Zur
Orgelsituation in der Republik Bulgarien
Wir werfen den Blick auf einen
interessanten, doch leider in Vergessenheit geratenen Teil Europas.
Bulgariens natürliche Grenzen sind im Norden die Donau, im Südosten
das Schwarze Meer. Nachbarn sind im Norden Rumänien, im Nordwesten
Serbien („Rest-Jugoslawien“), im Südwesten Makedonien, im Süden
Griechenland, im Südosten die Türkei. Diese geographische Lage hat die
politische Geschichte Bulgariens als Kreuzungspunkt verschiedenster
Völker, Kulturen und alter Handelswege bestimmt, wie auch seine Rolle
in den Interessen der Großmächte. Ungerechtfertigterweise mit dem
Stempel „Balkan“ und allen dessen negativen Attributen und
Stereotypen versehen, ist Bulgarien für die meisten Westeuropäer (auch
für jene, die sich sonst für informiert und gebildet halten) ein
unbekanntes, exotisches Land „irgendwo da unten“, das beliebig mit
Rumänien, Ungarn (!) oder gar einer asiatischen Republik der ehemaligen
Sowjetunion verwechselt wird. Bulgarien, wirtschaftlich im langsamen
Aufwind begriffen, hat weitgehend ungenutzte Ressourcen: Abgesehen von
seinem schon Ende des 19. Jahrhunderts berühmten fruchtbaren Boden für
Obst, Gemüse, Wein und Tabak hätte das 9 Millionen Einwohner zählende
Land ideale Perspektiven für nicht nur an Massen orientiertem
Tourismus. Neben dem Badeurlaub am Schwarzen Meer könnte Bulgarien auch
Freunde des Skisports anziehen; auf anspruchsvollere und kulturell
aufgeschlossene Gäste warten etwa die Klöster, die alte Zarenstadt
Veliko Tărnovo, die malerische Altstadt von Plovdiv, sowie viele
andere geschichtlich und kunsthistorisch interessante Orte. Inzwischen
kommen auch Gourmets und Weinkenner wieder auf ihre Kosten, denn
Bulgarien hat gastronomisch aus der Symbiose örtlicher Tradition und
byzantinisch-türkischen Einflusses einiges zu bieten.
Im November 1989 gelang es dem als störrisch und als besonders
moskautreu verschrienen Bulgarien, sich unspektakulär und unblutig,
daher - zumindest im Vergleich mit den Ereignissen in Rumänien – „leider“
nicht mediengerecht genug, zunächst vom mit 35 Regierungsjahren
dienstältesten kommunistischen Staatschef Todor Živkov zu
verabschieden. Nach mehreren heftigen politischen und wirtschaftlichen
Krisen des Übergangs blickt der Großteil der Bulgaren hoffnungsvoll
nach Westeuropa, wobei es nicht primär um die Hoffnung auf finanzielle
Rettung geht, sondern um das Streben nach Anerkennung und
Gleichberechtigung im „europäischen Haus“ und die Suche nach
sinnstiftenden Werten und Vorbildern. Erst die Diskussionen um eine
Mitgliedschaft Bulgariens in der Europäischen Union haben das Land
wieder etwas in das europäische Bewusstsein zurückgerufen, auch seine
kulturelle Bedeutung für Europa. Doch den Verdiensten und Bemühungen
der Regierung Kostov, der nationalen und internationalen Beliebtheit des
Präsidenten Petăr Stojanov, wirtschaftlichen und kulturellen
Initiativen und einer Aufbruchstimmung bei der derzeitigen Jugend stehen
die Verarmung, die Arbeitslosigkeit, die Resignation breiter Bevölkerungsschichten
und ein Massenexodus von Fachkräften wie auch von Kapital gegenüber.
Die maroden, muffigen und menschenverachtenden architektonischen Relikte
des Sozialismus bieten einen zutiefst deprimierenden Kontrast zu den
grellen Reklamen fiir westlichen Konsum und das fiir Normalbürger kaum
finanzierbare Überangebot an Verbrauchs- und auch Luxusgütern. Einen
hohen Preis hat Bulgariens Wirtschaft aufgrund des UN-Embargos gegen „Rest-Jugoslawien“
zahlen müssen, führen doch die einzigen Transportwege entweder durch
Serbien oder über die Donaubrücke zwischen Giurgiu und Ruse. In
Misskredit geraten ist auch die inzwischen gespaltene
bulgarisch-orthodoxe Kirche, derem konservativem Teil breite
Kollaboration mit dem kommunistischen System vorgeworfen wird.
Über Bulgarien und die Orgel zu sprechen, erscheint auf den
ersten Blick paradox. Trotz eindeutiger Stellungnahmen der Heiligen
Schrift (insbesondere der Psalmen), mit welchen musikalischen Mitteln
der Mensch Gott preisen soll, bedient sich die orthodoxe Liturgie
ausschließlich der menschlichen Stimme, was eine musikalische Kultur
sui generis hervorgebracht und gefördert hat. Pläne fortschrittlicher
Herrscher wie etwa des russischen Zaren Peters I., auch die orthodoxe
Kirchenmusik durch die Einführung der Orgel zu verwestlichen (nachdem
schon der Kompositionsstil eher alles andere als byzantinisch war),
mussten schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts am Widerstand der
störrischen Geistlichkeit scheitern. Obwohl sich die Orgel auch in
Bulgarien und auch bei orthodoxen Geistlichen als Musikinstrument
großer Beliebtheit erfreut, kommt die bulgarische Kirche auch heute
noch nicht als Initiator und Förderer von Orgelprojekten in Frage. Die
in bzw. für Bulgarien gebauten (erhaltenen wie zerstörten) sowie nach
der Wende gebraucht erworbenen Instrumente standen oder stehen in
katholischen Kirchen, in Konzertsälen und in musikalischen
Ausbildungsstätten. Neubaupläne der vergangenen Jahre mussten am
Geldmangel scheitern - dieser ist auch der Grund für die stark
zurückgegangene Konzerttätigkeit (neben bürokratischem Unwillen). Nur
im Konzertsaal "Bălgaria" in Sofia finden regelmäßig
Orgelkonzerte statt, die außer den „Hausorganisten“ Velin Iliev und
Prof. Neva Krăsteva hin und wieder auch von ausländischen Solisten
gespielt werden, sofern sich eines der ausländischen Kulturinstitute
bereit erklärt, dies zu fördern und zu organisieren.
Die erste Orgel in Bulgarien wurde noch zur Zeit der osmanischen
Fremdherrschaft, vermutlich Ende 1859, in der katholischen Bischofs- und
Pfarrkirche St. Ludwig in Plovdiv aufgestellt. Plovdiv war damals das
Zentrum der Missionsaktivitäten des Kapuzinerordens und ist heute noch
Hauptsitz des Bischofs von Plovdiv und Sofia. Die Orgel verbrannte 1930
infolge eines Kurzschlusses. Außer einer Fotografie, die immerhin
Aufschluss über Aussehen und technische Anlage des Instruments
(klassizistischer Prospekt, Rückpositiv, Spieltisch mit Blick auf den
Altar) gibt, und der Information, das Instrument habe 2500 Pfeifen
besessen, ist uns nichts bekannt, da sämtliche Archivalien ebenfalls
ein Raub der Flammen wurden. Spekulationen wirft die Herkunft der Orgel
auf: Während die Korrespondenz des ersten Kapuzinerbischofs in
Bulgarien, P. Andreas Canova, mit seinen Ordensoberen in Rom und dem
Vatikan (veröffentlicht in: Andreas Tarnovaliski,
Msgr. Andreas Canova. Bulgariens erster Kapuzinermissionar- und
bischof (1841-1866). Brixen/Bressanone 1968) Genua als Herkunftsort
der Plovdiver Orgel bezeichnet, behaupten andere Quellen, sie stamme aus
Budapest und sei sogar erst 1893 geliefert worden (Andrej Andreev,
Njakoi problemi i nasoki v izsledvaneto na muzikalnata deinost na
katoličeskite religiozni misii v Plovdiv ot sredata na XIX vek do
1878 [Einige Probleme und Hinweise in der Erforschung der
musikalischen Aktivitäten der katholischen religiösen Missionen in
Plovdiv von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1878], in: Muzikalni
chorizonti, Sofia, 17-18 (1988), S. 143; Christo Băžev, Kratak pogled vărchu istorijata na
organostroenieto v Bălgarija [Kurzer Überblick über
die Geschichte des Orgelbaus in Bulgarien], in: Musica Viva, Sofia, 14-15 (1999), S. 14-15).
Vermutlich um 1900 entstand für die katholische Kirche St. Josef
in Sofia eine kleine Orgel mit pneumatischer Traktur, die jedoch
während der angloamerikanischen Bombardements am 29. März 1944,
wiederum zusammen mit allen Archivmaterialien, verbrannte. Da es dem
Verfasser im September 1999 gelang, auf beharrliches Insistieren im
Zentralen Staatsarchiv Dokumente im Zusammenhang mit der Orgel von Ruse
zu erhalten (auch der Ankauf kirchlicher Güter musste vom Fürsten bzw.
späteren Zaren „abgesegnet“ werden), ist er der festen Meinung, bei
verstärkten Recherchen doch noch zu Dokumenten über die verlorenen
Instrumente gelangen zu können. Dies betrifft insbesondere die am 31.
März 1944 zerbombte Sauer-Orgel des Konzertsaales „Bălgaria“.
Noch während des Baus (1890-1892)
der neugotischen Kirche St. Paulus vom Kreuze am Donauufer in Ruse, dem
Sitz des Bischofs von Nikopol, interessierte man sich rechtzeitig für
eine angemessene Orgel. Die Firmen E. F. Walcker & Co., Ludwigsburg,
Gebrüder Rieger, Jägerndorf, und H. Voit & Söhne, Durlach, wurden
zu Angeboten aufgefordert. Rieger bot ein einmanualiges Instrument mit
12 Registern an. Den Zuschlag bekam Voit, der im Rahmen einer
zweimanualigen Lösung günstiger als Walcker war und die Orgel 1908 als
sein Opus 1004 aufstellte. Das Einweihungskonzert spielte der Bukarester
Domorganist, P. Emanuel Pohl. Erst 1969 erhielt das pneumatische
Instrument einen Elektroventilator durch den Organisten Dimităr
Karadžov, im Hauptberuf Elektrotechniker. 1988 lieferte Schuke
(Potsdam) ein neues Gebläse und ein Drosselventil, die von dem bei
Schuke ausgebildeten Orgelpfleger Petăr Pădev eingebaut
wurden. Ansonsten ist das Instrument im Originalzustand erhalten. Der
Plan (vor 1974), die Orgel als Alternative zu einem Neubau in den
neugestalteten Konzertsaal nach Sofia umzusetzen und zu erweitem, wurde
ebensowenig realisiert wie das Vorhaben, sie zu „restaurieren“ und
dabei auf mechanische Schleifladen umzusetzen. Für beide Varianten muss
man sagen: zum Glück. Im Gegensatz zu meiner eher positiven Diagnose
von 1994 ist das Werk, eine der wenigen original erhaltenen kleineren
Voit-Orgeln der Jahrhundertwende, heute unspielbar. Der Organist spielt
auf einem Keyboard, dessen Lautspecher an der Emporenbrüstung baumelt,
der derzeitige Pfarrer hält die musikalische Gestaltung der Messen auf
der Gitarre für „demokratischer“ ...
Nachdem sich das städtische Musik- und Theaterleben in Bulgarien
schon bald nach der Befreiung von der osmanischen Herrschaft 1878 und
unter der Führung des naturwissenschaftlich und schöngeistig
interessierten Fürsten Ferdinand I. von Sachsen-Coburg-Gotha-Kohary an
westliche Gepflogenheiten angepasst hatte (u. a. im Bau des
Nationaltheaters durch die Wiener Architekten Helmer & Fellner),
wurde 1936 im Rahmen des Baukomplexes "Bălgaria" und in
Verbindung mit einem großen Hotel der erste große und moderne
Konzertsaal des Königreichs Bulgarien errichtet. Krönung dieses
Engagements war der Einbau einer repräsentativen viermanualigen
Konzertorgel durch die Fa. Wilhelm Sauer, Frankfurt/Oder, die in ihrer
Ausstattung (Fernwerk, fahrbarer und versenkbarer Spieltisch) keine der
damaligen Wünsche offenließ. Als makabre Reliquie dieser Orgel sind
drei kleine Zinnpfeifen erhalten, die man vor der Neugestaltung des
Saales aus dem Schutt gefischt hatte. Da das Archiv der Fa. Sauer nach
Kriegsende durch die einmarschierende Sowjetarmee vernichtet wurde,
geben uns derzeit nur ein handschriftliches Opusbuch mit Disposition und
zwei Konstruktionszeichnungen, die ich in Fotokopie von dem ehemaligen
Archivar der Fa. Sauer, Eberhard Trosch, erhalten habe, sowie ein
Konzertprogramm anlässlich der Eröffnung des Saales (das „Einweihungs“-Konzert
spielte niemand Geringerer als der Pariser Orgelvirtuose und Komponist
Joseph Bonnet) und ein Foto eines Chores Aufschluss über das
Instrument. 1942 war Thomaskantor Günther Ramin Gast an der
Sauer-Orgel. Zeitzeugen berichten, dass er trotz Fliegeralarms und
partiellen Stromausfalls sein Konzert mit Regers B-A-C-H-Fantasie
fortsetzte.
Der kommunistische Staatsstreich am
9. September 1944, der Einmarsch der Sowjetarmee, die Ermordung und
Inhaftierung eines Großteils der politischen und geistigen Elite sowie
die Gleichschaltung des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens
prägten das Schicksal Bulgariens für die weiteren 45 Jahre seiner
Geschichte. Das Land wurde zum sowjetischen Vasallen, unbequemer Denker
entledigte man sich bis in die 70er Jahre hinein - zur Not auch auf
westlichem Territorium -, die Geschichte wurde neu geschrieben, die
engen Beziehungen der „sozialistischen Brudervölker“ wurden in die
frühestmögliche Vergangenheit zurückprojiziert und erneut mit
panslawistischen Ideen verquickt. Es wurde eine geradezu hündische
Dankbarkeit gegenüber den Russen wegen der Befreiung vom „Türkischen
Joch“ (1877/78) zelebriert, welche in Wahrheit keineswegs eine
uneigennützige Aktion war.
Gegen alle politischen Widerstände
gelang es Ende der 60er Jahre unter strikter Betonung des in Wahrheit
weltlichen Ursprungs der Orgel, den Neubau eines Nachfolgeinstruments
für die 1944 zerstörte Sauer-Orgel im Saal „Bălgaria“ in die
Diskussion zu bringen. Erst auf Initiative des Musikwissenschaftlers
Venelin Krăstev und seiner bei Leonid Rojzman in Moskau
ausgebildeten Tochter Neva kam es 1974 zum Bau einer dreimanualigen
Orgel mit 55 Registern durch den Potsdamer Schuke-Orgelbau. Aufgrund der
regen Konzerttätigkeit an diesem Instrument mit Künstlern aus dem „sozialistischen“
wie dem „kapitalistischen“ Ausland sowie nach Rundfunk- und
Schallplattenproduktionen mit Orgelmusik war das Eis für weitere
Neubauprojekte in Konzertsälen Bulgariens gebrochen, wie auch für den
Orgelunterricht an der Staatlichen Musikakademie Sofia, die damals noch
Bulgarisches Staatliches Konservatorium hieß. 1979 lieferte der VEB
Orgelbau Dresden (Jehmlich) ein 19registriges Werk für den großen Saal
der Musikakademie, eine umfunktionierte Sporthalle. Hier gelang es Neva
Krăsteva, eine Orgelklasse aus zahlreichen interessierten
Studierenden, wenn auch nur im Rahmen eines freiwilligen Faches, ins
Leben zu rufen. 1993 verlor der Saal endgültig den Anschein einer
Turnhalle, eine Empore wurde eingezogen, die Jehmlich-Orgel wurde von
der wegen Sonneneinstrahlung klimatisch ungünstigen Längsseite auf das
Podium umgesetzt und von der Erbauerfirma renoviert.
1987 und 1988 wurde der Potsdamer
Schuke-Orgelbau wieder mit zwei Aufträgen bedacht, für den neuerbauten
„Festspielkomplex Ljudmila Živkova“ in Varna an der Schwarzmeerküste
(III/53) und für das Parteigebäude in der ostbulgarischen Stadt
Tolbuchin (II/36), die seit 1991 wieder ihren alten Namen Dobrič trägt.
Ebenfalls 1988 entstand für das Kulturhaus bzw. Stadttheater (in dem
Gebäude sind auch eine Bücherei und eine Volkshochschule
untergebracht) in Blagoevgrad eine Orgel der tschechischen Firma
Rieger-Kloss (II/20), die heute für den Unterricht im Rahmen der
Amerikanischen Universität Blagoevgrad verwendet wird. Die
Schuke-Orgeln hingegen fristen ein kümmerliches Dasein. In Dobrič
erlauben es die finanziellen Mittel weder den Saal in der kalten
Jahreszeit zu beheizen, noch Honorare fiir Organisten auszubezahlen. In
Varna, wo das Instrument seit vier Jahren nicht mehr gespielt wurde, ist
es die bürokratische Willkür des Direktors des Konzert- und
Kongresszentrums, der die Orgel nicht einmal zum Kennenlernen zur
Verfügung stellt und dem Kinoabende oder Flohmärkte wichtiger und
einträglicher erscheinen als Konzerte auf einem für Bulgarien gewiss
nicht alltäglichen Instrument. Noch dazu läge Varna als
Schwarzmeerstadt geradezu im Zentrum des bulgarischen Fremdenverkehrs.
Die Orgel selber ist wegen eines noch nicht diagnostizierbaren Defekts
nur teilweise spielbar.
Man mag sich wundern, woher Ende der
80er Jahre auf einmal diese politische und auch finanzielle
Großzügigkeit kam, die den Bau der drei Orgeln ermöglichte, denn
gerade im Zusammenhang mit der technischen und klanglichen Ausstattung
der Schuke-Instrumente in Dobrič und Varna wurde sichtbar an nichts
gespart. Vielleicht ließ sich schon erahnen, dass der Sturzflug des
Roten Sterns nur noch eine Frage von Monaten war. In Dobrič ist die
Orgel dem Engagement einer Einzelperson zu verdanken, die, wenn auch
Parteifunktionär, zwischen Ideologie und kulturellem Bewusstsein zu
differenzieren wusste.
Die politische Wende Ende 1989
brachte einerseits für die meisten Bulgaren die ersehnte Befreiung vom
kommunistischen Regime und der Fernsteuerung durch den Kreml,
andererseits mussten durch den Verlust von Absatzmärkten, die
wirtschaftliche Krise und die galoppierende Inflation sämtliche Pläne
auch für Orgelneubauten (etwa in der Methodistischen Kirche in Sofia)
auf Eis gelegt werden. Auch konnte die Wartung an den Schuke-Orgeln nur
drei Jahre lang im Rahmen der Gewährleistung durchgeführt werden.
Die Anschaffung weiterer Orgeln wie
auch die Pflege und Stimmung der vorhandenen ist ausschließlich
unentgeltlicher privater Initiative zu verdanken. Nachdem der eigens zur
Wartung der Orgel im Konzertsaal „Bălgarija“ bei Schuke
ausgebildete Musiker Petăr Pădev nach Südafrika emigriert
ist, kümmert sich der Organist des Philharmonischen Orchesters Sofia,
Velin Iliev, im Rahmen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten
unentgeltlich um Stimmung und kleinere Reparaturen vor allem an „seinem“
Instrument. Große Bedenken machen ihm dabei die elektrischen und
elektronischen Verschleißteile, da der von der Erbauerfirma
bereitgestellte Ersatzbestand zur Neige geht. Bestellungen werden
entweder nicht bewilligt oder verschwinden in den Schubladen der
Verantwortlichen. Die Schuke-Orgel in Sofia bedarf zudem dringend einer
Ausreinigung und Nachregulierung.
1991 erhielt die katholische Kirche
in Plovdiv dank der Vermittlung des aus Plovdiv stammenden und in Basel
lebenden Konzertpianisten und Musikpädagogen Kamen Kenov wieder eine
Pfeifenorgel, ein 12registriges Gebrauchtinstrument von Walcker, erbaut
1962 für die katholische Kirche in Riehen bei Basel. Die Orgel wurde
der Gemeinde geschenkt, den Transport ermöglichten Sponsoren, die
Aufstellung und Einstimmung übernahmen Petăr Pădev und Velin
Iliev. 1999 gelang es Kenov mit einer ähnlichen Aktion, die Plovdiver
Akademie für Musik und Tanz mit einem fünfregistrigen Positiv von
Werner Bosch (erbaut 1958 ebenfalls für eine Kirche im Kanton Basel) zu
versorgen. Es wäre zweifellos eine für beide Seiten gewinnbringende
Perspektive, bulgarische Kirchen, Konzertsäle und Unterrichtsräume mit
gut erhaltenen Gebrauchtorgeln auszustatten, die bei uns vielleicht nur
„unzeitgemäße“ Opfer eines aktuellen und damit vorübergehenden
Stilempfindens unserer Organisten, Orgelbauer und Orgelsachverständigen
sind, anstatt mit derzeit nicht finanzierbaren Neubauten. Warum sollten
sie nicht in einem Land wie Bulgarien weiterklingen können, wo
Orgelmusik in der Zeit des Kommunismus das vermittelte, was für viele
die orthodoxe weihrauchgeschwängerte Prunkentfaltung nicht vermochte:
Trost und innere Harmonie im grauen nihilistischen Alltag und das
Gefühl von Kultur, Spiritualität und für die Gläubigen auch
Gottesnähe über die Musik, besonders die von Johann Sebastian Bach.
Ich möchte diese Präsentation der
bulgarischen „Orgellandschaft“ nicht beschließen, ohne meinen
gleichgesinnten bulgarischen Freunden herzlich für viele wertvolle
Informationen, Vermittlungen und die Preisgabe von Schlüsselverstecken
herzlich zu danken. Die selbstlosen Initiativen von Velin Iliev wurden
schon erwähnt. Grenzenlos in die Orgel verliebt ist der Posaunist
Christo Băžev aus Loveč, der schon zur kommunistischen Zeit
und unter mißbilligendem Blick und Unverständnis weltlicher und
kirchlicher Instanzen Orgelforschung betrieben hat. In seinem Besitz
sind zahllose eigene und historische Fotos, auch der inzwischen
untergegangenen Orgeln, sowie die erwähnten Pfeifen aus der zerstörten
Sauer-Orgel und eine in seiner Heimat einmalige Fachbibliothek.

Die Instrumente im Einzelnen (in
chronologischer Reihenfolge)
Plovdiv,
Katholische Bischofs- und Pfarrkirche St. Ludwig
Erstinstrument von 1869 (?) von einem Orgelbauer aus Genua, oder
nach anderen Quellen aus Budapest. 1930 verbrannt. Technische Daten bis
auf die Anzahl von 2500 Pfeifen unbekannt. Seit 1991 Orgel von E.F.
Walcker & Co., Ludwigsburg, Opus 5128, erbaut 1962 fur die
Katholische Pfarrkirche Riehen bei Basel II/12, Schleifladen,
mechanische Spiel- und Registertraktur
I. Manual, C-c4
Prinzipalflöte 8, Prinzipal 4,
Sesquialter 2fach [ab b: 1 1/3 + 4/5], Mixtur 2-3fach
II. Manual, C-c4
Gedeckt 8, Rohrflöte 4, Prinzipal
2, Quinte 1 1/3, Zimbel 2fach
Pedal, C-g1
Subbaß 16, Gedecktbaß 8,
Choralbaß 4
Koppeln [Tritte]: II-I, I-Ped., II-Ped.

Sofia,
Katholische Pfarrkirche St. Josef
Erbaut vermutlich 1900, pneumatische Traktur. Erbauer und
technische Gestalt unbekannt. Verbrannt 1944

Ruse,
Katholische Bischofs- und Pfarrkirche St. Paulus vom Kreuz
Erbaut 1907 von Heinrich Voit & Söhne, Karlsruhe-Durlach, Op.
1004, II/13, Ventilladen, pneumatische Spiel- und Registertraktur
I. Manual, C-f3
Bordun 16, Prinzipal 8, Viola di
Gamba 8, Flauto amabile 8, Oktave 4, Cornett 3-4fach
II. Manual, C-f3 [im Schweller]
Geigenprinzipal 8, Salicional 8, Vox
coelestis 8, Lieblich Gedeckt 8, Rohrflöte 4
Pedal, C-d1
Subbass 16, Zartbass 16 [eigenes
Register!]
Koppeln [Wippen]: II/I,
I/Ped., II/Ped., Sub II/I, Super I
Kombinationen: Tutti [Wippe]
Absteller: Handregister ab,
Walze ab [Wippen],
Crescendowalze, Schwelltritt II

Sofia,
Konzertsaal „Bălgaria“
Frühere, 1944 zerstörte Orgel: Erbaut 1936/37 von W. Sauer
Orgelbau (Inh. Dr.h.c. Oscar Walcker), Frankfurt/Oder, Opus 1552, IV/70,
Kegelladen, elektropneumatische Spiel- und Registertraktur
I. Manual, C-c4
Bourdon 16, Prinzipal 8, Flûte
harmonique 8, Gemshorn 8, Grobgedackt 8, Gamba 8, Oktave 4, Rohrflöte
4, Spitzquinte 2 2/3, Superoktave 2, Waldflöte 2, Scharf 3fach, Mixtur
5fach, Trompete 8
II. Manual, C-c4 [im
Schweller]
Ital. Prinzipal 8, Singend Gedackt
8, Quintatön 8, Salicional 8, Kleinprinzipal 4, Blockflöte 4,
Schwiegel 2, Terz 1 3/5, Quinte 1 1/3, Glöckleinton 1, Cymbel 4fach,
Sordun 16, Krummhorn 8, Regal 4, Waldhorn 4, Harfe celesta ("mit
besonderem Ventilator" [???]), Tremolo II
III. Manual, C-c4 [im
Schweller]
Quintade 16, Hornprinzipal 8,
Konzertflöte 8, Nachthorn 8, Viola 8, Vox celestis 8, Fugara 4, Flauto
traverso 4, Nachthornquinte 2 2/3, Piccolo 2, Nasat 1 1/3, Siffiöte 1,
Echomixtur 5fach, Fagott 16, Trompette harmonique 8, Oboe 8, Clairon 4,
Tremolo III
IV. Manual, C-c4 [Fernwerk mit
2 Schwellern]
Spitzflöte 8, Unda maris 8,
Echobourdon 8, Singend Prinzipa14, Flautino 2, Campanelli 5fach, Vox
humana 8, Schalmei 4, Tremolo IV
Pedal, C-f1
Grand Bourdon 32 [16 + 10 2/3],
Prinzipalbaß 16, Kontrabaß 16, Subbaß 16, Echobaß 16 [Transm.],
Quintbaß 10 2/3, Oktave 8, Baßflöte 8 [Transm.], Cello 8 [Transm.],
Choralbaß 4, Flötenbaß 4, Flachflöte 2, Bauernflöte 1, Pedalmixtur
5fach, Posaune 16, Trompete 8 [Transm.], Clairon 4 [Transm.]
Koppeln: II/I, III/I, IV/I, I/P,
II/P, III/P, IV/P, Superoktav III, Superoktav III/I, Superoktav IV,
Suboktav III, Suboktav III/I, Suboktav IV
Kombinationen: 4 freie
Kombinationen, Tutti [ohne Koppeln], Generaltutti, Pianopedal [frei
einstellbar]
Absteller: Walze ab, Koppeln
aus der Walze, Handregister ab, Zungen ab, 16’ ab
Crescendowalze, Schwelltritt II,
Schwelltritt III, Schwelltritt IV
Heutige Orgel: Erbaut 1974 vom
Schuke-Orgelbau Potsdam, III/55, Schleifladen, mechani- sche
Spieltraktur, elektrische Registertraktur
I. Manual, C-a3, Hauptwerk
Bordun 16, Principal 8, Koppelflöte
8, Trichterpfeife 8, Oktave 4, Spitzflöte 4, Quinte 2 2/3, Oktave 2,
Cornett 4f [ab g], Groß-Mixtur 6-7f, Klein-Mixtur 4f, Fagott 16,
Trompete 8, II-I, III-I
II. Manual, C-a3, Schwellwerk
Holzprincipal 8, Spitzgedackt 8,
Viola da Gamba 8, Principal 4, Nachthorn 4, Rohrnassat 2 2/3, Oktave 2,
Feldpfeife 2, Terz 1 3/5, Spitzquinte 1 1/3, Septime 1 1/7, Sifflöte 1,
Mixtur 5f, Cymbel 3f, Dulcian 16, Hautbois 8, Schalmei 4, Tremulant,
III-II
III. Manual, C-g3, Brustwerk
Holzgedackt 8, Quintadena 8,
Principal 4, Rohrflöte 4, Dulzflöte 4, Sesquialtera 2f, Gemshorn 2,
Quinte 1 1/3, Oktave 1, Scharff 4f, Vox humana 8, Tremulant
Pedalwerk, C-f1
Principal 16, Subbaß 16, Quinte 10
2/3, Oktave 8, Baßflöte 8, Baß-Aliquote 4f, Oktave 4, Pommer 4,
Flachflöte 2, Hintersatz 4-5f, Mixtur 3f, Posaune 16, Trompete 8,
Feldtrompete 4, I-P, II-P, III-P
Kombinationen: 8 Setzerkombinbationen, davon 4 geteilt.
Organo Pleno [frei einstellbar]
An- und Absteller: Zungeneinzelabsteller,
Zungen ab, Walze an
Crescendowalze, Schwelltritt II

Sofia,
Konzertsaal der Staatlichen Musikakademie
Erbaut 1979 von VEB Orgelbau Dresden (Jehmlich), Opus 997. 1993
von Orgelbau Jehmlich an die Stirnseite des Saales umgesetzt und
renoviert, II/19, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur
I. Manual, C-g3, Hauptwerk
Rohrflöte 8, Prinzipal 4, Nasat 2
2/3, Waldflöte 2, Mixtur 3-4f., Dulzian 16
II. Manual, C-g3, Hauptwerk
Gedackt 8, Weidenpfeife 8,
Koppelflöte 4, Prinzipal 2, Terz 1 3/5, Quinte 1 1/3, Zimbel 2f.,
Krummhorn 8, Tremulant
Pedalwerk, C-f1
Subbaß 16, Prinzipalflöte 8,
Gemshorn 4, Mixtur 3f., Trompete 8
Koppeln: I-P, II-P, 11-1

Dobrič
(Tolbuchin), Konzertsaal des Rathauses (ehemaliges Parteigebäude)
Erbaut 1987 von Schuke-Orgelbau Potsdam, II/36, Schleifladen,
mechanische Spieltraktur, elektrische Registertraktur
I. Manual, C-g3, Hauptwerk
Gedackt 16, Principal 8, Rohrflöte
8, Quintadena 8, Oktave 4, Spitzflöte 4, Quinte 2 2/3, Oktave 2,
Waldflöte 2, Mixtur 4-5f, Cimbel 3f, Trompete 8, II/I
II. Manual, C-g3, Schwellwerk
Geigenprincipal 8, Holzgedackt 8,
Salicional 8, Oktave 4, Nachthorn 4, Fugara 4, Nassat 2 2/3, Gernshorn
2, Terz 1 3/5, Quinte 1 1/3, Sifflöte 1, Scharff 4f, Oboe 8, Vox humana
8, Tremulant
Pedalwerk, C-f1
Principal 16, Subbaß 16, Oktave 8,
Gedacktbaß 8, Oktave 4, Flachflöte 4, Bauernpfeife 2, Hintersatz 4f,
Posaune 16, Trompete 8, I/P, II/P
Kombinationen: 32 Setzerkombinationen, Organo Pleno
An- und Absteller: Zungeneinzelabsteller,
Handregister an Walze, Walze an
Crescendowalze, Schwelltritt II

Blagoevgrad,
Theater- und Konzertsaal des Kulturhauses
Erbaut 1988 von Rieger-Kloss, Krnov, Opus 3603, II/20,
Schleifladen, mechanische Spieltraktur, elektrische Registertraktur
I. Manual, C-a3, Hauptwerk
Principa1 8, Rohrflöte 8, Oktave 4,
Blockflöte 2, Mixtur 4-5x 1 1/3, Trompete 8, II/I
II. Manual, C-a3, Schwellwerk
Gedackt 8, Spitzgambe 8, Principal
4, Koppelflöte 4, Oktave 2, Sesquialter 2x 1 1/3, Scharf 4x 1,
Krummhorn 8, Tremolo
Pedal, C-f1
Subbass 16, Oktave 8, Bassflöte 8,
Superoktave 4, Rauschpfeife 4x 2 2/3, Fagott 16, I/P, II/P
Kombinationen: 4 freie Kombinationen, Pleno, Tutti
Absteller: Zungeneinzelabsteller,
Zungen ab, Crescendo ab
Crescendowalze, Schwelltritt II

Varna,
Kongress- und Festspielzentrum
Erbaut 1989 von Schuke-Orgelbau Potsdam, IlI/53, Schleifladen,
mechanische Spieltraktur, elektrische Registertraktur
I. Manual, C-a3, Hauptwerk
Bordun 16, Principal 8, Spillpfeife
8, Gambe 8, Oktave 4, Gernshorn 4, Rauschpfeife 2f, Flachflöte 2,
Mixtur 6f, Scharff 4f, Trompete 16, Trompete 8, II/I, III/I, ST/I; auf
Sonderlade: Solotrompete 16 , Solotrompete 8
II. Manual, C-a3, Schwellwerk
Gedackt 16, Geigenprincipal 8,
Holzflöte 8, Salicional 8, Schwebung 8 [ab c], Oktave 4, Blockflöte 4,
Fugara 4, Nassat 2 2/3, Waldflöte 2, Terz 1 3/5, Mixtur 5f, Bombarde
16, Hautbois 8, Schalmei 4, Tremulant, III/II, ST/II
III. Manual, C-a3, Oberwerk
Principal 8, Holzgedackt 8,
Quintadena 8, Oktave 4, Rohrflöte 4, Sesquialtera 2f, Oktave 2,
Spitzflöte 2, Nassat 1 1/3, Sifflöte 1, Mixtur 5f, Vox humana 8,
Tremulant
Pedalwerk, C-f1
Principal 16, Subbaß 16, Nassat 10
2/3, Oktave 8, Gedackt 8, Oktave 4, Pommer 4, Nachthorn 2, Mixtur 5f,
Posaune 16, Trompete 8, Clairon 4, I/P, II/P, III/P, ST/P
Kombinationen: 32 Setzerkombinationen, Organo Pleno [frei
einstellbar]
An- und Absteller: Zungeneinzelabsteller,
Handregister an Walze, Walze an
Crescendowalze, Schwelltritt II

Plovdiv,
Konzertsaal der Akademie für Musik und Tanz
Erbaut 1958 von Wemer Bosch, Kassel, Werk 180. 1999 in Plovdiv
aufgestellt, I/5, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur
Manual, C-f3
Gedackt 8, Prinzipal 4, Blockflöte
2, Mixtur 3fach 1 1/3
Pedal, C-f1
Subbaß 16, Koppel M/P