eingefügt am 8.März 2002 /gwm

 

 

Ulrich Theißen

 

 

Zur Orgelsituation 

in der 

Republik Bulgarien 

 

 

 

 

 Zur Orgelsituation in der Republik Bulgarien

 

Plovdiv, Kath. St. Ludwig Disposition

Sofia, Kath. St. Josef 

Ruse, St. Paul, Disposition

Sofia, Konzertsaal, Disposition

Dobric, Konzertsaal,  Dispostion

Blagoevgrad,Theater - Kulturhaus, Disposition

Varna, Kongress - und Festspielhaus, Disposition

Plovdiv, Konzertsaal, Disposition

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und hier ein Link zum Institut für Slawistik nach Salzburg 

und hier geht es zur Biografie von Ulrich Theissen

 

 

Zur Orgelsituation in der Republik Bulgarien

Wir werfen den Blick auf einen interessanten, doch leider in Vergessenheit geratenen Teil Europas. Bulgariens natürliche Grenzen sind im Norden die Donau, im Südosten das Schwarze Meer. Nachbarn sind im Norden Rumänien, im Nordwesten Serbien („Rest-Jugoslawien“), im Südwesten Makedonien, im Süden Griechenland, im Südosten die Türkei. Diese geographische Lage hat die politische Geschichte Bulgariens als Kreuzungspunkt verschiedenster Völker, Kulturen und alter Handelswege bestimmt, wie auch seine Rolle in den Interessen der Großmächte. Ungerechtfertigterweise mit dem Stempel „Balkan“ und allen dessen negativen Attributen und Stereotypen versehen, ist Bulgarien für die meisten Westeuropäer (auch für jene, die sich sonst für informiert und gebildet halten) ein unbekanntes, exotisches Land „irgendwo da unten“, das beliebig mit Rumänien, Ungarn (!) oder gar einer asiatischen Republik der ehemaligen Sowjetunion verwechselt wird. Bulgarien, wirtschaftlich im langsamen Aufwind begriffen, hat weitgehend ungenutzte Ressourcen: Abgesehen von seinem schon Ende des 19. Jahrhunderts berühmten fruchtbaren Boden für Obst, Gemüse, Wein und Tabak hätte das 9 Millionen Einwohner zählende Land ideale Perspektiven für nicht nur an Massen orientiertem Tourismus. Neben dem Badeurlaub am Schwarzen Meer könnte Bulgarien auch Freunde des Skisports anziehen; auf anspruchsvollere und kulturell aufgeschlossene Gäste warten etwa die Klöster, die alte Zarenstadt Veliko Tărnovo, die malerische Altstadt von Plovdiv, sowie viele andere geschichtlich und kunsthistorisch interessante Orte. Inzwischen kommen auch Gourmets und Weinkenner wieder auf ihre Kosten, denn Bulgarien hat gastronomisch aus der Symbiose örtlicher Tradition und byzantinisch-türkischen Einflusses einiges zu bieten.

 Im November 1989 gelang es dem als störrisch und als besonders moskautreu verschrienen Bulgarien, sich unspektakulär und unblutig, daher - zumindest im Vergleich mit den Ereignissen in Rumänien – „leider“ nicht mediengerecht genug, zunächst vom mit 35 Regierungsjahren dienstältesten kommunistischen Staatschef Todor Živkov zu verabschieden. Nach mehreren heftigen politischen und wirtschaftlichen Krisen des Übergangs blickt der Großteil der Bulgaren hoffnungsvoll nach Westeuropa, wobei es nicht primär um die Hoffnung auf finanzielle Rettung geht, sondern um das Streben nach Anerkennung und Gleichberechtigung im „europäischen Haus“ und die Suche nach sinnstiftenden Werten und Vorbildern. Erst die Diskussionen um eine Mitgliedschaft Bulgariens in der Europäischen Union haben das Land wieder etwas in das europäische Bewusstsein zurückgerufen, auch seine kulturelle Bedeutung für Europa. Doch den Verdiensten und Bemühungen der Regierung Kostov, der nationalen und internationalen Beliebtheit des Präsidenten Petăr Stojanov, wirtschaftlichen und kulturellen Initiativen und einer Aufbruchstimmung bei der derzeitigen Jugend stehen die Verarmung, die Arbeitslosigkeit, die Resignation breiter Bevölkerungsschichten und ein Massenexodus von Fachkräften wie auch von Kapital gegenüber. Die maroden, muffigen und menschenverachtenden architektonischen Relikte des Sozialismus bieten einen zutiefst deprimierenden Kontrast zu den grellen Reklamen fiir westlichen Konsum und das fiir Normalbürger kaum finanzierbare Überangebot an Verbrauchs- und auch Luxusgütern. Einen hohen Preis hat Bulgariens Wirtschaft aufgrund des UN-Embargos gegen „Rest-Jugoslawien“ zahlen müssen, führen doch die einzigen Transportwege entweder durch Serbien oder über die Donaubrücke zwischen Giurgiu und Ruse. In Misskredit geraten ist auch die inzwischen gespaltene bulgarisch-orthodoxe Kirche, derem konservativem Teil breite Kollaboration mit dem kommunistischen System vorgeworfen wird.

 Über Bulgarien und die Orgel zu sprechen, erscheint auf den ersten Blick paradox. Trotz eindeutiger Stellungnahmen der Heiligen Schrift (insbesondere der Psalmen), mit welchen musikalischen Mitteln der Mensch Gott preisen soll, bedient sich die orthodoxe Liturgie ausschließlich der menschlichen Stimme, was eine musikalische Kultur sui generis hervorgebracht und gefördert hat. Pläne fortschrittlicher Herrscher wie etwa des russischen Zaren Peters I., auch die orthodoxe Kirchenmusik durch die Einführung der Orgel zu verwestlichen (nachdem schon der Kompositionsstil eher alles andere als byzantinisch war), mussten schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts am Widerstand der störrischen Geistlichkeit scheitern. Obwohl sich die Orgel auch in Bulgarien und auch bei orthodoxen Geistlichen als Musikinstrument großer Beliebtheit erfreut, kommt die bulgarische Kirche auch heute noch nicht als Initiator und Förderer von Orgelprojekten in Frage. Die in bzw. für Bulgarien gebauten (erhaltenen wie zerstörten) sowie nach der Wende gebraucht erworbenen Instrumente standen oder stehen in katholischen Kirchen, in Konzertsälen und in musikalischen Ausbildungsstätten. Neubaupläne der vergangenen Jahre mussten am Geldmangel scheitern - dieser ist auch der Grund für die stark zurückgegangene Konzerttätigkeit (neben bürokratischem Unwillen). Nur im Konzertsaal "Bălgaria" in Sofia finden regelmäßig Orgelkonzerte statt, die außer den „Hausorganisten“ Velin Iliev und Prof. Neva Krăsteva hin und wieder auch von ausländischen Solisten gespielt werden, sofern sich eines der ausländischen Kulturinstitute bereit erklärt, dies zu fördern und zu organisieren.

 Die erste Orgel in Bulgarien wurde noch zur Zeit der osmanischen Fremdherrschaft, vermutlich Ende 1859, in der katholischen Bischofs- und Pfarrkirche St. Ludwig in Plovdiv aufgestellt. Plovdiv war damals das Zentrum der Missionsaktivitäten des Kapuzinerordens und ist heute noch Hauptsitz des Bischofs von Plovdiv und Sofia. Die Orgel verbrannte 1930 infolge eines Kurzschlusses. Außer einer Fotografie, die immerhin Aufschluss über Aussehen und technische Anlage des Instruments (klassizistischer Prospekt, Rückpositiv, Spieltisch mit Blick auf den Altar) gibt, und der Information, das Instrument habe 2500 Pfeifen besessen, ist uns nichts bekannt, da sämtliche Archivalien ebenfalls ein Raub der Flammen wurden. Spekulationen wirft die Herkunft der Orgel auf: Während die Korrespondenz des ersten Kapuzinerbischofs in Bulgarien, P. Andreas Canova, mit seinen Ordensoberen in Rom und dem Vatikan (veröffentlicht in: Andreas Tarnovaliski, Msgr. Andreas Canova. Bulgariens erster Kapuzinermissionar- und bischof (1841-1866). Brixen/Bressanone 1968) Genua als Herkunftsort der Plovdiver Orgel bezeichnet, behaupten andere Quellen, sie stamme aus Budapest und sei sogar erst 1893 geliefert worden (Andrej Andreev, Njakoi problemi i nasoki v izsledvaneto na muzikalnata deinost na katoličeskite religiozni misii v Plovdiv ot sredata na XIX vek do 1878 [Einige Probleme und Hinweise in der Erforschung der musikalischen Aktivitäten der katholischen religiösen Missionen in Plovdiv von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1878], in: Muzikalni chorizonti, Sofia, 17-18 (1988), S. 143; Christo Băžev, Kratak pogled vărchu istorijata na organostroenieto v Bălgarija [Kurzer Überblick über die Geschichte des Orgelbaus in Bulgarien], in: Musica Viva, Sofia, 14-15 (1999), S. 14-15).

 Vermutlich um 1900 entstand für die katholische Kirche St. Josef in Sofia eine kleine Orgel mit pneumatischer Traktur, die jedoch während der angloamerikanischen Bombardements am 29. März 1944, wiederum zusammen mit allen Archivmaterialien, verbrannte. Da es dem Verfasser im September 1999 gelang, auf beharrliches Insistieren im Zentralen Staatsarchiv Dokumente im Zusammenhang mit der Orgel von Ruse zu erhalten (auch der Ankauf kirchlicher Güter musste vom Fürsten bzw. späteren Zaren „abgesegnet“ werden), ist er der festen Meinung, bei verstärkten Recherchen doch noch zu Dokumenten über die verlorenen Instrumente gelangen zu können. Dies betrifft insbesondere die am 31. März 1944 zerbombte Sauer-Orgel des Konzertsaales „Bălgaria“.

Noch während des Baus (1890-1892) der neugotischen Kirche St. Paulus vom Kreuze am Donauufer in Ruse, dem Sitz des Bischofs von Nikopol, interessierte man sich rechtzeitig für eine angemessene Orgel. Die Firmen E. F. Walcker & Co., Ludwigsburg, Gebrüder Rieger, Jägerndorf, und H. Voit & Söhne, Durlach, wurden zu Angeboten aufgefordert. Rieger bot ein einmanualiges Instrument mit 12 Registern an. Den Zuschlag bekam Voit, der im Rahmen einer zweimanualigen Lösung günstiger als Walcker war und die Orgel 1908 als sein Opus 1004 aufstellte. Das Einweihungskonzert spielte der Bukarester Domorganist, P. Emanuel Pohl. Erst 1969 erhielt das pneumatische Instrument einen Elektroventilator durch den Organisten Dimităr Karadžov, im Hauptberuf Elektrotechniker. 1988 lieferte Schuke (Potsdam) ein neues Gebläse und ein Drosselventil, die von dem bei Schuke ausgebildeten Orgelpfleger Petăr Pădev eingebaut wurden. Ansonsten ist das Instrument im Originalzustand erhalten. Der Plan (vor 1974), die Orgel als Alternative zu einem Neubau in den neugestalteten Konzertsaal nach Sofia umzusetzen und zu erweitem, wurde ebensowenig realisiert wie das Vorhaben, sie zu „restaurieren“ und dabei auf mechanische Schleifladen umzusetzen. Für beide Varianten muss man sagen: zum Glück. Im Gegensatz zu meiner eher positiven Diagnose von 1994 ist das Werk, eine der wenigen original erhaltenen kleineren Voit-Orgeln der Jahrhundertwende, heute unspielbar. Der Organist spielt auf einem Keyboard, dessen Lautspecher an der Emporenbrüstung baumelt, der derzeitige Pfarrer hält die musikalische Gestaltung der Messen auf der Gitarre für „demokratischer“ ...

 Nachdem sich das städtische Musik- und Theaterleben in Bulgarien schon bald nach der Befreiung von der osmanischen Herrschaft 1878 und unter der Führung des naturwissenschaftlich und schöngeistig interessierten Fürsten Ferdinand I. von Sachsen-Coburg-Gotha-Kohary an westliche Gepflogenheiten angepasst hatte (u. a. im Bau des Nationaltheaters durch die Wiener Architekten Helmer & Fellner), wurde 1936 im Rahmen des Baukomplexes "Bălgaria" und in Verbindung mit einem großen Hotel der erste große und moderne Konzertsaal des Königreichs Bulgarien errichtet. Krönung dieses Engagements war der Einbau einer repräsentativen viermanualigen Konzertorgel durch die Fa. Wilhelm Sauer, Frankfurt/Oder, die in ihrer Ausstattung (Fernwerk, fahrbarer und versenkbarer Spieltisch) keine der damaligen Wünsche offenließ. Als makabre Reliquie dieser Orgel sind drei kleine Zinnpfeifen erhalten, die man vor der Neugestaltung des Saales aus dem Schutt gefischt hatte. Da das Archiv der Fa. Sauer nach Kriegsende durch die einmarschierende Sowjetarmee vernichtet wurde, geben uns derzeit nur ein handschriftliches Opusbuch mit Disposition und zwei Konstruktionszeichnungen, die ich in Fotokopie von dem ehemaligen Archivar der Fa. Sauer, Eberhard Trosch, erhalten habe, sowie ein Konzertprogramm anlässlich der Eröffnung des Saales (das „Einweihungs“-Konzert spielte niemand Geringerer als der Pariser Orgelvirtuose und Komponist Joseph Bonnet) und ein Foto eines Chores Aufschluss über das Instrument. 1942 war Thomaskantor Günther Ramin Gast an der Sauer-Orgel. Zeitzeugen berichten, dass er trotz Fliegeralarms und partiellen Stromausfalls sein Konzert mit Regers B-A-C-H-Fantasie fortsetzte.

Der kommunistische Staatsstreich am 9. September 1944, der Einmarsch der Sowjetarmee, die Ermordung und Inhaftierung eines Großteils der politischen und geistigen Elite sowie die Gleichschaltung des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens prägten das Schicksal Bulgariens für die weiteren 45 Jahre seiner Geschichte. Das Land wurde zum sowjetischen Vasallen, unbequemer Denker entledigte man sich bis in die 70er Jahre hinein - zur Not auch auf westlichem Territorium -, die Geschichte wurde neu geschrieben, die engen Beziehungen der „sozialistischen Brudervölker“ wurden in die frühestmögliche Vergangenheit zurückprojiziert und erneut mit panslawistischen Ideen verquickt. Es wurde eine geradezu hündische Dankbarkeit gegenüber den Russen wegen der Befreiung vom „Türkischen Joch“ (1877/78) zelebriert, welche in Wahrheit keineswegs eine uneigennützige Aktion war.

 

Gegen alle politischen Widerstände gelang es Ende der 60er Jahre unter strikter Betonung des in Wahrheit weltlichen Ursprungs der Orgel, den Neubau eines Nachfolgeinstruments für die 1944 zerstörte Sauer-Orgel im Saal „Bălgaria“ in die Diskussion zu bringen. Erst auf Initiative des Musikwissenschaftlers Venelin Krăstev und seiner bei Leonid Rojzman in Moskau ausgebildeten Tochter Neva kam es 1974 zum Bau einer dreimanualigen Orgel mit 55 Registern durch den Potsdamer Schuke-Orgelbau. Aufgrund der regen Konzerttätigkeit an diesem Instrument mit Künstlern aus dem „sozialistischen“ wie dem „kapitalistischen“ Ausland sowie nach Rundfunk- und Schallplattenproduktionen mit Orgelmusik war das Eis für weitere Neubauprojekte in Konzertsälen Bulgariens gebrochen, wie auch für den Orgelunterricht an der Staatlichen Musikakademie Sofia, die damals noch Bulgarisches Staatliches Konservatorium hieß. 1979 lieferte der VEB Orgelbau Dresden (Jehmlich) ein 19registriges Werk für den großen Saal der Musikakademie, eine umfunktionierte Sporthalle. Hier gelang es Neva Krăsteva, eine Orgelklasse aus zahlreichen interessierten Studierenden, wenn auch nur im Rahmen eines freiwilligen Faches, ins Leben zu rufen. 1993 verlor der Saal endgültig den Anschein einer Turnhalle, eine Empore wurde eingezogen, die Jehmlich-Orgel wurde von der wegen Sonneneinstrahlung klimatisch ungünstigen Längsseite auf das Podium umgesetzt und von der Erbauerfirma renoviert.

1987 und 1988 wurde der Potsdamer Schuke-Orgelbau wieder mit zwei Aufträgen bedacht, für den neuerbauten „Festspielkomplex Ljudmila Živkova“ in Varna an der Schwarzmeerküste (III/53) und für das Parteigebäude in der ostbulgarischen Stadt Tolbuchin (II/36), die seit 1991 wieder ihren alten Namen Dobrič trägt. Ebenfalls 1988 entstand für das Kulturhaus bzw. Stadttheater (in dem Gebäude sind auch eine Bücherei und eine Volkshochschule untergebracht) in Blagoevgrad eine Orgel der tschechischen Firma Rieger-Kloss (II/20), die heute für den Unterricht im Rahmen der Amerikanischen Universität Blagoevgrad verwendet wird. Die Schuke-Orgeln hingegen fristen ein kümmerliches Dasein. In Dobrič erlauben es die finanziellen Mittel weder den Saal in der kalten Jahreszeit zu beheizen, noch Honorare fiir Organisten auszubezahlen. In Varna, wo das Instrument seit vier Jahren nicht mehr gespielt wurde, ist es die bürokratische Willkür des Direktors des Konzert- und Kongresszentrums, der die Orgel nicht einmal zum Kennenlernen zur Verfügung stellt und dem Kinoabende oder Flohmärkte wichtiger und einträglicher erscheinen als Konzerte auf einem für Bulgarien gewiss nicht alltäglichen Instrument. Noch dazu läge Varna als Schwarzmeerstadt geradezu im Zentrum des bulgarischen Fremdenverkehrs. Die Orgel selber ist wegen eines noch nicht diagnostizierbaren Defekts nur teilweise spielbar.

 

Man mag sich wundern, woher Ende der 80er Jahre auf einmal diese politische und auch finanzielle Großzügigkeit kam, die den Bau der drei Orgeln ermöglichte, denn gerade im Zusammenhang mit der technischen und klanglichen Ausstattung der Schuke-Instrumente in Dobrič und Varna wurde sichtbar an nichts gespart. Vielleicht ließ sich schon erahnen, dass der Sturzflug des Roten Sterns nur noch eine Frage von Monaten war. In Dobrič ist die Orgel dem Engagement einer Einzelperson zu verdanken, die, wenn auch Parteifunktionär, zwischen Ideologie und kulturellem Bewusstsein zu differenzieren wusste.

 

Die politische Wende Ende 1989 brachte einerseits für die meisten Bulgaren die ersehnte Befreiung vom kommunistischen Regime und der Fernsteuerung durch den Kreml, andererseits mussten durch den Verlust von Absatzmärkten, die wirtschaftliche Krise und die galoppierende Inflation sämtliche Pläne auch für Orgelneubauten (etwa in der Methodistischen Kirche in Sofia) auf Eis gelegt werden. Auch konnte die Wartung an den Schuke-Orgeln nur drei Jahre lang im Rahmen der Gewährleistung durchgeführt werden.

 

Die Anschaffung weiterer Orgeln wie auch die Pflege und Stimmung der vorhandenen ist ausschließlich unentgeltlicher privater Initiative zu verdanken. Nachdem der eigens zur Wartung der Orgel im Konzertsaal „Bălgarija“ bei Schuke ausgebildete Musiker Petăr Pădev nach Südafrika emigriert ist, kümmert sich der Organist des Philharmonischen Orchesters Sofia, Velin Iliev, im Rahmen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten unentgeltlich um Stimmung und kleinere Reparaturen vor allem an „seinem“ Instrument. Große Bedenken machen ihm dabei die elektrischen und elektronischen Verschleißteile, da der von der Erbauerfirma bereitgestellte Ersatzbestand zur Neige geht. Bestellungen werden entweder nicht bewilligt oder verschwinden in den Schubladen der Verantwortlichen. Die Schuke-Orgel in Sofia bedarf zudem dringend einer Ausreinigung und Nachregulierung.

 

1991 erhielt die katholische Kirche in Plovdiv dank der Vermittlung des aus Plovdiv stammenden und in Basel lebenden Konzertpianisten und Musikpädagogen Kamen Kenov wieder eine Pfeifenorgel, ein 12registriges Gebrauchtinstrument von Walcker, erbaut 1962 für die katholische Kirche in Riehen bei Basel. Die Orgel wurde der Gemeinde geschenkt, den Transport ermöglichten Sponsoren, die Aufstellung und Einstimmung übernahmen Petăr Pădev und Velin Iliev. 1999 gelang es Kenov mit einer ähnlichen Aktion, die Plovdiver Akademie für Musik und Tanz mit einem fünfregistrigen Positiv von Werner Bosch (erbaut 1958 ebenfalls für eine Kirche im Kanton Basel) zu versorgen. Es wäre zweifellos eine für beide Seiten gewinnbringende Perspektive, bulgarische Kirchen, Konzertsäle und Unterrichtsräume mit gut erhaltenen Gebrauchtorgeln auszustatten, die bei uns vielleicht nur „unzeitgemäße“ Opfer eines aktuellen und damit vorübergehenden Stilempfindens unserer Organisten, Orgelbauer und Orgelsachverständigen sind, anstatt mit derzeit nicht finanzierbaren Neubauten. Warum sollten sie nicht in einem Land wie Bulgarien weiterklingen können, wo Orgelmusik in der Zeit des Kommunismus das vermittelte, was für viele die orthodoxe weihrauchgeschwängerte Prunkentfaltung nicht vermochte: Trost und innere Harmonie im grauen nihilistischen Alltag und das Gefühl von Kultur, Spiritualität und für die Gläubigen auch Gottesnähe über die Musik, besonders die von Johann Sebastian Bach.

 

Ich möchte diese Präsentation der bulgarischen „Orgellandschaft“ nicht beschließen, ohne meinen gleichgesinnten bulgarischen Freunden herzlich für viele wertvolle Informationen, Vermittlungen und die Preisgabe von Schlüsselverstecken herzlich zu danken. Die selbstlosen Initiativen von Velin Iliev wurden schon erwähnt. Grenzenlos in die Orgel verliebt ist der Posaunist Christo Băžev aus Loveč, der schon zur kommunistischen Zeit und unter mißbilligendem Blick und Unverständnis weltlicher und kirchlicher Instanzen Orgelforschung betrieben hat. In seinem Besitz sind zahllose eigene und historische Fotos, auch der inzwischen untergegangenen Orgeln, sowie die erwähnten Pfeifen aus der zerstörten Sauer-Orgel und eine in seiner Heimat einmalige Fachbibliothek.

 

 

Die Instrumente im Einzelnen (in chronologischer Reihenfolge)

Plovdiv, Katholische Bischofs- und Pfarrkirche St. Ludwig

 Erstinstrument von 1869 (?) von einem Orgelbauer aus Genua, oder nach anderen Quellen aus Budapest. 1930 verbrannt. Technische Daten bis auf die Anzahl von 2500 Pfeifen unbekannt. Seit 1991 Orgel von E.F. Walcker & Co., Ludwigsburg, Opus 5128, erbaut 1962 fur die Katholische Pfarrkirche Riehen bei Basel II/12, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

I. Manual, C-c4

Prinzipalflöte 8, Prinzipal 4, Sesquialter 2fach [ab b: 1 1/3 + 4/5], Mixtur 2-3fach

 II. Manual, C-c4

Gedeckt 8, Rohrflöte 4, Prinzipal 2, Quinte 1 1/3, Zimbel 2fach

 Pedal, C-g1

Subbaß 16, Gedecktbaß 8, Choralbaß 4

 Koppeln [Tritte]: II-I, I-Ped., II-Ped.

 

 

Sofia, Katholische Pfarrkirche St. Josef

 Erbaut vermutlich 1900, pneumatische Traktur. Erbauer und technische Gestalt unbekannt. Verbrannt 1944

 

 Ruse, Katholische Bischofs- und Pfarrkirche St. Paulus vom Kreuz

 Erbaut 1907 von Heinrich Voit & Söhne, Karlsruhe-Durlach, Op. 1004, II/13, Ventilladen, pneumatische Spiel- und Registertraktur

 I. Manual, C-f3

Bordun 16, Prinzipal 8, Viola di Gamba 8, Flauto amabile 8, Oktave 4, Cornett 3-4fach

 II. Manual, C-f3 [im Schweller]

Geigenprinzipal 8, Salicional 8, Vox coelestis 8, Lieblich Gedeckt 8, Rohrflöte 4

 Pedal, C-d1

Subbass 16, Zartbass 16 [eigenes Register!]

Koppeln [Wippen]: II/I, I/Ped., II/Ped., Sub II/I, Super I

Kombinationen: Tutti [Wippe]

Absteller: Handregister ab, Walze ab [Wippen],

Crescendowalze, Schwelltritt II

 

 Sofia, Konzertsaal „Bălgaria“

 Frühere, 1944 zerstörte Orgel: Erbaut 1936/37 von W. Sauer Orgelbau (Inh. Dr.h.c. Oscar Walcker), Frankfurt/Oder, Opus 1552, IV/70, Kegelladen, elektropneumatische Spiel- und Registertraktur

 I. Manual, C-c4

Bourdon 16, Prinzipal 8, Flûte harmonique 8, Gemshorn 8, Grobgedackt 8, Gamba 8, Oktave 4, Rohrflöte 4, Spitzquinte 2 2/3, Superoktave 2, Waldflöte 2, Scharf 3fach, Mixtur 5fach, Trompete 8

 II. Manual, C-c4 [im Schweller]

Ital. Prinzipal 8, Singend Gedackt 8, Quintatön 8, Salicional 8, Kleinprinzipal 4, Blockflöte 4, Schwiegel 2, Terz 1 3/5, Quinte 1 1/3, Glöckleinton 1, Cymbel 4fach, Sordun 16, Krummhorn 8, Regal 4, Waldhorn 4, Harfe celesta ("mit besonderem Ventilator" [???]), Tremolo II

 III. Manual, C-c4 [im Schweller]

Quintade 16, Hornprinzipal 8, Konzertflöte 8, Nachthorn 8, Viola 8, Vox celestis 8, Fugara 4, Flauto traverso 4, Nachthornquinte 2 2/3, Piccolo 2, Nasat 1 1/3, Siffiöte 1, Echomixtur 5fach, Fagott 16, Trompette harmonique 8, Oboe 8, Clairon 4, Tremolo III

 IV. Manual, C-c4 [Fernwerk mit 2 Schwellern]

Spitzflöte 8, Unda maris 8, Echobourdon 8, Singend Prinzipa14, Flautino 2, Campanelli 5fach, Vox humana 8, Schalmei 4, Tremolo IV

 Pedal, C-f1

Grand Bourdon 32 [16 + 10 2/3], Prinzipalbaß 16, Kontrabaß 16, Subbaß 16, Echobaß 16 [Transm.], Quintbaß 10 2/3, Oktave 8, Baßflöte 8 [Transm.], Cello 8 [Transm.], Choralbaß 4, Flötenbaß 4, Flachflöte 2, Bauernflöte 1, Pedalmixtur 5fach, Posaune 16, Trompete 8 [Transm.], Clairon 4 [Transm.]

 Koppeln: II/I, III/I, IV/I, I/P, II/P, III/P, IV/P, Superoktav III, Superoktav III/I, Superoktav IV, Suboktav III, Suboktav III/I, Suboktav IV

Kombinationen: 4 freie Kombinationen, Tutti [ohne Koppeln], Generaltutti, Pianopedal [frei einstellbar]

Absteller: Walze ab, Koppeln aus der Walze, Handregister ab, Zungen ab, 16’ ab

Crescendowalze, Schwelltritt II, Schwelltritt III, Schwelltritt IV

 Heutige Orgel: Erbaut 1974 vom Schuke-Orgelbau Potsdam, III/55, Schleifladen, mechani- sche Spieltraktur, elektrische Registertraktur

 I. Manual, C-a3, Hauptwerk

Bordun 16, Principal 8, Koppelflöte 8, Trichterpfeife 8, Oktave 4, Spitzflöte 4, Quinte 2 2/3, Oktave 2, Cornett 4f [ab g], Groß-Mixtur 6-7f, Klein-Mixtur 4f, Fagott 16, Trompete 8, II-I, III-I

 II. Manual, C-a3, Schwellwerk

Holzprincipal 8, Spitzgedackt 8, Viola da Gamba 8, Principal 4, Nachthorn 4, Rohrnassat 2 2/3, Oktave 2, Feldpfeife 2, Terz 1 3/5, Spitzquinte 1 1/3, Septime 1 1/7, Sifflöte 1, Mixtur 5f, Cymbel 3f, Dulcian 16, Hautbois 8, Schalmei 4, Tremulant, III-II

 III. Manual, C-g3, Brustwerk

Holzgedackt 8, Quintadena 8, Principal 4, Rohrflöte 4, Dulzflöte 4, Sesquialtera 2f, Gemshorn 2, Quinte 1 1/3, Oktave 1, Scharff 4f, Vox humana 8, Tremulant

 Pedalwerk, C-f1

Principal 16, Subbaß 16, Quinte 10 2/3, Oktave 8, Baßflöte 8, Baß-Aliquote 4f, Oktave 4, Pommer 4, Flachflöte 2, Hintersatz 4-5f, Mixtur 3f, Posaune 16, Trompete 8, Feldtrompete 4, I-P, II-P, III-P

 Kombinationen: 8 Setzerkombinbationen, davon 4 geteilt. Organo Pleno [frei einstellbar]

An- und Absteller: Zungeneinzelabsteller, Zungen ab, Walze an

Crescendowalze, Schwelltritt II

 

Sofia, Konzertsaal der Staatlichen Musikakademie

 Erbaut 1979 von VEB Orgelbau Dresden (Jehmlich), Opus 997. 1993 von Orgelbau Jehmlich an die Stirnseite des Saales umgesetzt und renoviert, II/19, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

 I. Manual, C-g3, Hauptwerk

Rohrflöte 8, Prinzipal 4, Nasat 2 2/3, Waldflöte 2, Mixtur 3-4f., Dulzian 16

 II. Manual, C-g3, Hauptwerk

Gedackt 8, Weidenpfeife 8, Koppelflöte 4, Prinzipal 2, Terz 1 3/5, Quinte 1 1/3, Zimbel 2f., Krummhorn 8, Tremulant

 Pedalwerk, C-f1

Subbaß 16, Prinzipalflöte 8, Gemshorn 4, Mixtur 3f., Trompete 8

 Koppeln: I-P, II-P, 11-1

 

 

Dobrič (Tolbuchin), Konzertsaal des Rathauses (ehemaliges Parteigebäude)

 Erbaut 1987 von Schuke-Orgelbau Potsdam, II/36, Schleifladen, mechanische Spieltraktur, elektrische Registertraktur

 I. Manual, C-g3, Hauptwerk

Gedackt 16, Principal 8, Rohrflöte 8, Quintadena 8, Oktave 4, Spitzflöte 4, Quinte 2 2/3, Oktave 2, Waldflöte 2, Mixtur 4-5f, Cimbel 3f, Trompete 8, II/I

 II. Manual, C-g3, Schwellwerk

Geigenprincipal 8, Holzgedackt 8, Salicional 8, Oktave 4, Nachthorn 4, Fugara 4, Nassat 2 2/3, Gernshorn 2, Terz 1 3/5, Quinte 1 1/3, Sifflöte 1, Scharff 4f, Oboe 8, Vox humana 8, Tremulant

 Pedalwerk, C-f1

Principal 16, Subbaß 16, Oktave 8, Gedacktbaß 8, Oktave 4, Flachflöte 4, Bauernpfeife 2, Hintersatz 4f, Posaune 16, Trompete 8, I/P, II/P

 Kombinationen: 32 Setzerkombinationen, Organo Pleno

An- und Absteller: Zungeneinzelabsteller, Handregister an Walze, Walze an

Crescendowalze, Schwelltritt II

 Blagoevgrad, Theater- und Konzertsaal des Kulturhauses

 Erbaut 1988 von Rieger-Kloss, Krnov, Opus 3603, II/20, Schleifladen, mechanische Spieltraktur, elektrische Registertraktur

 I. Manual, C-a3, Hauptwerk

Principa1 8, Rohrflöte 8, Oktave 4, Blockflöte 2, Mixtur 4-5x 1 1/3, Trompete 8, II/I

 II. Manual, C-a3, Schwellwerk

Gedackt 8, Spitzgambe 8, Principal 4, Koppelflöte 4, Oktave 2, Sesquialter 2x 1 1/3, Scharf 4x 1, Krummhorn 8, Tremolo

 Pedal, C-f1

Subbass 16, Oktave 8, Bassflöte 8, Superoktave 4, Rauschpfeife 4x 2 2/3, Fagott 16, I/P, II/P

 Kombinationen: 4 freie Kombinationen, Pleno, Tutti

Absteller: Zungeneinzelabsteller, Zungen ab, Crescendo ab

Crescendowalze, Schwelltritt II

 

 Varna, Kongress- und Festspielzentrum

 Erbaut 1989 von Schuke-Orgelbau Potsdam, IlI/53, Schleifladen, mechanische Spieltraktur, elektrische Registertraktur

 I. Manual, C-a3, Hauptwerk

Bordun 16, Principal 8, Spillpfeife 8, Gambe 8, Oktave 4, Gernshorn 4, Rauschpfeife 2f, Flachflöte 2, Mixtur 6f, Scharff 4f, Trompete 16, Trompete 8, II/I, III/I, ST/I; auf Sonderlade: Solotrompete 16 , Solotrompete 8

 II. Manual, C-a3, Schwellwerk

Gedackt 16, Geigenprincipal 8, Holzflöte 8, Salicional 8, Schwebung 8 [ab c], Oktave 4, Blockflöte 4, Fugara 4, Nassat 2 2/3, Waldflöte 2, Terz 1 3/5, Mixtur 5f, Bombarde 16, Hautbois 8, Schalmei 4, Tremulant, III/II, ST/II

 III. Manual, C-a3, Oberwerk

Principal 8, Holzgedackt 8, Quintadena 8, Oktave 4, Rohrflöte 4, Sesquialtera 2f, Oktave 2, Spitzflöte 2, Nassat 1 1/3, Sifflöte 1, Mixtur 5f, Vox humana 8, Tremulant

 Pedalwerk, C-f1

Principal 16, Subbaß 16, Nassat 10 2/3, Oktave 8, Gedackt 8, Oktave 4, Pommer 4, Nachthorn 2, Mixtur 5f, Posaune 16, Trompete 8, Clairon 4, I/P, II/P, III/P, ST/P

 Kombinationen: 32 Setzerkombinationen, Organo Pleno [frei einstellbar]

An- und Absteller: Zungeneinzelabsteller, Handregister an Walze, Walze an

Crescendowalze, Schwelltritt II

 

 

Plovdiv, Konzertsaal der Akademie für Musik und Tanz

 Erbaut 1958 von Wemer Bosch, Kassel, Werk 180. 1999 in Plovdiv aufgestellt, I/5, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

 Manual, C-f3

Gedackt 8, Prinzipal 4, Blockflöte 2, Mixtur 3fach 1 1/3

 Pedal, C-f1

Subbaß 16, Koppel M/P

   

 

 

Impressum : 

Besitzer : Orgelbau Gerhard Walcker-Mayer

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