eingefügt am 14.04.2002 /gwm

 

Das slawische

Denken 

entwickelte sich aus dem byzantinischen

Griechenverständnis, und dies war auf das platonische Denken ausgerichtet ...

hier  Erläuterungen aus dem

PHILOSOPHISCHEN WÖRTERBUCH

 

Dieses Raphael - Gemälde zeigt die beiden bedeutenden griechischen Philosophen Plato und Aristoteles. Während Plato hinauf zu seiner Welt der "Ideen" zeigt, deutet Aristoteles auf die Erde.

Auszug aus dem Artikel

„Europäische Philosophie“

 Aber das griechische Gedankenerbe fand noch einen zweiten Weg nach Europa, der nicht über Rom und Palermo oder über Alexandria und Toledo führte, sondern über Byzanz. Der legitime Erbe der griech. Denker war nicht Rom sondern Byzanz. Die byzantinische Gelehrten , die griechischen Kirchenväter und die Mönche in den Athos-Klöstern sprachen und schrieben griechisch, sie bedurften keiner Übersetzungen und -  das Wichtigste – sie besaßen Urtexte. Die Sprache und infolgedessen die geistige Atmosphäre war in den Grundstrukturen die gleiche, und viel von der Ausgewogenheit des griechischen Geistes war erhalten geblieben. Allerdings, die byzantinischen Gelehrten waren Christen und lasen, wie die westeuropäischen Gelehrten, Aristoteles und Platon im christlichen Geiste. Indessen war die Strecke Athen nach Byzanz so viel kürzer und irrwegfreier als die nach Rom oder Toledo, dass die byzantinischen Gelehrten ein viel wahreres Bild der griechischen Philosophie gewannen, als  die abendländischen. Noch ein zweiter Unterschied zwischen Byzanz und Paris (als Vorort des Abendlandes) ist bedeutungsvoll : der leitende Philosoph in Byzanz war nicht Aristoteles, der Vater der Logik, sondern Platon, der Entdecker der Ideenwelt, von dem das abendländische Mittelalter so gut wie nichts wusste. Was Thomas von Aquino für das Abendland bedeutete und für die röm. kath, Kirche noch bedeutete, das ist für Ostrom und für die orthodoxe Kirche Photios, Patriarch von Byzanz.. Er war es , der die grundsätzlichen Unterschiede römischen und byzantinischen Christlichkeit erfasste und scharf betonte. Er erkannte das byzantinische Reich als den nach der Völkerwanderung einzig übrig bleibende Hort europäischer Kultur, errichtete 870 im Magnaura-Palast in Byzanz eine Akademie und hielt Vorlesungen über griechische Philosophie. In seinem Geiste wirkten die byzantinischen Gelehrten in die Welt hinaus, so wie die abendländischen im Geiste des Aquinaten.

Im Geiste des Photios wirkten auch die beiden, mit ihm etwa gleichaltrigen Männer aus Saloniki, Cyrillus und Methodius, die Apostel der Slawen. So wie Paris auf das Abendland wirkte, so wirkte Byzanz auf die slawischen Völker, ja es wirkte so nachhaltig, dass noch heute im slawischen Lebensraum byzantinisches Mittelalter durchaus lebendig ist. Das gilt für die Liturgie der orthodoxen Kirche, die ohne Kenntnis der platonischen Philosophie nicht zu verstehen ist, das gilt vor allem auch für die slawischen Sprachen. So wie sich das Denken der westeuropäischen Völker zur Zeit der Scholastik endgültig formte, so das der osteuropäischen zur Zeit der Wirksamkeit der christlichen Missionare, die aus Byzanz kamen. Cyrillus erfand für die slawischen Völker eine Schrift, die in ihren Grundzügen noch heute benutzt wird. Nun erst gewannen die slawischen Sprachen eine fassliche Gestalt  und damit der Gestalt einen eigentümlichen Sinn, einen objektiven Sinn, einen objektiven Geist.

Eine eigenständige slawische Philosophie ist nicht entstanden, vielmehr kommt das griechische Geisteserbe in der Gesamthaltung des Menschen zur Welt und zu den Mitmenschen zum Ausdruck. Das Denken der Slawen ist gesamtmenschlich, also das, was Jaspers existenziell nennt. Der russische Philosoph Kirejewskij, der zur Zeit Hegels in Berlin studierte, sagt: „ Mit einem besonderen Sinn begreifen die Denker des Westens das Sittliche, mit einem anderen das Schöne, mit einem dritten das Nützliche; das Wahre erfassen sie mit dem abstrakten Verstand, und keine dieser Fähigkeiten weiß, was die andere tut, ehe ihr Tätigkeit vollendet ist... . Die gefühllose Kälte der Überlegung halten sie für einen ebenso rechtmäßigen Zustand der Seele wie die höchste Begeisterung des Herzens... Das aristotelische System zerriss den einheitlichen Zusammenhang der geistigen Kräfte, löste alle Ideale aus dem Wurzelboden des Sittlichen und Ästhetischen los und verpflanzte sie in die Sphäre des Intellekts, wo nur noch abstrakte Erkenntnisse Gültigkeit haben“ (Russlands Kritik an Europa dt. 1923) .

Der Slawe denkt aus dem Zentrum seines Ichs heraus und er hält es für seine sittliche Pflicht,  alle seine Geisteskräfte in diesem Zentrum beieinander zu halten und nicht anders als gesammelt ( in der Nähe des Herzens versammelt) auf Dinge und Menschen zu richten. Denn nur so gelangt das Denken zur Wahrheit und ein Denken, das ein anderes Ziel als die Wahrheit hat, ist sündhaft, unzulässig, unmenschlich. Das slawische Denken ist in seinem Wesen existentiell.

Die beiden aus der griechischen Philosophie hervorgegangenen Zweige der europäischen Philosophie, der abendländisch – aristotelische und der morgenländisch-platonische, haben sich seit der Trennung der orthodoxen von der röm. Kirche (um das Jahr 1000) immer weiter voneinander entwickelt. Zwischen beiden gibt es wenig Berührungspunkte. Den entscheidenden Einfluss des Westens auf den Osten hat die Philosophie Hegels ausgeübt. Gegenwärtig wird im slawischen Lebensraum unter der Führung des Bolschewismus die Philosoph.  Periode der Aufklärungszeit nachgeholt, während Westeuropa mit einer Rückwendung zur Metaphysik die Alleinherrschaft des Rationalismus endgültig abzuschütteln versucht. Die stärksten Wirkungen des Osten auf den Westen haben die Romane Dostojewskijs ausgeübt, in denen die slawische, gesamtmenschliche Haltung in hoher dichterischer Form zum Ausdruck kommt (Guardini, Der Mensch und der Glaube. Versuche über die relig. Existenz in Dostojewskijs großen Romanen 1932). Die Existenzphilosophie, in der west- und osteuropäisches Denken zusammentreffen, ist deshalb eine der wichtigsten und für sie bezeichnendsten Leistungen der europäischen Philosophie.

 

Auszug aus PHILOSOPHISCHES WÖRTERBUCH begründet von Heinrich Schmidt, achtzehnte Auflage, erschienen im Alfred Körner Verlag 1969, und hier ein Auszug aus dem Artikel „Europäische Philosophie“

 

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