Bälgchen neu beledern

ein workshop in Russe/Bulgaria

an der Voitorgel von 1906

von Gerhard Walcker- Mayer Okt. 2003

 

  Vorwort bei Doppelclicken erscheint eine Grafik in 800x600 pix
  Diese Arbeiten hat jeder Orgelbauer irgendwann einmal durchzuführen. Und da dachte ich mir, eine kleine Erinnerungsstütze ist ganz gut zu gebrauchen. Denn ohne ein planmässiges Arbeiten ist das Neubeledern von Bälgchen, egal welcher Art sie nun sind, ein nervenaufreibendes Unternehmen. Je besser die Vorbereitung und je eindeutiger die Tricks, desto einfacher und schneller ist man am Ziel. Einige Dinge erkennt auch der absolute Profi oder bei seiner Servicereparatur kaum : zum Beispiel ein Grat, der sich innerhalb des Bälgchens beim Aufleimen bildet, und der nach einigen Betriebsjahren das Leder aufgeschlitzt hat. Entfernt man diesen nicht, so wird dieses Bälgchen bei immer geringer werdender Betriebsdauer wieder ausfallen. Oder eine zu weiche Feder, die nicht nachgestellt wurde, verhindert akurate Repetition. Leder, welches unter Spannung aufgeleimt wurde, das also Falten aufweist, wo keine sein sollten, hingegen, zieht das Ventil geheimnisvoll auf anstatt es zugehen zu lassen. Daher dieser workshop, der einige Tipps und Tricks zeigt, wie man einfach an diese Arbeit herangehen kann. Über Verbesserungsvorschläge oder andere Hinweise bin ich immer dankbar.
  Vorbereitung  
a) Die Bälgchen sollen möglichst im M1:1 aufgezeichnet werden. Insbesondere von den Lederabwicklungen müssen genaue Zeichnungen vorliegen, da diese Abwicklungen als Schablonen zum Zuschneiden der Lederstreifen dienen. Von den alten Bälgchen ist es gut einige "Prachtexemplare" abgezogen in einer Doku eingeleimt aufzubewahren. Allerdings sollten diese Teile nicht als Maßstab verwendet werden, da hier die Maße durch Dehnbarkeit des Leders sehr, sehr variabel werden.
b)    
c) Neben einem Zuschneidebrett sollte ein Winkellineal und ein kürzeres Stahlineal sowie einige Messer und eine Schere bereit liegen. Wir verwenden als Leder "Spaltleder Ia havanna amerik." von Herzog und Knochenleim von Dick. Um den Zuschnitt relativ effektiv zu gestalten sollte man wie im Bild unter a) gezeigt einige Schablonen legen.
  Eine Musterbelederung  
1. Hier nun also liegen vier Bälgchen des Voitschen Ausstromsystem vor uns in weißem Spaltleder und mit hilfsweise angebrachten Zusatzfedern eines Orgelstimmers. Von ihm verwendet wurden auch Knochenleim und Filzstücke, so dass wir davon ausgehen, dass diese Arbeit etwa 1910 bis 1940 gemacht wurde. Es wurde an den Bälgchen  der Vox coelestis 8' im Schwellwerk vorgenommen. Die Bälgchen sind hier in allen Ansichten fotografiert.
       
2. Nun zerstören wir das erste Bälgchen weiter, indem wir die Lederhaut mit dem Stemmeisen abschaben
       
  Beim Abschaben der Lederreste, darf nicht vergessen werden unbedingt die an den Innen-Kanten sich gebildeten scharfen Leimkanten zu entfernen. Diese sorgen ansonsten für recht schnellen Verfall des neuen Leders. Auch das Nachjustieren der Feder sollte jetzt geschehen. Ratsam ist in jedem Fall die Feder zu richten und etwas anzuziehen.  
    
  an dem nachfolgenden Foto geben wir nochmals die Lederunterseite des Bälgchens deutlich zu erkennen. Diese Unterseite stellt ein Loch für den Windfluss und ein weiteres Loch für die Schraube zur Verfügung. Außerdem ist dieses Leder gleichzeitig das Scharnier der beiden Bälgchenhölzer. Auf dieses Scharnier werden die beiden Enden der Lederumwicklung später umgeklappt.
     
3. Aus diesem Grunde wird dieses Leder zuerst aufgeleimt : es verbindet die beiden Bälgchenholzplatten und dient später als Träger der beiden Enden der kompletten Belederung
     
  Nun ist der erste Schritt gemacht, das Bälgchen hat die erste Belederung erhalten
4. Man presst nun mit zwei Fingern die beiden Hölzer so zusammen, wie es auf diesem Foto dargestellt ist und bestreicht diese mit dem Pinsel wie auf diesem Foto gezeigten Kanten mit Knochenleim. Der Knochenleim sollte im Wasserbad auf einer Temperatur von 65 Grad Celsius gehalten werden. In diesem Zustand kann man den Leim rund 2 bis 3 Tage verwenden. Vorbereitet sein sollte nun : die neue Lederabwicklung auf ein Stück weißes Papier legen, genau so, wie es nachfolgend aufgeleimt werden soll. Zu beachten : die Finger sind vollkommen trocken zu halten, so dass man damit das Leder glatt streichen kann.

 

5. dieser erste Schritt der Anleimung ist der wichtigste, daher etwas Kommentar dazu :das linke Holzteil muß exakt an die Lederkante aufgelegt werden. Unten steht eine Lederspitze über, die später umgeklappt wird. Das Leder liegt auf weißem, sauberen Papier, während das linke Holzteil, welches mit dem Leim bestrichen ist auf das Leder aufgelegt wird. Danach wird der rechte Holzteil aufs Leder gedrückt.
6. Das Bälgchen bleibt auf dem Papier liegen, während man das Leder exakt an der linken Holzkante weiter andrückt und auch rechts am zweiten Klötzchen das Leder heranführt...
7. ...bis das Leder das komplette Bälgchen umschließt. Jetzt heißt es, mit dem trockenen Finger das Leder sorgfältig ans Holz andrücken und gegebenenfalls etwas korrigieren.
 

die Falten, wie hier angedeutet, fallen von selbst wie sie sein müssen, und werden erst später nach Antrocknen des Leims eingepresst.

8. Umklappen der mit Leim befeuchteten Enden - fertig
9. und hier sind unsere vier Kandidaten von oben in neuem Gewande. Allerdings sind diese noch nicht in die erforderlichen Falten gepresst. Dieser letzte Arbeitsschritt sollte am nächsten Tag, wenn der Leim wirklich restlos getrocknet ist erfolgen.
   

.... und nun heisst es : Pause und  erstmal Tee trinken

 

 

 

 

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