dem er die Dulsanell-Orgeln in Schottland einführte. Dies zu einer Zeit, als sich nun auch die Aeolian-Company aus USA in Stellung brachte, den Schottischen Markt mit seinen "Orchestrelle-organs" zu fluten, fertigten und planten Walcker mit Adlington die ersten Serieninstrumente der Spätromantik, die man als eine Synthese aus deutscher und englischer Orgelbaukunst des fin des siècle bezeichnen kann. Es gibt von dieser Serie noch zwei Prospekte in meinem Archiv, bei denen der Preis von 120 bis 250 englischen Pfund liegt. Die Walcker Dulsanell-Orgel war primär ohne Organola ausgestattet, aber mit Bourdon, einer Transponiereinrichtung um mindestens 3 Töne nach unten und nach oben. Links war ein Crescendo Kniehebel, rechts ein Kniehebel der die Schwelljalousien betätigte. Dazu gab es eine Super-Oktavkoppel. Ein solches Instrument wurde u.a. auch nach Dunfermline, Schottland, vom Eisenbahn-Milliardär Andrew Carnegie seiner Heimatgemeinde spendiert. Diese Instrumente, auf pneumatischer Kegellade basierend,  haben störungsfrei bis in heutige Zeit gearbeitet. Resignierend stellt Oscar Walcker fest, dass die amerikanische Aeoliancompany schliesslich den Sieg davon getragen habe, weil sie Adlington so gute Konditionen bereitet habe, dass er die Zusammenarbeit mit Walcker beendete. Nach meinen Unterlagen hat sich das alles in den Jahren 1906 bis 1908 ereignet, im Vorfeld des Ersten Weltkrieges, und so gesehen, war auch der Orgelbau ein Kampf um Industrie-Positionen. Die Einführung des hohen Wertzolles durch die Engländer, bei denen deutsche Waren mit "Made in Germany" bezeichnet werden mussten, gab den deutsch Geschäft nach Britannia den Rest. Es gelang Walcker noch mitten in der Wirtschaftskrise von 1923 eine Orgel nach Cork/Irland( Op.2000, Bj 1923, III-62) zu bauen.

presence

Zwischen Tomintoul im Hochmoor und Elgin liegt Ballindalloch Castle. So ziemlich am höchsten Punkt der schottischen Highlands haben sich die Macphersons-Grants einen herrlichen Wohnsitz erschaffen, der von der Familie der Macphersons seit 1546 bewohnt wird. Besucher des Schlosses werden in die Familiengeschichte zuerst durch einen Film, dann durch tausende von kriegerischen und kulturellen  Symbolen gezogen. Der Gang durchs Schloss, durch die Zimmer, die immer noch bewohnt werden, erkennbar daran, dass auf der Marmorplatte des empirischen Nachttisches ein Transistor steht, wird eine personale Nähe vermittelt wie auch unendliche geschichtliche Ferne. Gegenwart wie Historie sind in Schottland ohnehin omnipresent. So dass man am Ende im Tea-Room angelangt, fast vor Ehrfurcht erstarrt, als ein leibhaftiges Mitglied der Familie, nämlich Clare Macpherson-Grant Russel an unserem Tisch Platz nimmt, um sich mit uns über die geplante Orgelrestaurierung zu unterhalten. In einer abgelegenen Kirche unweit des Schlosses steht eine Hill-Orgel aus dem Jahre 1875, mechanische Manual-Schleiflade, später hat man eine Pedallade dazugebaut, bei der sich so gut wie keine Taste mehr bewegen lässt. Bei der das mechanische System durch den Kampf der Naturen, von Feuchtigkeit und geheizter Hitze frontal zusammenprallten, und das Instrument resignierend in sich verklemmte. Bei Einschalten des Motors und Bewegen der Registerzüge jedoch hört man die Hilfeschreie der alten Orgel in Bourdon, Open und Stopped Diapason, und besonders in einer himmlischen Dulciana, und in einer gläsernen, dahingehauchten Gambe.

Clare Macpherson-Grant Russel die Hausherrin von Ballindalloch Castle und 6th Baroness of Ballidalloch, eine Dame, die uns kontinentale und des Adels verlustig gegangene Spätrevoluzzer vorkommt wie eine Bridgepartnerin der Queen Mum; sie erkundigt sich ganz genau nach allen Einzelheiten der geplanten Restaurierung. Neben mir erhalte ich Schützendeckung von Referent Sven Bjarnason und dem Organisten Harold, der so ganz nebenbei auch Führungen durchs Schloss tätigt. Hauptsächlich aber ist Harold für den reibungslosen Ablauf der Modell-Eisenbahn am Fuße des Schlosses verantwortlich, - jawohl, wir sind hier in Schottland, da gibt es keine Spleens, sonst wäre ja die Orgel ebenso ein solcher. So ist den Schotten der das Schloss umgebene Rasen so heilig, dass keiner auf die Idee kommen würde den Gehweg zu benutzen, man geht auf dem Rasen. Das ist hier ausdrücklich erlaubt, von den Macphersons persönlich legitimiert. Und einen perfekteren Rasen, als den dieses Schlosses habe ich nie zuvor gesehen.

Als Sven Bjarnason Frau Clare Macpherson die deutliche Absicht bekannt gibt, nicht nur die Orgel in der Inveravon Church sondern auch die der Church of Scottland in Tomintoul zu restaurieren, und, dass hier ein Urenkel des Erbauers der Orgel sitzt, der das machen will. Darauf hin ist Clare Macpherson ganz aus dem Häuschen. Sie erkundigt sich genau nach der Familie Walcker, nach dem Orgelbau in England und Deutschland, und wir haben eine gute halbe Stunde in begeisterter Atmosphäre gesprochen, völlig jenseits der gefürchteten Small-Talks zwischen Arbeiter und Landadel. Dazu kam der Ehegatte von Clare Macpherson, Oliver Russel, Sohn eines berühmten Admirals, der mit gleicher Begeisterung und Freude ins Gespräch einstieg und unbedingte Unterstützung des Orgelprojekts erkennen ließ. Dass man sich nach diesen Gesprächen auf eine „Foundraising- Aktion“ einigte und weitere Schritte im Geldeinsammeln erwog, das war klar, wir hatten wichtige Partner für das Orgelprojekt gefunden. Beim Hinausschlendern aus dem Tea-Room erzählte mir Sven, dass Clare Macpherson Lehrerin an der örtlichen Volksschule ist. Also, England – Schottland, die Queen und der Adel, das ist etwas, das wir je in dieser Form kaum auf dem Kontinent vorfinden. Am Ausgang treffen wir noch auf einen Sohn der Macphersons, er ist Chef des Macpherson-Clans. Auch bei ihm finden wir eine herzliche Zustimmung und Begeisterung. Frisch verheiratet und voller Lebenslust kennen er und seine Frau nur die blanke Bejahung der Welt, und es ist immer erfrischend an solche Menschen zurückzudenken.

Unheimlich schön war der Besuch der abgelegenen Inveravon Kirche. Als Theodor Fontane in seinem Band „Jenseits des Tweed“ seine Reise in die Highlands 1858 beschreibt, bemerkt er, „ es war eine der schönsten Reisen in meinem Leben, jedenfalls die poetischste. Ich habe nie Einsameres beschritten!“ Das hat sich in den letzten hundertfünfzig Jahren nicht wesentlich geändert. Wer von Frankfurt über Amsterdam nach Aberdeen fliegt und dann von dort aus mit dem Auto westwärts fährt, in die Highlands, der bemerkt wie er durch ein gigantisches Tor der Einsamkeit schreitet. Plötzlich stellt er fest, dass nur noch Tiere, Bäume und Natur um ihn sind. Alle Zivilisation macht sich gerade noch schattenhaft bemerkbar, wenn plötzlich Autos auf der rechten Seite entgegenkommen. Und man unwillkürlich die Hände zur Abwehr hebt.

quite an impression

Dort, wo Steinadler, Schneeammer, Fichtenkreuzschnabel und Mornellenregenpfeifer sich in dunkelster Einsamkeit verlieren, wo sich Kiefer- und Birkenwälchen wechseln, wo große steinige Flusstäler die riesigen Mooren begrenzen. Man fährt von der unbefahreren Hauptstraße auf einen Seitenweg, biegt einen „Narrow-Weg“ tief hinunter auf ein granit-steinernes Gotteshaus zu, dessen seltsamer Friedhof mit noch seltsameren Zypressen umgeben ist. Im Elsaß gibt es so etwas noch, wenn man romanische kleine Basiliken sucht. Dann ist man an der Inveravon-Church. Der unheimliche Friedhof zieht uns an, und wir entdecken drei geheimnisvolle Grabsteine mit rätselhafter Symbolik. Diese Steine sind über 2500 Jahre alt. Der Friedhof böcklinesk. Die Zypressen schwarz und stumpf. Die schottischen, flachen, bemoosten Grabsteine stehen außer Lot, was eine unheimliche Bewegung unter der Erde suggeriert. Die Kirche ist offen, Vorhänge wehen leicht uns zu, „come in“. Hier die Hill-Orgel. Ja, in dieser Atmosphäre die Gambe oder die Dulciana hören, mit ersterbender Stimme, einen verwagnerten Choral, das wäre Grausamkeit gewesen. Etwas Zuviel. Die Sonne bricht sich durch ein blau-graues Wolkenband einige Strahlen, die sie durch die Kirchenfenster schickt. Die gotischen Hölzer von Altar, Chor und Orgel werfen Sonnenflecken und Schatten. Ein langsames Spiel von Schnitzwerk mit roten und gelben Tönen. Die längst entschwundenen Klänge der Orgel, die hier vor sieben Jahren zuletzt gespielt hat, sie sind im Raum geisterhaft verankert, fast personalisiert. Hier Ausreinigen, Restaurieren, das muss das Verlangen nach Einsamkeit und Verinnerlichung in sich tragen, das schließt mönchische Askese mit ein. Der würzige Geruch von Holz und Gras, die seltsamen Formen der Sträucher und der Hügel, der Berge, die verwitterten Bäume, die steinigen Formen der Häuser, das Gedrungene der Zivilisation, hier am letzten Zipfel Europas und die unendlichen Weiten der Landschaften, das kann man nur ätherisch erahnen. Wissend, dass man es nicht in Töpfen und Kanistern nach Hause tragen kann. Das letzte Geheimnis, ich werde es in dieser Kirche finden, dann wenn die Orgel spielt. Wenn Stopped Diapason und Bourdon mit den kräuterhaften, lauen Winden und der schottischen Sonne synthetisieren. Wenn die alten Steine sich öffnen beim Klang der Gamben und Dulcianen. 

beeing narrow

Die „Narrow Bridges“ sind etwas ganz Besonderes in Schottland und zeigen uns ein Charakteristikum der Schotten. „Narrow Bridges“ gibt es häufig in Schottland Auf einer ganz normalen Landstraße erscheint plötzlich eine Brücke, die nur in eine Fahrtrichtung passierbar ist. „Wer hat da Vorfahrt“ frage ich den fahrenden Begleiter, der die Schultern zuckt, und meint, „Jeder!“. In dem in unserer Zeit am heftigsten reglementierten Bereich, der des Verkehrs, haben sich hier die Schotten etwas Freiheit ausbedungen, indem sie auf „gentlemens agreement“ appellieren. Hier wird nicht die völlige Unmündigkeit des Individuums proklamiert sondern „arrangement“. Da sehen wir, dass die Losung „es kann nur Einen geben“, hier nicht mehr ihren Anspruch geltend macht. Dass uraltes Recht mit Verzicht einhergeht.

Gerhard Walcker-Mayer 28.08.2006

 

Pfarrschrift der

Church of Scottland

 

Hill organ 1876

 

Ballindalloch

Ballindalloch Castle

 

 

 

two men in the grass

 

Walcker Dulsanell

 

 

inside the Dulsanell

 

 

The Walcker-Dulsanell in Tomintoul

Church of Scotland

 

Churchyard

 inTomintoul

 

 

Macpherson-Grant

Russel Laird

of Ballindalloch

 

Land und Schloss um Ballindalloch

 

schottischer Loch (See)

 

alter schottischer

Grabstein

 

 

keltischer Stein

 

 

Hill organ

Impressum : 

Besitzer : Orgelbau Gerhard Walcker-Mayer

G. Walcker-Mayer (gwm) gewalcker@t-online.de

Telefon 0049 6805 - 2974 oder 0049 170 9340 126

Telefax 0049 6805 91 3974